Der Wert der Verschwendung
Der Wert der Verschwendung
Datum: 11.02.2014, 10:39
Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst ist kein Mensch, in dessen Anblick sich der Betrachter mit Wohlgefallen vertieft, sondern eher ein RTL2-Gesicht, wie gemacht als Katholiken-Karikatur bzw. zum schleunigen Wegzappen. Dafür kann er nichts oder wenig. Seine angeblich kolossale Verschwendung von Geldern, die zumindest die nichtkatholische Öffentlichkeit kaum etwas angehen, weil es Kirchengelder sind, bewegt sich im Vergleich zum Milliardengrab Berliner Flughafen – welches wiederum alle Welt (minus ca. die Hälfte der Berliner) bekümmern müsste, weil es sich um allgemeine Steuerverschwendung handelt – doch eher im Bereich homöopathischer Dosierungen, ohne dass deutsche Medien auf den Berliner Hauptverantwortlichen, den Herrn Partybürgermeister Wowereit, eine auch nur im Ansatz vergleichbare Hatz inszeniert hätten wie auf den bizarren Limburger Kirchenmann. Im Gegenteil, die Geldverbrennung zu Schönefeld ist witzig, eine Art Folklore. Was einzig und allein damit zusammenhängt, dass der eine, kleine Verschwender Katholik ist und zölibatär lebt, also irgendwie ein Perverser, während der andere als SPD-Mitglied und überdies wegweisender Das-ist-auch-gut-so ein ganz anderes Quantum an Nachsicht und generell für sein Dasein Applaus verdient. Ob Tebartz-van Elst tatsächlich etwas „Wertiges“, wie es neudummdeutsch heißt und von ihm selber nachgeschwätzt wurde, hat errichten lassen, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber immerhin steht zu Limburg überhaupt etwas neu und nach Plan Gebautes, das heißt, das Geld ist weder in irgendwelche Gaunertaschen geflossen, noch hat es sich in Nichts aufgelöst.
Der Fall zeigt nicht nur, welch gemütvolle Mit-zweierlei-Maß-Messerei unter hiesigen Medienschaffenden offenbar schon vorbewusst waltet, sondern wirft außerdem ein erhellendes Lichtlein auf diese Gesellschaft insofern, als deren im weitesten Sinne Repräsentationsarchitektur – weil angeblich per se und a priori Geldverschwendung und als solche von der demokratischen Öffentlichkeit stets schon im Planungsstadium zu kujonieren – von einer erschütternden Piefigkeit, Mickrigkeit und Billigkeit ist. Es soll ja möglichst nichts Repräsentatives mehr gebaut werden, sondern lieber Begegnungsstätten, Sozialbauten, Gesamtschulen, Windräder, Mediamärkte oder Wohlfühl-Knäste mit Schwimmbädern, und letztlich ist es immer noch besser, Steuereinnahmen zu vernichten, als sie in die Errichtung sozial ungerechter Architektur zu stecken. Hat die Bundesrepublik Deutschland in ihrer 64jährigen Geschichte ein einziges Bauwerk errichtet, zu dessen Bestaunung und Bewunderung, jedenfalls wohlgefälliger Betrachtung Touristen in diesem Land vorstellig werden? (Ich meine im nichttechnischen Sinne – die Atomkraftwerke waren ja offenbar bewundernswert.) Nein, die Touristen kommen wegen der Schlösser des ach so verrückten Ludwig II., wegen der gotischen Kathedralen und Barockkirchen, wegen Wartburg, Goethehaus und königlicher Gemäldegalerien, wegen rekonstruierter historischer Innenstadtreste und fürstlicher Lustschlösser. Speziell an den bayerischen Märchenkönig musste ich im Zusammenhang mit dem Limburger Exoten zuweilen denken, denn man stelle sich den Aufschrei vor, den nur die bescheidenste seiner architektonischen Spinnereien heute auslösen würde! Aber ohne diese realisierten Phantasien (und des Kronprinzen Oktoberfest) befände sich Bayern weder in seiner kommoden wirtschaftlichen Lage, noch hätte es sich jemals derart nachhaltig ins globale Bewusstsein geprägt. Man kann verallgemeinern, dass nahezu – nein, dass ausnahmslos alle wert-, pracht- und wundervolle Architektur auf diesem Planeten aus Verschwendung entstanden ist, meistens aus Steuerverschwendung, und dass selten bis nie Sozialdemokraten oder gar Grüne, so versiert sie in puncto Steuerverschwendung auch sein mögen, daran beteiligt waren, denn sogar wenn Sozialdemokraten oder Grüne Konzerthallen bauen lassen, verzichten sie auf menschenverachtende Freitreppen und faschistoid prunkene Portale und lassen die irgendwie diskriminierende Zentralachse wenigstens auf der Damen- bzw. Unisex-Toilette enden.
Um nach diesen Abschweifungen auf Tebartz-van Elst zurückzukommen: Das einzige, was ihn jetzt noch retten und am Ende gar salvieren könnte, wäre ein Coming out samt Anklage seines Vereins wegen Diskriminierung und der Beteuerung, er habe lediglich seinen unterdrückten Trieb ins Architektonische kanalisieren, sublimieren, ja emanzipieren wollen bzw. müssen. Dürfen? Nein, müssen.
Beitrag erschien zuerst auf: michael-klonovsky.de
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