Bigotterie
Bigotterie
Datum: 17.03.2014, 09:57
Jetzt soll sich also Valery Gergiev von seinem Landesvater Putin distanzieren, sofern er tatsächlich 2015 Chefdirigent der Münchner Philharmoniker werden will. Meint unter anderen Frau Büning von der FAZ. "Ist Gergiev für München noch tragbar?", gibt die Dame die angeblich an der Isar "hochkochende" Frage wieder, nachdem der Dirigent die russische Krimpolitik gutgeheißen hat. Die Moskowiter trennen sich eben nicht so bereitwillig von russisch besiedelten und geostrategisch wichtigen Ländereien, wie die Deutschen es nach der großen Prügel zweier verlorener Kriege zunächst zähneknirschend taten und dann beflissen für vorbildlich erklärten. Als es noch die Sowjetunion gab, war man deren Staatskünstlern gegenüber toleranter, und auch amerikanische Artisten bleiben hierzulande durchweg unbehelligt von der Frage, ob sie sich nicht von ihrer Regierung distanzieren wollen, weil die USA in den vergangenen Jahren Aggressionskriege mit abertausenden getöteten Zivilisten gegen den Irak, Afghanistan und Libyen geführt haben. Aber Putin als der diensttuende Feind der Menschheit und one-world-Verweigerer muss wenigstens rhetorisch – und, was Gergiev anbelangt, symbolisch – angegangen werden, wo er sich so erschütternd wenig um die angedrohten Sanktionen der nicht nur in seinen Augen machtpolitisch kaum satisfaktionsfähigen europäischen Moralprediger und Moresverleugner schert.
Ich vermute, dass der Dirigent als stolzer Russe eher auf den Job verzichten wird, als gegenüber Leuten klein beizugeben, die weder zwischen nationalen Interessen und frommen Wünschen noch zwischen Männern und Wichten zu unterscheiden wissen. Aber vielleicht gibt es in der süddeutschen Phäakenstadt ja hinreichend viele und vor allem einflussreiche Menschen, die unsere selektiven Tugendbolde zur Abwechslung daran erinnern, dass ein Musiker politisch meinen kann, was er will, solange er nur große Kunst abliefert.
Beitrag erschien zuerst auf: michael-klonovsky.de
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