Eine fiktive Geschichte

Veröffentlicht:

Eine fiktive Geschichte
Datum: 24.03.2009, 02:13

Der Mann hilft im Haushalt mit, und sie kann selbstverständlich die Glühbirnen in der Wohnung auswechseln. Zum Glück gehen die Stromsparbirnen selten kaputt. Dafür geniesst dieses Modellpaar um so öfter die gesunde Küche beim Nobelitaliener um die Ecke. Im Winter sieht man sie regelmäßig beim Après-Ski in den Schweizer Bergen, während im Sommer die Bretagne bevorzugt wird. Möglicher Nachwuchs wird hormonell verhindert (meistens davor, ein paar Mal aber auch danach).

Im Alter von 35-37 Jahren entschliesst sich das erfolgreiche Paar dann nach vielen Diskussionen und unter rationaler Abwägung aller Vor- und Nachteile, nun ein oder maximal zwei Kinder zu bekommen. Da allerdings der langjährige Hormoneinsatz nicht spurlos geblieben ist und die biologische Uhr tickt, erfüllt sich der Wunsch leider nicht.

Kein Problem, der Staat fördert die künstliche Befruchtung, denn dieses Paar hat es sich durch umfangreiche Steuer- und Sozialabgabenzahlungen ja mehr als verdient. Beim dritten Versuch dann klappt es: aus den fünf befruchteten Eizellen suchen die Ärzte nach verschiedenen genetischen Tests die zwei fittesten aus, die in die Gebärmutter eingesetzt werden, und können dabei auch gleich Geschlecht und Haarfarbe entsprechend der Wünsche der Eltern auswählen. Einer der beiden Embryos nistet sich in der Gebärmutter ein. Das Paar ist glücklich.

Die überzähligen drei Embryonen, die ihre Petrischalen noch nicht verlassen haben, werden zunächst eingefroren. Sie könnten später noch genutzt werden, vielleicht für weitere Schwangerschaften. Sie könnten aber auch, nach der staatlich zertifizierten Umbenennung in embryonale Stammzellen, an die pharmazeutische Industrie verkauft werden, die an diesen neue Krebsmittel testet. Das junge Paar, inzwischen Eltern geworden, wäre sicherlich zufrieden, auch damit noch der Menschheit einen Dienst erwiesen zu haben.

Alle sind glücklich: die Eltern, die Ärzte, die Beamten in der Finanzverwaltung, die Regierung, die Vertreter der pharmazeutischen Industrie und die Krebskranken. Nur manchmal, in ruhigen Momenten, wenn sich die Gedanken nicht abschalten lassen, leiden Einzelne unter einer neuen psychosomatischen Krankheit, die man das DWLSNU-Syndrom genannt hat, das "Die Wahrheit lässt sich nicht unterdrücken-Syndrom." Bevor sich die Psychotherapie damit beschäftigte, hatte man es einfach "Gewissen" genannt. Aber zum Glück soll ein neues, revolutionäres Medikament, das Abhilfe verspricht, kurz vor der Zulassung stehen...

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.