Die Renaissance der Mauerschützen

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Die Renaissance der Mauerschützen
Datum: 13.08.2019, 23:34

Wer jemals als Tourist vor 1990 in Berlin war, für den war es ein Muss, sich die Mauer anzusehen. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Besuch und die Eindrücke erinnern, die ich bekam: mir wurde speiübel und in mir kam eine Wut auf, wie ich sie kaum zuvor jemals erlebt habe. Am liebsten hätte ich eine Hacke genommen, um dieses unmenschliche Ungetüm niederzureißen. Aber als ich mich umblickte, sah ich weder ein entsprechendes Werkzeug noch sah ich bei einem Blick in die Gesichter der anderen Menschen, die mich umgaben, die gleiche Wut und Trauer. Ich hatte eher das Gefühl, dass sie beim Anblick von Todesstreifen, Sperranlagen, Minenfeldern, Wachtürmen und Hundelaufleinen wohlig erschauerten; ein Horrorfilm in 3D, sozusagen.

Mich aber ließen diese Eindrücke nicht mehr los und ich schwor mir, dass ich alles dafür tun werde, einmals als freier Mann durch das offene Brandenburger Tor zu gehen. Im Freundeskreis, im Berufsleben, selbst Teile meiner Familie schmunzelten über mein Ansinnen, teilweise wurde ich sogar offen ausgelacht. Ich aber ließ mich von meinem Weg nicht abbringen, befasste mich in meiner Freizeit mit allem, was ich an Informationen über die Mauer und auch den Todeszaun an der innerdeutschen Demarkationslinie in die Hände bekommen konnte. Jedes Jahr fuhr ich am 17. Juni und am 13. August entweder an markante Stellen dieses Todeszauns oder direkt nach Berlin, um gegen diese Ungetüme zu demonstrieren. Und mehr als einmal stand ich den Grenzsoldaten der SED so nah gegenüber, dass ich ohne Fernglas ihre Aknepickel zählen konnte. Die Schilder "Halt! Hier Grenze!" ignorierte ich geflissentlich und wagte mich bis an den Zaun heran; jederzeit gewahr, dass mich entweder die Ostgrenzer oder die Westgrenzer festnehmen werden - was seitens der Westgrenzer auch einige Male der Fall war. Nur in Berlin war dieses mächtige Bauwerk schlicht und ergreifend zu jener Zeit so unüberwindbar, dass ich nicht näher als auf Rufweite an die Ostgrenzer herankam. Dafür bedachte ich sie mit dem ein oder anderen nicht druckreifen Ruf, den sie aber konsequent zu überhören versuchten. Heute weiß ich, dass auch sie nur Handlanger eines Unrechtregimes waren und kaum eine andere Wahl hatten.

Heute weiß ich aber auch, dass die SED sowohl für die Todeszäune auf dem offenen Land wie auch die Mauer in Berlin verantwortlich ist.
Heute weiß ich aber auch, dass sich die Partei zwar mehrmals einen neuen Namen gegeben hat, in ihr aber immer noch Leute tätig sind, die entweder bei der Errichtung dieser tödlichen Anlagen dabei gewesen sind oder diese Errichtung nach wie vor gutheißen.
Heute weiß ich, dass die SED, mag sie sich jetzt und zukünfitg auch nennen, wie sie will, den gleichen menschenverachtenden Charakter hat, wie damals.
Heute weiß ich, dass eine solche Partei keine Existenzberechtigung in einem freien, demokratischen Deutschland haben dürfte.

Heute hat diese umbenannte SED einen Koalitionsvertrag zur Regierungsbeteiligung in Bremen unterzeichnet. Die Mauermörder regieren mit, nicht nur in Bremen. Daraus ergibt sich zwangsläufig nur ein Rückschluss: dieses Deutschland ist kein freies demokratisches Land. Denn dort wo solche Leute, die so etwas wie die Mauer errichteten, die mit der Stasi die Menschen aushorchte und überwachte, die kritische Stimmen verfolgte und deswegen ins Gefängnis warf, die den Bürgern bis ins Schlafzimmer nachstieg, wieder maßgeblich Regierungspolitik machen dürfen, kann keine Demokratie sein.

Ach ja: im Sommer 1991 bin ich dann mit einer Freundin an meiner Hand als freier Mann durch das offene Brandenburger Tor geschritten. Bei jedem Schritt, dem ich dem Tor näher kam, wurde der Kloß in meinem Hals immer dicker. Als ich dann mitten im Tor stand, konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich stand mittig im Tor, ein erwachsener Mann, und heulte Rotz und Wasser, bis ich kaum noch Luft bekam.

Sven von Storch

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