Wird die Erdöl- und Erdgas-Knappheit in Europa zur Dauerkrise?

Veröffentlicht:
Einführung

Europas Energieversorgung steht unter Druck. Die Straße von Hormus ist blockiert, die saudische Ost-West-Pipeline wurde beschädigt, die Huthis kontrollieren wichtige Bereiche am Bab el-Mandeb und Katar kann einen Teil seiner LNG-Kapazitäten nicht nutzen. Gleichzeitig bleibt russische Energie durch die EU-Sanktionen weitgehend ausgeschlossen und Nord Stream ist zerstört.

Für Europa beginnt eine neue Realität: Energie ist nicht nur eine Frage des Preises, sondern zunehmend eine Frage geopolitischer Sicherheit.

Europas Energieproblem hat eine neue Dimension erreicht

Europa hat seine Energieversorgung seit dem russischen Angriff auf die Ukraine grundlegend verändert. Pipelinegas aus Russland wurde weitgehend durch LNG und andere Lieferquellen ersetzt. Das hat die Abhängigkeit von einem einzelnen Lieferanten reduziert, gleichzeitig aber Europas Abhängigkeit vom weltweiten LNG-Markt deutlich erhöht.

Nach Angaben der europäischen Energieregulierungsbehörde ACER machte LNG 2025 bereits fast die Hälfte der europäischen Gasversorgung aus. 58 Prozent der europäischen LNG Importe kamen dabei aus den USA.

Damit hängt die europäische Energieversorgung heute stärker als früher von internationalen Transportwegen, Tankern und geopolitischen Entwicklungen ab. Genau diese Schwachstellen werden derzeit sichtbar.

Die Straße von Hormus wird zum größten Problem

Besonders kritisch ist die Situation an der Straße von Hormus. Durch diese Meerenge zwischen Iran und Oman werden normalerweise enorme Mengen an Erdöl und LNG transportiert. Seit Beginn des aktuellen Konflikts ist der Schiffsverkehr dort massiv eingebrochen.

Nach aktuellen Marktbeobachtungen ist der Öltransport durch Hormus von mehr als 20 Millionen Barrel pro Tag auf ungefähr 10 Millionen Barrel zurückgegangen. Auch der Tankerverkehr ist drastisch gesunken.

Für Europa ist das besonders problematisch, weil nicht nur Erdöl betroffen ist. Auch LNG aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten muss normalerweise durch Hormus transportiert werden.

Die Internationale Energieagentur spricht deshalb von einer außergewöhnlichen Störung des weltweiten Gasmarktes. Durch die Einschränkungen gingen zeitweise fast 20 Prozent des weltweiten LNG-Angebots verloren. Die europäischen und asiatischen Gaspreise stiegen daraufhin auf den höchsten Stand seit der Energiekrise 2022 und 2023.

Auch die saudische Ausweichroute fällt aus

Besonders schwer wiegt deshalb der gleichzeitige Ausfall der saudischen Ost West Pipeline.

Die rund 1.200 Kilometer lange Leitung transportiert normalerweise Erdöl von den Fördergebieten am Persischen Golf zum Roten Meer. Damit kann Saudi Arabien einen Teil des Öls an der Straße von Hormus vorbei transportieren.

Genau diese wichtige Ausweichroute wurde nun selbst zum Ziel. Bei einem Drohnenangriff wurden zunächst zwei und später insgesamt drei Pumpstationen beschädigt. Die Pipeline wurde daraufhin vorübergehend stillgelegt. Nach Schätzungen von Branchenquellen könnte die Reparatur mehrere Wochen dauern.

Die Bedeutung dieser Leitung ist enorm. Sie kann mehrere Millionen Barrel Erdöl pro Tag transportieren und entspricht damit mehreren Prozent des weltweiten Ölangebots.

Für Europa kommt erschwerend hinzu, dass bereits Lieferungen saudischen Rohöls an europäische Raffinerien verschoben oder gestrichen wurden. Damit fallen ausgerechnet jene Alternativen aus, die eigentlich eine teilweise Umgehung der Straße von Hormus ermöglichen sollten.

Die Huthis kontrollieren den Zugang zum Roten Meer

Auch am anderen Ende der arabischen Halbinsel verschärft sich die Lage. Die schiitischen, mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen haben ihre Kontrolle über den westlichen Teil des Jemen erheblich ausgeweitet und inzwischen strategisch wichtige Positionen am Bab el-Mandeb erreicht. Die Meerenge verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und ist damit eine zentrale Verbindung zwischen Europa und Asien.

Der Schiffsverkehr ist bereits deutlich zurückgegangen. Nach Angaben von "The National" halbierte sich die Zahl der Schiffsdurchfahrten innerhalb eines Tages von 30 auf 15.

Das Problem reicht weit über Erdöl hinaus. Wenn Schiffe das Rote Meer meiden, müssen sie den wesentlich längeren Weg um das Kap der Guten Hoffnung nehmen. Das erhöht Transportzeiten, Treibstoffverbrauch, Versicherungskosten und letztlich die Preise für Waren.

Europa bekommt dadurch eine doppelte Belastung: Die Energie selbst wird teurer und ihr Transport wird ebenfalls teurer.

Katar kann Europas LNG Problem nicht lösen

Katar wäre eigentlich einer der wichtigsten Ersatzlieferanten für Europa. Das Land gehört zu den größten LNG-Exporteuren der Welt.

Doch auch Katar ist von der aktuellen Krise unmittelbar betroffen.

Angriffe haben Anlagen in Ras Laffan beschädigt. Nach aktuellen Angaben sind rund 17 Prozent der katarischen LNG Kapazität außer Betrieb. Die Reparatur der beschädigten Anlagen könnte Jahre dauern.

Hinzu kommt das geografische Problem: Katar kann sein LNG nicht einfach auf einen anderen Seeweg umleiten. Die Exporte müssen durch die Straße von Hormus.

Damit fällt ausgerechnet ein wichtiger LNG Lieferant Europas teilweise aus, während gleichzeitig die Nachfrage nach alternativen Lieferungen steigt.

Der amerikanische Ausweg ist teuer

Europa hat deshalb zunehmend auf LNG aus den USA gesetzt. Die Vereinigten Staaten haben ihre LNG-Exporte 2026 weiter deutlich erhöht. Im ersten Halbjahr lagen sie laut US Energy Information Administration 23 Prozent über dem Vorjahreszeitraum.

Doch amerikanisches LNG ist strukturell teurer als früheres Pipelinegas aus Russland. Das liegt nicht allein am Gas selbst. Das Erdgas muss zunächst verflüssigt werden. Anschließend muss es über den Atlantik transportiert und in Europa wieder regasifiziert werden. Dazu kommen Kosten für Terminals, Schiffe, Versicherung und die internationale Preisbildung.

Hinzu kommt der Wettbewerb mit Asien. Wenn China, Japan, Südkorea oder Indien bereit sind, höhere Preise zu zahlen, können LNG Ladungen in Richtung Asien gehen. Europa konkurriert damit bei einem globalen Rohstoff um dieselben Tankerladungen.

Russland bleibt als Lieferant weitgehend ausgeschlossen

Eine weitere Besonderheit der europäischen Situation ist die politische Entscheidung, russische Energieimporte stark zurückzufahren.

Die EU hat umfangreiche Sanktionen gegen russisches Öl, Kohle und LNG beschlossen. Nach dem aktuellen EU Sanktionsregime soll auch russisches LNG schrittweise vollständig aus dem europäischen Markt verschwinden. Pipelinegas aus Russland soll nach dem REPowerEU-Fahrplan ebenfalls bis Ende 2027 beendet werden.

Damit steht Europa vor einem grundsätzlichen Zielkonflikt. Denn Russland verfügt weiterhin über große Erdgas und Erdölvorkommen. Europa möchte diese Energiequellen aus politischen und sicherheitspolitischen Gründen nicht mehr in demselben Umfang nutzen.

An ihre Stelle treten LNG aus den USA, Katar und anderen Ländern sowie Pipelinegas aus Norwegen und weiteren Lieferländern. Das macht Europa unabhängiger von Russland, aber gleichzeitig stärker abhängig von einem globalen Markt und internationalen Transportwegen.

Nord Stream ist als Option ebenfalls verschwunden

Eine weitere frühere Versorgungsroute steht Europa nicht mehr zur Verfügung: Die Nord Stream Pipelines wurden im September 2022 durch Explosionen beschädigt. In Deutschland läuft inzwischen ein Strafverfahren gegen einen ukrainischen Staatsangehörigen. Das Hanseatische Oberlandesgericht hat im September 2026 die Anklage zugelassen und das Hauptverfahren eröffnet. Dabei geht es um den Verdacht der Beteiligung an der Zerstörung der Pipelines.

Damit ist die politische und technische Situation um Nord Stream weiterhin Gegenstand eines juristischen Verfahrens.

Für die europäische Energieversorgung ist unabhängig davon eine Tatsache entscheidend: Die frühere direkte Verbindung zwischen russischen Gasfeldern und Deutschland steht nicht mehr als normale Lieferroute zur Verfügung.

Die Preise reagieren auf jede neue Störung

Der Energiemarkt reagiert auf diese Entwicklung mit steigenden Risikoprämien.

Der europäische Gaspreis am Handelsplatz TTF lag Mitte September bei rund 81 Euro je Megawattstunde und damit laut Reuters etwa 150 Prozent über dem Vorjahreswert. Gleichzeitig waren die europäischen Gasspeicher nur zu etwa 69 Prozent gefüllt. Der Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre lag zu diesem Zeitpunkt bei rund 85 Prozent.

Auch die Strompreise werden davon beeinflusst. Erdgas spielt in vielen europäischen Stromsystemen weiterhin eine wichtige Rolle bei der kurzfristigen Stromerzeugung. Wenn Gas teurer wird, kann deshalb auch Strom teurer werden.

Der aktuelle Marktbericht von Vattenfall zeigt beispielsweise, dass der europäische Gasmarkt im dritten Quartal 2026 stark von den Problemen bei LNG, Hormus und Katar beeinflusst wurde. Der TTF Terminpreis für 2027 stieg von etwa 36 Euro auf knapp 53 Euro je Megawattstunde.

Die amerikanische LNG-Strategie hat eine Schattenseite

Die zunehmende Abhängigkeit von amerikanischem LNG löst deshalb nicht automatisch das europäische Energieproblem. Sie verändert vor allem die Art der Abhängigkeit.

Früher kam ein großer Teil des europäischen Gases über Pipelines aus Russland. Heute kommt ein wesentlich größerer Teil des Gases über den Weltmarkt. Das bedeutet: Europa konkurriert mit anderen Regionen um LNG. Bei einer globalen Krise steigen die Preise nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Die europäische Energieversorgung wird dadurch flexibler, aber gleichzeitig stärker vom internationalen Preis abhängig. 

Und dann kommt noch der CO2-Preis hinzu

Zusätzlich zu den internationalen Energiepreisen gibt es eine europäische Besonderheit: den CO2 Preis. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine klassische EU-CO2-Steuer. Das wichtigste Instrument ist der europäische Emissionshandel EU ETS. Zusätzlich wird das neue ETS2-System eingeführt, das Brennstoffe für Gebäude und Straßenverkehr erfasst. ETS2 soll ab 2028 vollständig funktionieren.

Für Unternehmen bedeutet ein höherer CO2-Preis zusätzliche Kosten für fossile Energieträger. Diese Kosten können über Strom, Wärme, Produktion und Transport letztlich an andere Unternehmen und Verbraucher weitergegeben werden.

Gerade in einer Situation, in der Erdgas und Erdöl bereits durch geopolitische Faktoren teurer werden, entsteht dadurch eine zusätzliche Belastung.

Die EU versucht allerdings gleichzeitig, energieintensive Unternehmen vor einer Abwanderung in Länder mit niedrigeren Energiekosten und weniger strengen Klimaregeln zu schützen. Im September 2026 verständigten sich die Mitgliedstaaten deshalb unter anderem auf zusätzliche kostenlose CO2-Zertifikate für bestimmte energieintensive Branchen.

Der CO2-Preis ist damit nicht die Ursache der aktuellen Energiekrise. Er kann aber die Kosten fossiler Energie zusätzlich erhöhen, wenn Unternehmen und Verbraucher weiterhin auf Erdgas, Erdöl und daraus erzeugte Produkte angewiesen sind.

Aus einer Energiekrise kann eine strukturelle Krise werden

Das entscheidende Problem für Europa besteht deshalb nicht in einem einzigen fehlenden Lieferanten. Es ist die Kombination mehrerer Risiken.

Russisches Pipelinegas wurde politisch weitgehend ersetzt. Nord Stream steht nicht mehr zur Verfügung. Die Straße von Hormus ist massiv beeinträchtigt. Die saudische Ausweichpipeline ist beschädigt. Die Huthis kontrollieren wichtige Bereiche des Bab el Mandeb. Katar kann einen Teil seiner LNG-Kapazitäten nicht nutzen. Gleichzeitig konkurriert Europa mit Asien um amerikanisches LNG.

Jede einzelne Störung wäre möglicherweise beherrschbar. Wenn jedoch mehrere dieser Faktoren gleichzeitig auftreten, entsteht ein anderes Problem: Europa besitzt weniger preisgünstige und schnell verfügbare Ausweichmöglichkeiten als früher.

Die europäische Energieregulierungsbehörde ACER warnt deshalb ausdrücklich davor, dass eine längerfristige Schließung der Straße von Hormus den weltweiten LNG Markt erheblich verknappen würde. In einem Szenario einer vollständigen Schließung für das gesamte Jahr 2026 könnte nach ihrer Analyse ein globales LNG Defizit von rund 27 Milliarden Kubikmetern entstehen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie lange? Europa kann eine vorübergehende Energieknappheit überstehen. Es kann zusätzliche LNG-Lieferungen organisieren, Energie sparen, Speicher nutzen und seine Stromerzeugung anpassen. Schwieriger wird es, wenn hohe Preise nicht mehr vorübergehend sind.

Dann verändern sie Investitionsentscheidungen. Energieintensive Unternehmen produzieren weniger oder verlagern Teile ihrer Produktion. Haushalte sparen beim Heizen. Staaten müssen Unternehmen und Verbraucher finanziell entlasten. Gleichzeitig steigen die Kosten für Infrastruktur und die Umstellung auf andere Energiequellen.

Die EU-Kommission weist bereits darauf hin, dass die industriellen Gas und Strompreise in Europa trotz der Entspannung gegenüber dem Höhepunkt der Energiekrise weiterhin deutlich über dem Niveau wichtiger internationaler Wettbewerber liegen.

Damit stellt sich für Europa eine grundsätzliche Frage: Ist die aktuelle Knappheit nur eine weitere vorübergehende Energiekrise oder erleben wir den Beginn einer dauerhaft teureren Energieversorgung?

Die Antwort hängt weniger von einem einzelnen Ölpreis oder einem einzelnen LNG-Terminal ab als von der Fähigkeit Europas, gleichzeitig neue Energiequellen, sichere Transportwege und ausreichend eigene Energieerzeugung aufzubauen.

Solange mehrere wichtige Lieferwege gleichzeitig durch Krieg, Sanktionen oder politische Konflikte gefährdet sind, bleibt Europas Energiesystem verwundbar. 

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Blog-Kommentare

Eine realistische Situationsanalyse!

Nur eine Formulierung halte ich nicht für realistisch: da ist zu lesen, daß Europa die russischen Energiequellen "nicht mehr in demselben Umfang nutzen möchte".

Seien wir doch ehrlich: Europa möchte schon - aber es wird von den globalistischen Kriegstreibern erpreßt, darauf zu verzichten.

Dies nicht nur um Russland zu schaden, sondern auch zum Schaden der eigenen Wirtschaft und der eigenen Bevölkerung.

Warum diese Erpressung (bei weitem nicht nur bezüglich der Sanktionen!) so gut funktioniert, ist mir allerdings ein Rätsel ... Mafiamethoden??

 

Ekkehardt Fritz Beyer

21.09.2026 | 10:14

... „Für Europa beginnt eine neue Realität: Energie ist nicht nur eine Frage des Preises, sondern zunehmend eine Frage geopolitischer Sicherheit.“ ...

Ja mei: Wen wunderts da noch, dass die EU längst wachsende Differenzen über ihren Sanktionskurs gegenüber Russland erlebt? https://www.google.com/search?q=wachsende+Differenzen+%C3%BCber+den+Sanktionskurs+der+EU&rlz=1C1ONGR_deDE1024DE1024&oq=wachsende+Differenzen+%C3%BCber+den+Sanktionskurs+der+EU&gs_lcrp=EgZjaHJvbWUyBggAEEUYOTIKCAEQABiiBBiJBTIKCAIQABiiBBiJBTIHCAMQABjvBTIHCAQQABjvBTIHCAUQABjvBdIBCTMxNTAwajBqNKgCALACAQ&sourceid=chrome&source=chrome.ob&ie=UTF-8  

Neuen Kommentar hinzufügen

CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.
Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.