Der Missbrauch, die Sexualmoral und der Papst

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Der Missbrauch, die Sexualmoral und der Papst
Datum: 05.02.2010, 16:37

Es sei nur die Spitze eines Eisbergs, sagen Kenner des Jesuiten-Skandals in Berlin. Und tatsächlich: Fast täglich "tauchen" neue Missbrauchsfälle auf. Jetzt auch am Godesberger Jeuitengymnasium Aloisiuskolleg. Spitze des Eisbergs, das ist wohl eine ebenso realistische wie schreckliche Befürchtung. Aber es kann jetzt – endlich – nur auf Aufdeckung, Aufklärung und,  soweit das überhaupt möglich ist, um behutsame Aufarbeitung einerseits und um Rechenschaft und Konsequenzen andererseits gehen. Und um Heilung – sowie darum, dass künftig diese Vergehen nicht mehr so leicht möglich und zu vertuschen sind.

Zweifellos: Der Missbrauchsskandal ist widerlich. Er schafft Empörung. Viele schwanken zwischen Abscheu und Wut. Was jetzt wieder einmal offenbar wird, ist erschreckend. So wie jeder Missbrauch – gerade von Kindern und Jugendlichen – erschreckt und anekelt. Denn hier wird auf besonders perfide Weise verletzt und seelisch getötet. Und wenn das dann noch von Seelsorgern verbrochen wird, widert das besonders an.

Es ist gut, dass nun versucht wird, ein Kartell des Wegschauens und Verschweigens zu brechen. Es ist gut, dass im Jesuitenorden nunmehr eine Kultur des Hinschauens gefördert wird. Und es ist auch richtig, dass man an die Öffentlichkeit geht und nicht den Ruf der Kirche über den Schutz der Opfer stellt. Es geht um Aufklärung. Vertuschen und verdrängen dürfen keine Chance haben. Und um Erkenntnis.  

Eine ganz eigene Form des Vertuschens und Verdrängens scheint besonders beliebt in Deutschland. Denn mit sprungbereiter Abneigung folgt der Empörung über die verwirrten Patres wie automatisch eine einfache Schuldzuweisung an das sogenannte „System“ Kirche. Sei diese nicht selbst und überhaupt schuld, dass pädophile Triebe sich austoben? Ist es nicht die angeblich "selbstverständlich" schuldvolle Sexualmoral, die Menschen in derart schreckliche Notsituationen treibt? Und nicht zu vergessen: Fördert nicht der Zölibat letztlich Pädophilie und Homosexualität?

Ganz abgesehen davon, dass solche Überlegungen so gut wie alle Priester unter einen bösen Generalverdacht stellen würden, und ganz abgesehen davon, dass Pädophilie und Homosexualität nun wirklich kein Spezifikum der katholischen Kirche sind, vielmehr in allen Berufsschichten und Gesellschaftsgruppen vorkommen: Wer so fragt und wer sich seine Erklärungsmuster so simpel zurecht legt, hat von der Sexuallehre der Kirche ebenso wenig verstanden wie vom Zölibat. Und letztlich vergrößert er den durch einige Einzelpersonen ohnehin viel zu großen Schaden nicht nur für die Kirche.

Hinsehen. Erkennen. Handeln. Darum muss es gehen. Der Versuch einzelner, für das abscheuliche Verhalten der Geistlichen wenigstens teilweise die Sexuallehre der Kirche verantwortlich machen zu wollen, ist ebenso abwegig wie unlauter. Es wäre eine zusätzliche Verhöhnung der Opfer, nun Schuldige ausgerechnet in „der“ Kirche zu suchen. Denn die Sexuallehre der Kirche hat den ganzen Menschen als Einheit von  Körper, Geist und Seele im Blick. Hier geht es um Ehrfurcht und um die Erkenntnis, dass Gott den Menschen als Mann und Frau, die sich einander ergänzen, erschaffen hat. Die Kirche betont daher zu Recht die Kostbarkeit eines geordneten Sexuallebens, in dem Freiheit und Verantwortung gelebt werden.

Und deshalb ist sie gegen jede Diskriminierung etwa von Homosexuellen, aber hält nicht jedes Handeln für gleich wertvoll und richtig. Sie stellt sich gegen die Sünde, nicht gegen den Sünder. Sie steht allerdings auch im Kontrast zur herrschenden durchsexualisierten Diktatur des Relativismus, wenn sie unablässig betont, dass gerade bei der Sexualität in hohem Maße Verantwortung gefragt ist. Auch deshalb ist die neuere vatikanische Richtlinie von „Null-Toleranz“ gegenüber pädophilen Priestern nur konsequent.

Übrigens: Es ist mehr als unredlich, wenn jetzt einzelne Jesuiten ausgerechnet dem Papst Hetze gegen homosexuelle Lebensgemeinschaften vorwerfen. Solche Ablenkungsmanöver sind unanständig. Ja, geradezu infam. Auch deshalb, weil der Vorwurf inhaltlich einfach nicht stimmt. Die Feststellung, dass man gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften nicht gleichstellen kann mit der sakramentalen Ehe von Mann und Frau ist keine Hetze, sondern ein notwendiger und richtiger Hinweis. Warum? Weil es keine Diskriminierung von Ehe und Familie geben sollte durch falsche Vergleiche. Wer das bereits als Hetze diffamiert, hat vom Ehesakrament und von der gerade durch die Kirche betonten Wert- und Hochschätzung der Ehe – und der Familie – nicht viel verstanden. Und verwirrt.

Niemand wird gezwungen, katholisch zu sein. Wer die Sexuallehre der Kirche nicht versteht oder verstehen will, ist in einer freien Welt frei genug, einen anderen Lebensentwurf zu leben. Aber diejenigen, die am lautesten gegen Diskriminierung protestieren, sollten schon aufpassen, dass sie ihrerseits nicht eine geradezu repressive Diskriminierung der Kirche und ihrer Moralvorstellungen betreiben. Oder ist die Meinungsfreiheit der Kirche und ihrer offiziellen Vertretern nicht (mehr) erlaubt? Dürfen nur noch bestimmte Überzeugungen genannt und bekannt werden?

Nirgendwo gibt es einen Zwang, mit Lust katholisch zu sein. Aber man kann es sein! Doch es mutet höchst intolerant an, wenn nun manche, die mit guten Regeln und guter Ordnung nichts oder wenig anfangen können, versuchen, der Kirche insgesamt ihren eigenen Lebensentwurf aufdrängen zu wollen und klare Überzeugungen - des Papstes und vieler anderer - durch Verdrehung und abstruse Vorwürfe vermeintlicher Hetze diskriminieren. Ein bischen intellektuelle Redlichkeit darf doch wohl noch erwartet werden, oder?

Wer also jetzt allerlei zusammenrührt und aus falschen Schlüssen zu falschen Vorwürfen kommt, handelt nicht redlich und wahrhaftig. Wer zum Beispiel den Zölibat als „Zwangszölibat“ verzerrt oder meint, diese Lebensform sei vor allem und beinahe ausschließlich eine Frage der Sexualität, wird weder dem Zölibat noch jenen gerecht, die sich ebenso freiwillig für das Priestertum entschieden haben wie jene, die sich als Eheleute freiwillig für ein Leben in einer – pardon – „Zwangs-Einehe“ entscheiden. Auch diese würde übrigens früher oder später scheitern, wenn sie ausschließlich eine Frage der Sexualität und des Triebes wäre.

Jeder Missbrauch ist ein individueller schwerer Verstoß gegen die Unantastbarkeit der Menschenwürde – und eine individuelle Straftat. Wer die wertvollen Hinweise der Sexuallehre der Kirche bekämpft, missversteht oder ablehnt und nicht begreift, dass gerade in der Sexualität eben nicht alles erlaubt sein kann, darf das daraus resultierende Fehlverhalten weniger Einzelner nicht der Kirche insgesamt und allgemein aus anderen Motiven anlasten.

Missbrauch und Pädophilie sind insgesamt besorgniserregend wachsende und zunehmende Erscheinungen, die leider überall zu beklagen sind. Die dramatische Ausweitung der Kinderpornographie, vor der inzwischen staatliche Strafverfolgung fast zu resignieren droht und die dort schon als Epidemie bezeichnet wird, belegt erschreckend, dass Pädophilie und ihre entsetzliche Ausweitung ganz sicher kein Spezifikum der katholischen Kirche sind.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der viele meinen, sich alles und jedes erlauben zu können. Je absurder, desto interessanter. Auch im Blick auf Sexualität. Dürfen wir uns da wirklich wundern, wenn das zu tragischen Missverständnissen und Missbräuchen führt? Wer Gebote und Verbote aufhebt und diejenigen, die für eine geordnete und verantwortungsvolle Sexualität plädieren, als verklemmt verhöhnt, hat von Freiheit nichts begriffen. Es geht immer um die Menschenwürde jedes einzelnen und dessen Respektierung. Einen Generalverdacht darf es nicht geben – weder gegen die Kirche noch gegen den Jesuitenorden noch gegen Homosexuelle. Gerade deshalb darf nicht einfach alles miteinander vermischt werden. 

Es wäre aber fatal, würde man jetzt – wie das offenbar bereits geschehen ist - darauf hinweisen, dass die damals von erwachsenen Patres missbrauchten Jugendlichen vielleicht selbst homosexuell veranlagt gewesen waren. Selbst wenn: Das würde das Fehlverhalten der Verantwortlichen keineswegs schmälern oder gar entschuldigen. Im Gegenteil. Denn gerade Pädagogen müss(t)en wissen, was uns die Entwicklungspsychologie schon lange verrät: Fast jeder (männliche) Jugendliche erlebt in seiner Reifezeit eine in der Regel nicht allzu lange Phase der Homoerotik, die aber zu allererst Ausdruck einer Orientierungssuche ist. Hier kommt es entscheidend darauf an, dass er gerade in dieser Zeit Hilfe zur richtigen Orientierung bekommt, um aus dieser ganz normalen Durchgangsphase rasch wieder herauszufinden. Zu einer Dauerphase sollte sie nicht werden müssen. Ein Ablenkungsmanöver auf (damals) eventuell homosexuelle Jugendliche wäre also mehr als unanständig. Auch hier ist nämlich Wahrhaftigkeit geboten – und keine Vernebelung. Es kann jetzt nicht um political correctness gehen, sondern ausschließlich um Wahrhaftigkeit.

Verantwortungsvoller Umgang mit anvertrauten Schützlingen, die auch als kleine Personen eine unantastbare und dann regelrecht noch zarte Menschenwürde und eine ebenso verletzbare Seele haben. Darum geht es. Und tun wir bitte nicht so, als sei das Fehlverhalten gerade bei Klerikern besonders stark programmiert.

Nur nebenbei sei daran erinnert, wie man seine Verantwortung unglaublich missbrauchen kann, und zwar schon gegenüber kleinen Kindern. Ein Nicht-Kleriker, einer der Vorzeigelinken und Europaparlamentarier, die Ikone der Freiheit für eine bestimmte Gesellschaftsgruppe, hat das schon vor Jahren in geradezu selbstherrlicher Selbstgerechtigkeit und offenbar ohne Spuren von Erkenntniszuwachs beschrieben. Ein Einzelfall, was das Denken und Handeln angeht?

Daniel Cohn-Bendit bewarb sich 1972 im Kindergarten der Frankfurter Universität und beschreibt seine Erfahrungen in einem Buch 1975 unter anderem so: Es sei ihm „mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln“. Er habe „je nach den Umständen unterschiedlich reagiert“ und fühlte sich durch die Kinder vor Probleme gestellt. Daher habe er sie gefragt: „Warum spielt ihr nicht untereinander, warum habt ihr mich ausgewählt und nicht andere Kinder?“ Doch wenn sie „darauf bestanden“ haben, habe er „sie dennoch gestreichelt“. Schließlich resümiert der Grünen-Politiker: „Eines der Probleme im Kindergarten war, dass die Liberalen die Existenz der Sexualität allenfalls anerkannten, während wir versucht haben, sie zu entwickeln und uns so zu verhalten, dass es den Kindern möglich war, ihre Sexualität zu verwirklichen.“ Wer so etwas in Ordnung findet, sollte mit Empörung an anderer Stelle zumindest vorsichtig sein.

Zurück zur Kirche. Zu lange war die Sexuallehre der Kirche, die urkatholisch eher barock, eigentlich sehr lebens-, leib und lustfreundlich (gewesen) ist, von nichtkatholischer und früher einmal moderner Verklemmtheit gefangen genommen und in eine verhängnisvolle Prüderie verstrickt. Spätestens seit der „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. ist sie daraus befreit. Und sie ist wesentlich lebensbejahender als manche selbsternannten Kritiker der Kirche, die ihrerseits noch allzu sehr verklebt zu sein scheinen in einer säkularen Sexualleere (!); die sich mit Fleischeslust und allenthalben erlaubter Triebbefriedigung zu begnügen können glaubt und in niederer Erotik die Kostbarkeit wirklich verantwortlich gelebter Sexualität zu ertränken sucht.

Verklemmung, Ängstlichkeit und Verdrängung haben sicher bei manchen in der Kirche und vor allem in der Seelsorge ihre unguten Spuren hinterlassen. Bis heute. Vielen ist es peinlich, über Fragen der Sexualität überhaupt zu reden. Unter dem Mantel des (Ver)Schweigens konnte sich mancherorts eine Menge unangenehmer Muff entwickeln. Der muss raus, keine Frage. So gesehen hat Papst Johannes Paul II. mit seiner unverkrampften Theologie des Leibes und der ganz normalen Rede über dieses Geschenk der Sexualität geradezu revolutionär gehandelt. Formal und inhaltlich.

Während man in der Kirche das unverklemmte Hinsehen und das ehrfurchtsvolle wie angstfreie Reden über ein ebenso wertvolles wie zerbrechliches Gut weiter lernen muss, könnten un-informierte Kritiker der Kirche einmal anfangen, ihre alten, verstaubten und billigen Klischees und simplen Erklärungsmuster gegen gutes Wissen einzutauschen. Vielleicht entdeckt ja so mancher dann eine Sexualmoral, die nicht dadurch falsch wird, weil sie für einige zu anspruchsvoll und zu menschengerecht ist – und  Konsequenzen für das eigene Leben zutraut.

 

Martin Lohmann (52) ist katholischer Publizist und war Jesuitenschüler am Godesberger Aloisiuskolleg. Er ist Buchautor („Das Kreuz mit dem C“); Sprecher des Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK) in der CDU, Bundesvorsitzender der Bundesverbandes Lebensrecht (BVL) und Lehrbeauftragter für Medienethik in Köln.

 

 

 

 

 

Sven von Storch

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