Meinung_ Die Nofretete soll in Berlin bleiben
Meinung_ Die Nofretete soll in Berlin bleiben
Datum: 29.10.2024, 11:47
Am gestrigen Montag gab es einen seltsamen Radio-Bericht beim Sender Berliner Rundfunk 91.4.
Worum geht es? In Ägypten soll es wieder eine Petition geben, in welcher die Rückgabe der Büste der Nofretete nach Ägypten gefordert wird. Mal wieder.
Dann fragt der Berliner Reporter eine Berlinerin, die zufällig an der Museumsinsel vorbeigeht, nach ihrer Meinung. Die junge Dame antwortet sinngemäß und politisch korrekt, dass die Europäer früher viel geklaut hätten und es besser wäre, die Nofretete wieder zurückzugeben. Weitere Bürger werden nicht gefragt. Es war also eine Ein-Personen-Umfrage. Sehr repräsentativ!
Der Radio-Reporter kommentiert schließlich, dass das Neue Museum auf der Museumsinsel dann kaum besucht würde, denn warum sonst solle man das Museum besuchen, wenn nicht wegen der Büste der Nofretete? (Offenbar war der Reporter noch nie im Neuen Museum, sonst wüsste er, was für fantastische Objekte aus dem Alten Ägypten dort aufbewahrt werden, von den Papyri aus Elephantine über Särge, Reliefs und unzähligen Statuen aus allen Epochen der Pharaonenzeit.)
Am Ende des Radio-Beitrags hatte ich fast Schaum vor dem Mund. So viel Ignoranz ist kaum erträglich.
Was regt mich so auf?
Zum einen ist es diese Ignoranz gegenüber den historischen Fakten.
Bevor die Europäer kamen, hat sich in Ägypten niemand für die Hinterlassenschaften der Pharaonenzeit interessiert. Mumien wurden zu Zehntausenden als Brennmaterial in Öfen verheizt. Andere wurden pulverisiert und als Arzneimittel verkauft. Lehmziegel alter historischer Gebäude wurden zu Düngemittel zerstampft. Steine der Tempel und Pyramiden wurden abgetragen, um andere Bauwerke damit zu errichten. Wertvolle Kunstobjekte aus Gold wurden aus Gräbern gewühlt und eingeschmolzen. Muhammed Ali, in der Mitte des 19. Jahrhunderts Vizekönig von Ägypten, wollte die Pyramiden sogar abtragen lassen.
Zusammengefasst: Bevor die Europäer kamen, hatten die Ägypter den Wert ihrer eigenen althistorischen Vergangenheit nicht erkannt.
Die europäischen Expeditionen und Ausgrabungen im 19. und 20. Jahrhundert waren teuer und aufwendig. Es war Europa, in dem sich die Ägyptologie und Archäologie Ägyptens zur Wissenschaft entwickelten. Es war ein Franzose, Jean-François Champollion, der die Hieroglyphenschrift entzifferte. Es waren Deutsche, Adolf Erman und Hermann Grapow, die das erste umfassende Wörterbuch zur Sprache des Alten Ägypten edierten. Es waren Engländer, Franzosen, Deutsche, Italiener und Amerikaner, die mit aufwendigen Grabungen die Tempel teuer rekonstruierten. Auch beim Bau des Assuan-Staudammes waren es ausländische Geldgeber und Firmen, die die Tempel Nubiens wie Abu Simbel vor den Fluten retteten. Und es waren die Europäer und Amerikaner, die durch die Erforschung des Alten Ägypten den Tourismus nach Ägypten brachten, der nun eine der wichtigsten Einnahmequellen des ganzen Landes ist.
Schon früh blieb ein Großteil der Kunstschätze in Ägypten zurück. Es gab Fundteilungen. Die meisten und besten Objekte blieben im Lande. Das Ägyptische Nationalmuseum am Midan Tahrir in Kairo quillt über von Objekten, so dass man bei den Pyramiden ein weiteres Riesenmuseum für über eine Milliarde Dollar gebaut hat. Dennoch können viele Objekte, die noch in den Magazinen gelagert werden, nicht ausgestellt werden, weil der Platz nicht reicht.
Der deutsche Archäologe und Bauforscher Ludwig Borchardt hatte die Nofretete-Büste 1912 bei seiner Grabung in Tell el-Amarna gefunden, der Sonnenstadt des Pharao Echnaton. Es gab diesbezüglich klare Fundteilungen.
Die Nofretete ist also seit gut einem Jahrhundert ein Bestandteil der Berliner Geschichte. In Ägypten würde sie nicht auffallen. Im Ägyptischen Museum in Kairo würden sie neben den Funden aus dem Grab des Tutanchamun verblassen.
Was mich aber am meisten ärgert, ist diese Idee der links-grünen politisch-korrekten Gutmenschen, generell Kunst aus den Museen wieder in alle Welt zurückzugeben. Damit wird die Arbeit von tausenden Wissenschaftlern, Kunsthistorikern, Konservatoren und sonstigen Experten, die sich über Generationen um die beste Aufbewahrung und Erforschung der Objekte mit hohen finanziellem Aufwand gekümmert haben, der Missachtung preisgegeben.
Wir erinnern uns an die Benin-Bronzen, die Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und Entwicklungshilfeministerin Svenja Schulze (SPD) nach Nigeria zurückbrachten und die sich nun im Privatbesitz eines Prinzen befinden – der Öffentlichkeit entzogen.
Warum muss alles, was frühere Generation aufgebaut haben, einfach so weggegeben werden? Warum muss alles dekonstruiert, zerstört, rückgängig gemacht werden?
Und warum so einseitig? Fordern die Niederlande etwa all die Zehntausenden von niederländischen Gemälde zurück, die in den Museen der Welt hängen?
Es ist diese unreflektierte Art, unsere eigene Geschichte zu demontieren, die mich emotional auf die Palme bringt. Die Arbeit älterer Generationen wird einfach so niedergerissen. Ich bleibe ein entschiedener Gegner dieses Dekonstruktivismus.
Und ich bin der Meinung, dass die Nofretete in Berlin bleiben soll. Für immer.
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