Die Ungeborenen

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Die Ungeborenen
Datum: 07.04.2014, 15:32

„Wir bestellen nichts, wir verkünden nichts. Daß wir uns zeigen, ist alles, was uns gewährt ist“, sprechen die kindlichen Schemen. Hier ist nicht der Ort, das unendliche Zartgefühl des Dichters bei der Verwirklichung dieser Szenen zu rühmen, sondern es soll nur der verstörende Gedanke im Raum stehen, man könne einen phantastischen Ort betreten, an welchem man seinen ungeborenen, seinen niegeborenen Nachkommen begegnet. Das muss man erfühlen, darüber muss man meditieren...

In Richard Strauss’ gleichnamiger Oper, deren Libretto der Erzählung vorausging, singen die Ungeborenen sogar, meines Wissens ein singulärer Fall in der abendländischen Musik, wenn nicht aller Kunst („Mutter, Mutter, laß uns nach Hause!/ Die Tür ist verriegelt, wir finden nicht ein,/ wir sind im Dunkel und in der Furcht! Mutter, o weh!“). Andeutungshalber geht es bei einem der beiden Paare, denen in Hofmannsthals Text die Hauptrollen zufallen, um Abtreibung, jene heute mit dem Euphemismus aller Euphemismen „Schwangerschaftsabbruch“ geheißene Tötung des Kindes in statu nascendi. Dass ungefähr jedes dritte werdende Leben in Deutschland „an der Wand der Unwillkommenheit zerschellt“ (Peter Sloterdijk), ist eine Tatsache, zu der man sich irgendwie verhalten muss. Wie für jedes wirkliche Problem gibt es auch für dieses keine einfache Lösung; ein fühlender Mensch kann sich weder ernstlich auf die Seite der rigiden Abtreibungsbefürworter noch auf jene der kompromisslosen Abtreibungsgegner stellen, weil es immer extreme Fälle gibt, die eine Tötung des Fötus als das kleinere Übel, das geringere Vergehen, die verzeihlichere Sünde erscheinen lassen, und es gab Zeiten, wo mir der Begriff „Sünde“ in diesem Kontext wie ein klerikalfaschistisch inspirierter Witz erschienen wäre, doch die Frage wird nicht nur erlaubt, sondern geboten sein, warum die „Mein Bauch gehört mir“-Fraktion sich hierzulande so unangefochten, ja triumphal durchsetzen konnte, warum es so skandalös einfach ist, den „Abbruch“ vornehmen zu lassen, warum die Anlässe dafür zuweilen so gering sein können, warum sich die wenigsten Frauen – und Männer!! – daraus ein Gewissen machen.

Und ich wüsste gern, warum nicht einer – nur einer – unserer modernen Kakophoniker den Schrei der zu Abertausenden abgetriebenen Föten in einem musikalischen Werk ertönen lässt, warum nicht ein einziger unserer kolossal freigeistigen Künstler ihre zerfetzten Körperchen malt oder meißelt oder „inszeniert“, warum keiner unserer preisbehängten Autoren, keiner unserer wunder wie wilden Bühnendichter und Theaterregisseure ihnen eine Stimme gibt, als seien sie wahrhaftig nichts und nichtig, als existierte dieses ungeheuerliche Problem überhaupt nicht.

Beitrag erschien auch auf: michael-klonovsky.de

 

Sven von Storch

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