Ein deutscher Linker II

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Ein deutscher Linker II
Datum: 27.09.2013, 20:23

In Richard Wagners Vierteiler über die Ursachen und das (vorläufige) Scheitern der Revolution droht der alten Welt des Göttervaters Wotan von zwei Seiten das Ende: vom anarchistischen Alleszermalmer Siegfried und vom kapitalistischen Ausbeuter Alberich. Auf wessen Seite Wagners Sympathie liegt, ist klar. Siegfried verkörpere „den Menschen in der natürlichsten, heitersten Fülle seiner sinnlich belebten Kundgebung“, führt sein Erfinder in der Selbsterklärungs-Schrift „Eine Mitteilung an meine Freunde“ aus, „kein historisches Gewand engte ihn mehr ein; kein außer ihm entstandenes Verhältniß hemmte ihn irgendwie in seiner Bewegung“. Der furchtlose und von keiner Ideologie verdorbene Recke ist der schlechthin freie Mensch. „Siegfried-Bakunin“, wie George Bernhard Shaw ihn halbironisch titulierte, zerschlägt die alte Gesellschaft und macht klar Schiff für die neue, die er selber nicht erleben wird. Wie diese neue Welt aussehen soll, davon gibt dann „Parsifal“ mehr Ahnung als Auskunft.

An den inhaftierten 1848er Mitstreiter August Röckel geht im Januar 1854 folgende Erklärung Wagners: „Siegfried (ist) der von uns gewünschte Mensch der Zukunft, der aber nicht durch uns gemacht werden kann, und der sich selbst schaffen muß durch unsere Vernichtung.“ – „Wir müssen sterben lernen, und zwar sterben im vollständigsten Sinn des Worts (...) Dies ist alles, was wir aus der Geschichte der Menschheit zu lernen haben: das Notwendige zu wollen und selbst zu vollbringen.“

An Franz Liszt schreibt er im Oktober 1954: „Beachten wir die Welt nicht anders als durch Verachtung; nur diese gebührt ihr: aber keine Hoffnung (...) Sie ist schlecht, schlecht, grundschlecht ... Sie gehört Alberich: niemand anders!!! Fort mit ihr!“ Fast ein Vierteljahrhundert später, im Mai 1877, notiert Cosima im Tagebuch, der Gemahl habe London als den erfüllten Traum Alberichs bezeichnet. Der Rheingold-Räuber ist die schwarze Gegengestalt zum lichten Siegfried, der Inbegriff von Ausbeutung, Gier, Lieblosigkeit, Naturzerstörung; sein Sohn Hagen wird den hehren Helden hinterrücks ermorden. – War Alberich Jude?

Man wird bei den Figuren aus Wagners Bühnenpersonal, die inzwischen unter Juden(karikatur)verdacht gestellt wurden, zweierlei festellen: Allesamt verlieren sie kein Jota von ihrer dramatischen Persönlichkeit und archetypischen Eigenart, wenn sie nur sozusagen sie selber sind. Und alle waren zuerst als nichtjüdische Gestalten vorgeformt, bevor vermeintlich jüdische Charakteristika in sie einflossen. Der garstige Zwerg Mime etwa ist ein uraltes Sagenwesen, das im „Ring“ ersteht und, ob nun als Judenkarikatur oder nicht, derselbe verschlagene – aber auch erniedrigte, gedemütigte, im „Rheingold“ vom eigenen Bruder versklavte, nur seine Ruhe haben wollende und beim heutigen Publikum recht beliebte – Zwerg bleibt. Die Figur des „Merkers“ Sixtus Beckmesser in den „Meistersingern“ wiederum hatte Wagner konzipiert, bevor er den jüdischen Musikkritiker Eduard Hanslick kennen und verachten lernte. Und im „Ring“ gehen die vermeintlichen Judenkarikaturen mit den Ariern in trauter Eintracht unter.

Die Behauptung, auch aus Wagners Werk spreche Antisemitismus, folgt dem Muster, wonach ein Judenfeind im Leben eben im Werk desgleichen einer sein müsse (wobei der Komponist privat erhebliche Ausnahmen machte). Mehr als Indizien, dass frühere Generationen einige Wagner-Gestalten womöglich als Judenkarikaturen verstanden haben könnten, vermochten die Untersteller bis heute nicht herbeizuschaffen.

Gleichwohl hat sich Wagners Judenaversion – um nicht vorschnell den Begriff „Antisemitismus“ zu verwenden, der erst 1860 von dem jüdischen Philologen Moritz Steinschneider geprägt wurde – in den Aussagen besonders exponierter Zeitgeistbewirtschafter inzwischen bis zur Holocaust-Vorläuferschaft gesteigert. Allerdings folgte sie zunächst einmal dezidiert linken Mustern. In seinem Pamphlet „Das Judentum in der Musik“ argumentierte Wagner nicht anders als viele Junghegelianer, Bruno Bauer etwa, welcher schrieb, die Juden könnten sich nur politisch emanzipieren, wenn sie sich vom Judentum emanzipierten. Bei Karl Marx lesen wir: „Die Emanzipation vom Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum, wäre die Selbstemanzipation unserer Zeit. (...) Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element. (...) Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum. (...) Die gesellschaftlicheEmanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum“ (alle Hervorhebungen von Marx – M.K.).

Bei Wagner finden wir denselben Gedankengang, nur gewissermaßen bühnentauglich formuliert: „Gemeinschaftlich mit uns Mensch zu werden, heißt für den Juden aber zu allernächst so viel als: aufhören, Jude zu sein. (...) Nehmt rücksichtslos an diesem durch Selbstvernichtung wiedergebärenden Erlösungswerke teil, so sind wir einig und ununterschieden. Aber bedenkt, daß nur Eines eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluche sein kann: Die Erlösung Ahasvers, – der Untergang!“

Die theatralischen Termini „Vernichtung“ und „Untergang“ verwendete Wagner, wie vorher gezeigt, keineswegs exklusiv in Bezug das Judentum; dergleichen verbales Gedröhne entsprach seinem Naturell. Merkwürdigerweise haben die Antisemitismusdetektoren immer nur bei diesen Schlusssätzen ausgeschlagen, die ja nun eindeutig nicht von der physischen Vernichtung, sondern der Emanzipation der Juden handeln, während sie die tatsächlich bösartigen Passagen der Krawallschrift ignorierten. Etwa wenn der Autor eine instinktmäßige Abneigung der Deutschen gegenüber den Juden unterstellt und den Juden kollektiv die Fähigkeit abspricht, authentische Musik zu komponieren. Konkret meint er damit Felix Mendelssohn und, ohne ihn namentlich zu nennen, Giacomo Meyerbeer, dem einen die Begabung, dem anderen den Erfolg neidend. Doch auch nachdem er beide weit überflügelt hatte, ließ seine Judenverachtung nicht nach.

Ein Grund bestand darin, dass Wagner sich von der jüdischen Presse und Kritik teils boykottiert, teils verfolgt fühlte (die Frage ist freilich, was er nach seiner Judenbroschüre anderes erwartet hatte). Ein weiterer bestand im wachsenden Einfluss von Juden im deutschen Kulturbetrieb, dessen Verflachung und Verfall er diesem „gänzlich fremde(n) Element“ zuschrieb. „In der Natur ist es so beschaffen, daß überall wo es etwas zu schmarotzen gibt, der Parasit sich einstellt: ein sterbender Leib wird sofort von den Würmern gefunden, die ihn vollends zersetzen und sich assimilieren. Nichts anderes bedeutet im heutigen europäischen Culturleben das Aufkommen der Juden“, unterrichtete er seinen königlichen Mäzen Ludwig II., dem solche Rodomontaden übrigens unangenehm waren.

Interessant sind denn aber Wagners Orakelworte, die Cosmia am 17. Dezember 1881 im Tagebuch festhielt: „Eines ist sicher, die Racen haben ausgespielt, nun kann nur noch, wie ich es gewagt habe auszusdrücken, das Blut Christi wirken.“ Beim späten Wagner verbindet sich der notorisch weltkritisch-weltumstürzlerische Impuls zunehmend mit religiösen Erlösungsvorstellungen. Mit der realen Kirche haben sie nichts zu tun. Was inmitten der Aufgeregtheiten über des Meisters Antijudaismus meistens untergeht, ist sein ebenso deziderter Antikatholizismus mit dem Jesuiten als Hassfigur. Es sei ein „Skandal“, dass der Katholizismus noch immer bestünde, hält Cosima am 10. November 1878 fest, einen Tag später erklärt ihr Gemahl die katholische Kirche zur „Pest der Welt“. Gleichzeitig nimmt sein „Parsifal“ eindeutige Anleihen beim katholischen Ritus. Das heißt soviel wie: Wenn schon eine Kirche, dann stifte ich sie.

So wie Wagner stets ein antiklerikaler Linker geblieben ist, richtet sich auch seine Judäophobie zeitlebens gegen „den“ Juden als Repräsentanten der kapitalistischen Geldwirtschaft. „Der Jude scheint den Völkern des neueren Europas überall zeigen zu sollen, wo es einen Vortheil gab, welchen jene ungekannt und unausgenutzt ließen“, schreibt er 1865 in seinem Essay „Was ist deutsch?“. Im Judentum-Aufsatz heißt es: „Der Jude ist nach dem gegenwärtigen Stande der Dinge dieser Welt wirklich bereits mehr als emanzipiert: er herrscht, und er wird so lange herrschen, als das Geld die Macht bleibt, vor der all unser Tun und Treiben seine Kraft verliert.“

Fassen wir zusammen: Wagner wollte nicht die Juden als Individuen abschaffen, sondern das Judentum als solches, in dem er ein über viele Jahrhunderte erprobtes Instrument der Exklusion und des Egoismus sah. Ihn stieß am Judentum ab, dass in seinem Zentrum nicht das universelle Mitleid, sondern das Wohl einer Gruppe stand. Er wünschte, die Juden mögen christusgläubige, selbstlose, antikapitalistische Wagnerianer werden. Da sie aber nicht seinem Willen folgten, hätte zumindest dem alten Wagner womöglich – womöglich! – der Plan gefallen, sie nach Madagaskar oder sonstwohin auszusiedeln. Schwer vorstellbar indes, dass dieser Kunst-Anarchist, Pazifist und Machtpolitikverächter, dem Jesus und Buddha unendlich höher standen als Friedrich der Große und Napoleon, am Dritten Reich Gefallen gefunden hätte.

Als klassischer Linker steht Wagner auch vor uns, wenn man den marxistischen Bibelsatz beim Worte nimmt, dass sich der Grad der gesellschaftlichen Emanzipation am Grad der Emanzipation der Frau offenbare. Seine großen Frauenfiguren sind radikale Konventionsbrecherinnen. Die Isolde der Überlieferung, eine eher passive Gestalt, „emanzipiert“ Wagner zur selbstbestimmt handelnden Liebenden, so wie er Brünnhilde (zur Auflehnung gegen Göttervater Wotan) und Sieglinde (zum Bruch ihrer Zwangsehe) emanzipiert. Am Ende der „Götterdämmerung“ ist es Brünnhilde, das „wissend“ gewordene Weib, die den Nekrolog auf die untergehende alte Welt hält.

Die freie, befreiende, ja erlösende Liebe zu preisen, wird Wagners nicht müde. Das gilt für Siegmund-Sieglinde, Siegfried-Brünnhilde, Tristan-Isolde, doch auch Senta im „Fliegenden Holländer“ und Elisabeth im „Tannhäuser“ zerbrechen aus Liebe ihre sozialen Käfige und retten die Titelhelden vor ewiger Verdammnis. Die mysteriöse Kundry im „Parsifal“ wird wiederum vom Fluch erlöst, den Männern in immer neuen Wiedergeburten als Eheweib, Magd, Hure oder Botin dienen zu müssen (ein paar Hochbegabte meinen auch, sie werde als Jüdin vernichtet). Statt Sittsamkeit eignet all diesen Frauenzimmern, mit der schönen Formulierung Thomas Manns, „ein Zug von Edelhysterie“. Man würde Wagner nicht sonderlich fehlinterpretieren, wenn man ihn als Proto-Feministen und im Jahrhundert fehlgegangenen 68er bezeichnete.

Der scharfsichtige Nietzsche witterte übrigens schon, worauf das alles einmal hinauslaufen werde: „Haben Sie bemerkt, dass die Wagnerischen Heldinnen keine Kinder bekommen? Sie können’s nicht... Siegfried ‚emancipirt das Weib’ – doch ohne Hoffnung auf Nachkommenschaft.“

Beitrag erschien zuerst auf michael-klonovsky.de

Sven von Storch

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