Herrschaft und Kontrolle über Schuldkultur
Herrschaft und Kontrolle über Schuldkultur
Datum: 25.03.2024, 14:15
Über Jahrhunderte griff die Kirche in das Gewissen der Menschen ein, indem sie ihnen die Erbschuld als Last auf die Schulter gelegt hatte. Das bedeutete, dass es nicht ausreichte, ein Leben frei von Sünden zu leben. Selbst der Sündenfreie war ein Sünder, und zwar durch die Erbschuld seit Adam und Eva. Nur das religiöse Bekenntnis und die Unterwerfung unter die Kirche boten Ausweg aus der ewigen Sünde.
Ein ähnliches Vorgehen gibt es heute. Das beschränkt sich keinesfalls auf die schrecklichen Verbrechen der Nationalsozialisten, die heute noch durch den Schulunterricht und die Medien auf die Schultern der Kinder und Kindeskinder gelegt werden. Es betrifft alle Bereiche der westlichen Gesellschaft insgesamt.
Die Briten werden für ihr Empire, für Kolonialismus und Imperialismus sowie Rassismus verantwortlich gemacht, auch wenn die Mehrheit der einfachen englischen, schottischen und walisischen Bürger keinerlei Schuld trug und das Empire ein Eliten-Projekt war, das vor allem die britische Oberschicht reich gemacht hat.
In den USA werden die weißen europäisch-stämmigen Amerikaner für die Vernichtung der Indianer und für Sklaverei in Regress genommen.
Weiße heterosexuelle Männer werden für das Patriarchat und die Unterdrückung der Frauen verantwortlich gemacht.
So gibt es allerlei Opfer-Hierarchien.
Klar ist: All diese Verbrechen waren real.
Aber kein Junge oder Mädchen kommt mit Schuld auf die Welt. Ein europäisches Kind des 21. Jahrhunderts kann nichts für den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts.
Doch über diesen Mechanismus lassen sich politische Ziele durchsetzen. Auch wenn es juristisch keine Relevanz hat.
Bei Wikipedia steht: »Das Strafrecht moderner Demokratien geht grundsätzlich von einer individuellen Verantwortlichkeit aus, so dass Kollektivschuld juristisch nicht relevant ist. Artikel 33 Genfer Abkommen IV bestimmt, dass keine Person für ein Verbrechen verurteilt werden darf, das sie nicht persönlich begangen hat.«
Doch es geht weniger um juristische Schuld als vielmehr um Rhetorik. Mit der Rhetorik beispielsweise, dass im Westen die Industrialisierung begonnen habe, wird heute begründet, dass Europa und Nordamerika bei den Klimazielen strenger bewertet werden müsse als beispielsweise China, obwohl China für die Klimapolitik sehr viel relevanter wäre.
Die permanente Schaffung eines schlechten Gewissens verhindert es, dass Bürger und Gruppen von Menschen ausreichend Freiheit haben, ihre eigenen Bedürfnisse und Ziele zu artikulieren.
Gruppen, die diese Art der kollektiven Schulkultur nicht pflegen, wie beispielsweise die meisten Menschen aus muslimischen Ländern, sind für diese Rhetorik weniger anfällig und können daher umso ungenierter ihre eigenen Interessen verbalisieren.
Man muss also bei politischen Debatten vermeiden, sich durch Moralkeulen einschüchtern zu lassen. Es gibt rationale Bedürfnisse und Probleme von Menschen, die rationale Lösungen erfordern. Je rationaler, basisdemokratischer und weniger ideologisch, um so besser ist das Ergebnis für alle.
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