Tagesschau setzt DIN-Normen für _Einfache Sprache_ falsch um

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Tagesschau setzt DIN-Normen für _Einfache Sprache_ falsch um
Datum: 02.07.2024, 12:14

Beide fordern eine klare Unterscheidung zwischen Leichter Sprache aus der Behindertenhilfe und Einfacher Sprache, die sich an alle Menschen richtet. Sie bieten der Tagesschau an, im Dialog das Angebot in Einfacher Sprache zu verbessern. 

Die Mehrheit wünscht sich verständliche Nachrichten – aber nur eine Minderheit erhält ein Angebot

Mit ihren Ankündigungen machte die Tagesschau vielen Menschen Hoffnung auf ein Angebot in Klartext, das das komplexe Weltgeschehen einfach verständlich erklärt. Mit ihrem neuen Angebot verfehlt die Tagesschau diese Gelegenheit und enttäuscht. Uwe Roth hat die DIN-Normen für Einfache Sprache mitentwickelt, mit dem Ziel, dass alle Menschen von verständlichen Informationen profitieren. Auch er ist enttäuscht vom neuen Angebot der Tagesschau: 

„Die Inhalte der ersten Tagesschau-Sendungen in „Einfacher Sprache“ entsprechen in Wirklichkeit dem Niveau der “Leichten Sprache”. Das ist, als würde ich jungen Menschen Rollatoren oder Seniorenhandys in die Hand drücken – die Zielgruppe passt nicht zur Nutzerschaft.“   

Auch Akademiker bevorzugen Klartext 

Das Label Einfache Sprache sei aus diesem Grund nicht richtig, erklärt Uwe Roth. Die Tagesschau-Redaktion ignoriere wichtige Teile der Normen fürs Schreiben in Einfacher Sprache (DIN ISO 24495-1 und DIN 8581-1 Einfache Sprache/Plain Language). „Die Redaktion geht davon aus, dass die Nutzer des Angebots automatisch Bildungslücken haben. Einfache Sprache zielt jedoch nicht auf bildungsferne Nutzer ab", so Roth weiter. 

Unterschied zwischen Einfacher und Leichter Sprache  

Die Tagesschau verwendet Leichte Sprache – sie richtet sich an Menschen mit Lernschwierigkeiten und anderen Einschränkungen. Im Gegensatz dazu ist Einfache Sprache für die Allgemeinheit gedacht. Sie verwendet kürzere Sätze, prägnantere Formulierungen und bevorzugt die aktive Sprache. „Der Unterschied ist entscheidend. Leichte Sprache ist eine Sondersprache, während Einfache Sprache eine verständlichere Form der Standardsprache ist", sagt Gidon Wagner von WORTLIGA. „Die Tagesschau verspielt ihre Chance, das schwindende Publikum zurückzugewinnen – durch verständliche Nachrichten. Auch Akademiker haben Schwierigkeiten mit komplizierter Sprache, wie Studien zeigen.“

Immer mehr Menschen meiden Nachrichten – Einfache Sprache könnte den Trend umkehren 

Wagner und Roth fordern die Tagesschau auf, Einfache Sprache korrekt anzuwenden und sich an die geltenden Normen zu halten. „Die Tagesschau sollte als so wichtiges Medium in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck erwecken, dass ihre Texte DIN-konform seien, wenn sie es nicht sind", so Roth. „Es ist wichtig, dass die Unterscheidung zwischen Einfacher und Leichter Sprache klar und verständlich kommuniziert wird. Gern unterstützen wir die Tagesschau dabei und bieten ihr unser Fachwissen an.“

Über WORTLIGA 

WORTLIGA ist bekannt für sein kostenloses Online-Tool zur Textanalyse und sein KI-Übersetzungstool "Plain" für verständliche Sprache. Organisationen wie die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V., angesiedelt im Deutschen Bundestag, sowie der AOK-Bundesverband und der TÜV Rheinland empfehlen in Fachartikeln den Einsatz von WORTLIGA-Technologie.  

Über Uwe Roth 

Uwe Roth ist seit 40 Jahren Journalist und seit sieben Jahren Spezialist für die Leichte und Einfache Sprache/Plain Language. Er macht seit 2018 dazu Schulungen und ist Dozent an Fachschulen für soziale Berufe. In Workshops trainiert er mit Akademikern, wie sie ihre Fachsprache verständlich machen. Der Ludwigsburger (Baden-Württemberg) ist Mitglied in zwei Arbeitsgruppen des DIN-Vereins, die Normen für die Leichte und Einfache Sprache vorbereiten. Als Projektleiter betreut er die Umsetzung der ISO Plain Language und die DIN 24495 Einfache Sprache. Er ist Mitglied in der Plain Language Association International.

Sven von Storch

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