_Erfindung des Westens_

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_Erfindung des Westens_
Datum: 27.02.2015, 13:29

Ach was wurde nicht alles gesagt und geschrieben in den vergangenen Tagen und Wochen: Von „ Je suis Charlie“ bis hin zu „ Der Islam gehört zu Deutschland“ war alles dabei. PEGIDA in der rechten und Gutmenschentum sowie Islamversteher in der linken Ecke standen sich gegenüber und beherrschten die mediale Boxarena. Den Boxkampf haben die Gutmenschen nach Punkten für sich entschieden. Wenig verwunderlich, ist doch in Deutschland bis auf die Absage einer PEGIDA-Demonstration und des größten Karnevalsumzugs in Norddeutschland nichts weiter passiert.

Was die konstruktive Auseinandersetzung mit dem Islam betrifft, so kehrt Deutschland sukzessive zur Tagesordnung zurück. Bloß nicht islamophob sein. Keine Rückführbarkeit der Anschläge von Paris und Kopenhagen auf den Islam propagieren. Und die Islamverbände unkritisch als Freunde unserer Gesellschaftsordnung akzeptieren. So lautet das Credo in der Wohlfühl-Oase Bundesrepublik, die sich damit losgelöst hat von den Entwicklungen rund ums Mittelmeer.

Das Mittelmeer also, das Peter Scholl–Latour bereits in der Blütezeit des arabischen Frühlings als „unser Schicksalsmeer“ bezeichnete und Deutschland zu einer Ausweitung seiner militärischen Präsenz aufforderte. Erhört wurden die Mahnungen Scholl-Latours indes kaum. Zwar beteiligt sich die Bundeswehr seit 2001 im Rahmen der „Operation Active Endeavour“ an der Terrorbekämpfung im Mittelmeer, zu einer Entschärfung des gewaltigen Konfliktpotentials in der Region konnte aber auch sie nicht beitragen. Vielmehr hat die durch den arabischen Frühling ausgelöste Islamisierungswelle dieses weiter verschärft.

All dies führt zu einer bizarren Situation: Der Global-Player Bundesrepublik Deutschland führt eine Debatte um einen aufgeklärten Islam, die zweifellos ihre Berechtigung hat, verliert dafür allerdings völlig aus den Augen, dass sich am Mittelmeer ein Mann aufgemacht hat in die Fußstapfen des osmanischen Reiches zu treten. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan baut an einem Staat, dessen globale Gefährlichkeit im Angesicht der Terror-Bande des IS bis dato völlig unterschätzt wird.

Die Türkei kemalistischer Prägung wird nach und nach durch einen vehement vorangetriebenen Islamisierungsprozess in die Geschichtsbücher verdrängt. Die Türkei unter Erdogan beansprucht unverhohlen die Führungsrolle in der islamischen Welt. Grundsätzlich ist gegen diesen Geltungsanspruch gar nichts einzuwenden, schließlich ist die Türkei Bündnispartner innerhalb der NATO. Dumm nur, dass Erdogans islamisches Transformationsprojekt so gar nicht kompatibel ist mit der visionären Idee eines „Euro-Islam“: Diskriminierung der Frau, Antisemitismus, Verfolgung von Ungläubigen (vorzugsweise Juden und Christen) und gar nicht mal heimliches Verständnis für die „Rächer des Propheten“ in Paris und Kopenhagen, all das steht mittlerweile auf der politischen Agenda der Türkei.

Man muss kein Islamexperte sein um zu erkennen, dass diese Entwicklung doch irgendwie mit dem Islam selbst zusammenhängt. Erdogan weiß, dass er im Machtgefüge der islamischen Welt auf die radikalen Strömungen angewiesen ist. Er weiß, dass man ihm seine passive Unterstützung des IS, innerhalb der muslimischen Weltcommunity danken wird. Und er weiß, dass er sich auf sein globales Netzwerk verlassen kann.

Ein Netzwerk, das auch in Deutschland reibungs- und nahezu geräuschlos vor sich hin arbeitet. Maßgebliche Eckpfeiler für die gesellschaftliche, politische und religiöse Einflussnahme der Erdogan-Türkei sind DITIB und UETD: Organisationen, die nur einen Zweck haben, die religiöse und politische Gleichschaltung der in Deutschland lebenden Türken. Schon vor Jahren warnte die ehemalige SPD-Islambeauftragte Lale Akgün, dass die AKP versuche, über die DITIB Einfluss auf die türkischen Bürger in Deutschland auszuüben. Das Versuchsstadium ist heute indes längst verlassen, Erdogan gelingt es vielmehr die praktizierte Einflussnahme weiter zu verfestigen. Und die UETD generiert sich gleichermaßen als Schar von Jubeltürken, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit Sympathie und Solidarität mit ihrem „Sultan“ demonstrieren.

Auch auf die Gefahr hin als islamophob zu gelten: Europa muss sein Verhältnis zu dieser Türkei, wie zu den hier agierenden Handlangern, existenziell überdenken. Wir dürfen nicht länger tatenlos zuschauen, wie ein NATO-Staat den IS-Terror stillschweigend unterstützt. Wie Christen, Juden, Aleviten, Kurden und Frauen in und von einem Staat, der vor nicht allzu langer Zeit noch in die Europäische Union strebte, verfolgt und unterdrückt werden. Wie Erdogan sich zum Großherrscher über ein neues osmanisches Reich aufschwingt.

Die Debatte über einen Euro-Islam kann ein sinnvoller Ausgangspunkt für die Neuausrichtung Europas gegenüber der Türkei sein. Denn wird Erdogan nicht gestoppt, dann bleibt die Idee des europäischen Islams, das was sie für den türkischen Staatspräsidenten und seine Vasallen ohnehin schon ist, „eine Erfindung des Westens“.

Sven von Storch

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