Acedia: Als die Römer den Glauben an ihre Zivilisation verloren
Als das ewige Rom 410 n. Chr. plötzlich sterblich erschien, erfasste die Bürger nicht nur Furcht, sondern eine tiefe, lähmende Sinnleere. Sie nannten sie Acedia. Ähnlichkeiten mit heute sind nicht rein zufällig.
Das Wort lateinische "Acedia" stammt vom griechischen "Akēdeia" und bedeutet wörtlich "Sorglosigkeit", "Untätigkeit" oder "Mangel an Fürsorge". In der Spätantike wurde daraus weit mehr als ein bloßes Wort: Es beschrieb den seelischen Zustand einer ganzen Zivilisation, die den Glauben an sich selbst verloren hatte.
Die existenzielle Lähmung einer sterbenden Welt
Acedia war kein biologischer Schlaffheitszustand und auch keine gewöhnliche Depression. Es handelte sich um eine tiefe geistige und seelische Erschöpfung.
Die Menschen spürten, dass die Institutionen im alten Rom, die einst unerschütterlich erschienen, wie Senat, Recht, Militär und Religion, ihren inneren Sinn verloren hatten. Die Zukunft wirkte nicht mehr wie eine Fortsetzung der eigenen Geschichte, sondern wie ein leerer Horizont.
In den Städten des späten Römerreichs mischte sich Überdruss mit einer stillen Verzweiflung. Wer noch arbeitete, tat es oft ohne Überzeugung. Wer noch an den alten Göttern festhielt, spürte, dass die Riten hohl geworden waren. Acedia war das Gefühl einer Gesellschaft, die sich selbst fremd geworden war.
Der "Dämon des Mittags"
Später machten die Wüstenväter den Begriff berühmt. Für die frühen Mönche war Acedia der "Dämon des Mittags". Das war jene dumpfe Trägheit, die mitten am Tag über den Menschen kam. Eine Mischung aus Melancholie, innerer Leere, Überdruss und dem Wunsch, allem zu entfliehen. Der Mönch wollte plötzlich die Zelle verlassen, die Regel aufgeben, irgendwohin fliehen, wo das Leben wieder Bedeutung haben würde.
Was in der Wüste als individuelle Versuchung erschien, war in den Städten des 4. und 5. Jahrhunderts bereits ein kollektives Phänomen. Die Römer der Spätantike kannten diesen Dämon, auch wenn sie ihn noch nicht so nannten.
Augustinus und der Schock des Jahres 410
Augustinus von Hippo erlebte den Niedergang hautnah. Als die Visigothen unter Alarich im August 410 n. Chr. Rom plünderten, brach für viele Zeitgenossen nicht nur eine Stadt, sondern die Vorstellung einer unzerstörbaren Ordnung zusammen. Das scheinbar ewige Rom war sterblich geworden.
In dieser Atmosphäre der kollektiven Orientierungslosigkeit schrieb Augustinus sein monumentales Werk "De civitate Dei" – "Vom Gottesstaat". Es war keine bloße theologische Abhandlung, sondern eine Antwort auf die Acedia seiner Zeit. Während viele Römer in die Vergangenheit zurückblickten oder in Resignation versanken, stellte Augustinus die Frage neu: Worauf gründet sich eigentlich eine Zivilisation? Auf Macht und Tradition oder auf etwas, das nicht mit den Mauern einer Stadt untergehen kann?
Entfremdung von sich selbst
Der Philosoph Josef Pieper hat Acedia später treffend beschrieben: Der Mensch ist „nicht eins mit sich selbst“ und verweigert sich der Sinnhaftigkeit des eigenen Seins. Genau das geschah in der Spätantike im großen Maßstab. Die Römer hatten Jahrhunderte lang an die Dauerhaftigkeit ihrer Ordnung geglaubt. Als dieser Glaube zerbrach, blieb eine innere Leere zurück, die weder mit mehr Legionen noch mit neuen Gesetzen zu füllen war.
Acedia war damit nicht nur ein individuelles Gefühl, sondern der seelische Ausdruck eines Zivilisationsbruchs. Die alten Sicherheiten waren fort und mit ihnen der Wille, die Welt noch einmal ernsthaft zu gestalten.
Ein Spiegel für spätere Zeiten
Die Geschichte der Acedia endet nicht mit dem Untergang Roms. Immer wenn Gesellschaften den Glauben an die Sinnhaftigkeit ihrer Institutionen und an die eigene Zukunft verlieren, kehrt dieses alte Wort in neuer Gestalt zurück. Es erinnert daran, dass Zivilisationen nicht allein an äußeren Feinden sterben, sondern oft zuerst an der inneren Erschöpfung ihrer Bürger.
Die Römer der Spätantike kannten dieses Gefühl nur zu gut. Augustinus versuchte, ihm eine Antwort entgegenzusetzen. Ob sie ausreichend war, bleibt bis heute umstritten.
Die Frage aber, die Acedia stellt, ist geblieben: Was geschieht, wenn eine Gesellschaft aufhört, an sich selbst zu glauben?
Diese Frage müssen auch wir uns wieder stellen.
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Blog-Kommentare
Acedia: Als die Römer den…
Acedia: Als die Römer den Glauben an ihre Zivilisation verloren...
...und den Glauben an Jesus Christus - unseren Herrn & Heiland - endlich gefunden hatten !
Einführung
Als das ewige Rom 410 n. Chr. plötzlich sterblich erschien, erfasste die Bürger nicht nur Furcht, sondern eine tiefe, lähmende Sinnleere. Sie nannten sie Acedia. Ähnlichkeiten mit heute sind nicht rein zufällig.
...lähmende Sinnleere ?
>>> Bullshit : das Gegenteil war nachweislich der Fall !
Die Christianisierung im Römischen Reich griff ab dem frühen 4. Jahrhundert n. Chr. massiv Raum, ausgelöst durch die sogenannte Konstantinische Wende. Vollendet wurde dieser Transformationsprozess im späten 4. Jahrhundert, als das Christentum zur alleinigen Staatsreligion erhoben wurde. [1, 2, 3]
Der Zeitliche Verlauf der Christianisierung
Die Ausbreitung vollzog sich in drei entscheidenden Phasen:
311 & 313 n. Chr. (Duldung und Förderung): Nach den letzten schweren Christenverfolgungen erklärte Kaiser Konstantin der Große das Christentum im Mailänder Toleranzedikt (313 n. Chr.) zu einer gleichberechtigten Religion. Er privilegierte die Kirche massiv finanziell und rechtlich. [1, 2, 3]
380 n. Chr. (Das Edikt Cunctos populos): Kaiser Theodosius I. erklärte das trinitarische Christentum faktisch zur Staatsreligion. [1, 2]
391/392 n. Chr. (Das Verbot des Heidentums): Theodosius I. untersagte endgültig alle heidnischen Opferkulte und den Besuch von Tempeln. Damit verlor der alte Staatskult jegliche rechtliche Grundlage. [1, 2]
Was wurde aus den römischen Gottheiten?
Das Ende der klassischen Götter wie Jupiter, Mars oder Venus vollzog sich nicht von heute auf morgen, sondern durch eine Mischung aus politischer Verdrängung, Zerstörung und kultureller Verschmelzung.
>>> Gelobt sei Jesus Christus - unser Herr & Heiland !
M. Pfeiffer
Der Katholizismus hat Rom aber nicht bewahrt,
vor der Plünderung durch die Goten sondern diese nur gemildert!
Lieber M. Pfeiffer, ich bin…
Lieber M. Pfeiffer,
ich bin zu 100% bei Ihnen!!!
Eine Parallele zu Rom ist England im 17./18. Jh. durch Whitefield und Wesley.
Unser Heiland sei mit Ihnen!
O.W.
... „Die Zukunft wirkte…
... „Die Zukunft wirkte nicht mehr wie eine Fortsetzung der eigenen Geschichte, sondern wie ein leerer Horizont.“ ...
Ja mei: Was von den sich heute im Westen als „politische Eliten“ Bezeichnenden offenbar längst sehr bewusst vergessen wird!!!
Wie wusste schon der Rosegger Peter??? https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Rosegger
„Das Gedächtnis ist wie ein Weib, jungen Männern ist es zugetan, alten wird es gerne untreu“!!!
Das ist alles sehr…
Das ist alles sehr zutreffend beschrieben. Aber die deutsche Obrigkeit wird nicht in der Lage sein, derartiges zu begreifen.
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