Eine wirklich gute Schule!
Eine wirklich gute Schule!
Datum: 10.02.2010, 16:55
Vielleicht mutet es manchem seltsam an, wenn sich jetzt ehemalige Schüler melden und sich ausdrücklich zum Aloisiuskolleg bekennen. Doch das ist dringend notwendig, nachdem mehr und mehr der Eindruck entsteht, diese Schule sei ein Hort des Missbrauchs und der Verantwortungslosigkeit gewesen. Das Gegenteil ist wahr.
Meine Schulzeit am Ako liegt lange zurück. Mein Abitur habe ich 1976 gemacht. Und ich erinnere mich an eine eigentlich ganz normale Schulzeit. Es gab gute und weniger gute Lehrer, gute und weniger gute Schüler. Es gab die Internen und die Externen, also jene, die im Internat lebten, und uns, die wir aus Bonn und Umgebung jeden Tag anreisten. Es gab Patres und weltliche Lehrkräfte. Beliebte und weniger beliebte. Es gab Stress und Erholung. Fairness und Unfairness. Gerechtigkeit und auch mal keine. Wir haben diskutiert und gestritten. Wir haben gelacht und geweint. Der tödliche Unfall eines Klassenkameraden legte Trauer und Erschrecken ins Herz. Der zu frühe Tod eines exzellenten Paters, der soeben erst große Verantwortung übernommen hatte, lähmte ebenfalls.
Und: Wir waren alle irgendwie stolz und dankbar, ausgerechnet an dieser Schule sein zu dürfen. Auch wenn sie bisweilen nervte. Ja, auch ich habe mich über vieles geärgert, habe Widerstand geleistet und widersprochen. Mir war sie bisweilen zu wenig katholisch, als man im Orden selbst erst seinen Standort im nachkonziliaren Leben suchte. Verunsicherte und suchende Patres waren für pubertierende Zöglinge eine willkommene Herausforderung. Einer von ihnen mit seinem mehr als selbstbewussten und schon mal überheblich wirkenden Lächeln natürlich auch. Dass andere ihn fürchteten oder – bisweilen gleichzeitig – verehrten, änderte an dieser kritischen Haltung ihm gegenüber nichts. Auch nicht, als er mein Mathematiklehrer wurde – was sich aber in der Zeugnisnote nicht positiv niederschlug.
Von Missbrauch im Internat wussten wir Externen nichts. Deshalb sind wir auch so erschrocken und auch angewidert, wenn jetzt ein ganz anderer Eindruck über unsere ehemalige Schule gestülpt wird, als wir ihn haben. Und unseren Eindruck haben wir nicht in verklärender Rückschau. Das würde übrigens nicht passen zu echten Jesuitenschülern, die stets – wenn sie das jesuitische Denken erkannt haben – in einer distanzierten Nähe zum Orden leben und sich nicht schwer tun, ihre Wertschätzung durch kritische Anerkennung zum Ausdruck zu bringen. So ähnlich machen es ja auch die Jesuiten mit sich selbst.
Irgendwann bin ich einmal in einem Interview spontan gefragt worden, was ich denn bei den Jesuiten am Aloisiuskolleg gelernt habe. Meine Antwort damals: Die notwendige Verbindung der inhaltlich gefüllten Begriffe von Freiheit und Verantwortung – und das mutige Nutzen beider verpflichtenden Chancen. Dabei bleibe ich auch heute.
Man hat uns viel zugetraut, wir wurden – wenigstens meistens – als Personen ernstgenommen und mehr oder weniger dazu getrieben, angstfrei uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Selbstbewusstsein konnten wir lernen, weil wir es auch erfahren und erleben durften. Nachdenklichkeit ebenso. Neugier. Respekt. Intellektuelle Redlichkeit. Zuhören und Hinhören. Verstehen. Reden.
Ja, es ist Zeit, dies einmal deutlich zu sagen! Das Aloisiuskolleg war und ist eine gute Schule! Keine unfehlbare, weil die handelnden Menschen eben auch wie überall fehlbare waren und sind. Nichts soll und darf verharmlost werden, denn vieles, was wir jetzt erfahren, ist widerlich, unverantwortlich und schlimm. Nichts darf mehr verschwiegen oder vertuscht werden, auch nicht verharmlost. Eine Alternative zur Aufklärung gibt es nicht. Und vermutlich beschädigt niemand so sehr den Jesuitenorden wie einzelne Jesuiten, die als Seelsorger Seelentötung betrieben haben. Aber diese sind nicht „der“ Orden, nicht „die“ Jesuiten, und schon gar nicht „das“ Aloisiuskolleg.
Es ist tragisch, dass ausgerechnet einer der Feinsten und Sensibelsten nun hingeschmissen hat und weg ist. Pater Theo Schneider genoss Vertrauen, war für die Schüler als treuer Seelsorger da, spürte auf, hörte hin, hörte zu, hörte auch das nicht Gesagte. Dass ausgerechnet er womöglich das erste und schmerzlichste Opfer – wegen möglicher Mitwisserschaft – eines von seinem großen Gönner ausgelösten Skandals ist, macht traurig. Und dass sein Rücktritt als Folge einer spontanen Entscheidung dieses vielleicht zu wenig Mutigen gegenüber seinem mitbrüderlichen Übervater von der Ordensleitung sofort angenommen wurde, bleibt vorerst unverständlich.
Dort, in der deutschen Ordensleitung, schlummert jetzt Verantwortung zum Handeln. Verantwortung für Theo Schneider, den man nicht allein lassen darf. Verantwortung für die Schülerinnen und Schüler am Ako, für die Lehrer und Eltern, und auch gegenüber den Altschülern. Theo Schneider gehen zu lassen ist das eine. Jetzt klug und pastoral zu handeln ist das andere. Hier darf man nichts und niemanden anhaken. Große Verantwortung zwingt zum klugen Handeln.
Theo Schneider war, so sagen viele, die Seele des Hauses. Dennoch und trotz allem. Die Tränen, die „seine“ Schüler und Kollegen – und auch er selbst – bei der ebenso spontanen wie überraschend plötzlichen Abschiedszeremonie vergossen haben, waren echt und ein erkenntnisreiches Zeichen. Hier wurde ehrliche Trauerkultur sichtbar. Schmerz und Verlust. Das Fackel- und Kerzenspalier, das die Schülerinnen und Schüler ihm schließlich gaben, als der Ako-Theo sein Ako verließ, war ein Zeugnis. Ein Zeugnis für den Pater und für die Schüler. Und ein Zeugnis für „mein“ Aloisiuskolleg, das eine sehr gute Schule war und bleiben sollte. Als ehemaliger Schüler sage ich mit Überzeugung: Ich bin stolz und dankbar, großartige Persönlichkeiten am Aloisiuskolleg erlebt zu haben. Und ich bin nach wie vor aus Überzeugung ein Jesuitenschüler.
Martin Lohmann (52) ist katholischer Publizist, Theologe, Historiker und Jesuitenschüler. Er ist Buchautor („Das Kreuz mit dem C“); Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU, Bundesvorsitzender der Bundesverbandes Lebensrecht (BVL) und Lehrbeauftragter für Medienethik in Köln.
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