War die islamische Welt im Mittelalter fortschrittlicher als der Westen_
War die islamische Welt im Mittelalter fortschrittlicher als der Westen_
Datum: 04.12.2024, 13:56
Es geistert ein Narrativ durch die Medien und durch die populärwissenschaftliche Literatur. Dieses Narrativ beschreibt, wie zur Zeit der Kreuzzüge der Vordere Orient dem Westen gegenüber kulturell, wirtschaftlich und wissenschaftlich überlegen war.
Und wenn man die Beschreibungen vom Zusammentreffen von Kreuzfahrern und Orientalen liest, auch die Primärquellen, dann scheint das zu stimmen.
Doch das hat alles nichts mit dem Islam zu tun.
Der Islam verbreitet sich erst ab dem 7. Jahrhundert über Vorderasien und Nordafrika. Und er legte sich zunächst wie ein dünner Firnis über die autochthonen Kulturen und Völker des Orients.
In Ägypten war bis zum 12. Jahrhundert die Hälfte der Bevölkerung noch koptisch (christlich). Auch in Syrien blieben über Jahrhunderte viele Regionen christlich. Der Libanon war sogar bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrheitlich christlich.
Als die Kreuzritter in den Nahen Osten kamen, staunten sie schon im christlichen Konstantinopel über die Größe der Hagia Sophia und die Zivilisation dieser Weltstadt am Bosporus. In Syrien und in Ägypten waren Griechen, Armenier, Juden und andere Gruppen in allen wichtigen Bereichen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens aktiv. Viele Wezire waren Nicht-Muslime.
In Persien gab es lange Zeit noch einen großen Bevölkerungsanteil von Zoroastriern (Zarathustriern). Und in Andalusien prägten Christen und Juden die Gesellschaft der Muslime mit.
Was also die Überlegenheit des Orients bis ins Mittelalter ausmachte, hatte nichts mit dem Islam zu tun.
Es war vielmehr das Erbe des Alten Orients, nämlich der Ägypter, Perser, Babylonier, Assyrer, Hebräer und Phönizier sowie das Erbe des Hellenismus, der Verschmelzung von Orient und Okzident nach Alexander dem Großen, welches das Licht des Orients noch lange leuchten ließ.
»Ex Oriente Lux« trifft also primär auf die vorislamische Zeit zu.
Fakt ist: Je mehr die religiösen und kulturellen Minderheiten verschwanden, desto rückständiger wurde der Orient. Das Osmanische Reich steht hier sinnbildlich für den Niedergang des Nahen Ostens.
Kemal Atatürk hatte dies erkannt und deshalb nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches auf eine Säkularisierung der Türkei gesetzt.
Resümee: Wenn es heute heißt, die islamische Welt sei der christlichen im Mittelalter überlegen gewesen, so ist das schlicht falsch. Erstens war Byzanz bis 1453 das kulturelle Herz des Nahen Ostens gewesen. Zweitens baute der Nahe Osten auf dem Erbe des Alten Orients auf, dessen Wissensreichtum besonders ab dem 15. bis zum 19. Jahrhundert in Relation zum Westen abnahm.
Am Ende war es der Okzident, der über das Erbe der Klassischen Antike auch das Erbe des Alten Orient weitertrug. Dies führte während der Renaissance in Europa zum Aufblühen der Geisteswelt und im Orient zum Absterben derselben.
Heute ist es bezeichnend, dass die islamische Welt in der Liste der Nobelpreisträger (in den Naturwissenschaften und Medizin) fast gar nicht vorkommt. »Ex Oriente Lux« – das war einmal. Das Licht des Orients ist parallel zur alles durchdringenden Islamisierung der Gesellschaft erloschen.
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