Nichts gelernt bei SPIEGEL und Co.
Nichts gelernt bei SPIEGEL und Co.
Datum: 03.01.2019, 11:37
Nichts muss revidiert werden; noch nicht einmal das Urteil über Relotius’ Reportagen.“
Die taz geht sogar noch einen Schritt weiter: „In Wahrheit bestätigt die Affäre Relotius nicht jene Leute, die für ihre Ressentiments sowieso keine Argumente brauchen – sie widerlegt sie. Wären nämlich Erfindungen und andere Lügen an der Tagesordnung, dann hätte es keinen Grund für den Spiegel gegeben, den Vorgang im eigenen Haus zu skandalisieren.“ Dass der SPIEGEL die Zweifel an Relotius trotz Indizien ignorierte – ob nun bei Filmaufnahmen von SPIEGEL TV oder dem Einwurf zweier US-Amerikaner aus Fergus Falls, über das Relotius Falschbehauptungen aufstellte – wird natürlich geflissentlich übergangen.
Die ganze Arroganz wird aber ganz woanders deutlich. Auf Twitter kommt es am 21. Dezember, also gerade einmal einen Tag nach der Relotius-Enthüllung, zu einem Schlagabtausch zwischen dem SPIEGEL-Redakteur Hasnain Kazim und dem User Hans-Christoph Schlüter. Schlüter ist Initiator der pro-europäischen Organisation „WhyEurope“ und ein Gegner von Brexit und „Rechtspopulismus“ – also alles andere als ein ideologischer Gegenspieler von Kazim.
Wie empfindlich aber der Journalismus gegenüber jeder Kritik geworden ist, zeigt das folgende Gespräche, bei dem Kazim sich äußerst aggressiv zeigt. Der SPIEGEL-Redakteur sagt ganz offen: „Muss sie nicht interessieren, aber die Wahrheit ist, dass die meisten nicht selbst denken, sondern irgendwelchen Bullshit im Netz aufgreifen.“ Schlüter wirft ein: „Sehen Sie, das ist genau das Problem. Sie halten die meisten für zu blöd, um selbst zu denken.“ Schlüter weist richtigerweise darauf hin, dass eine solche Verhaltensweise nicht nur arrogant, sondern auch angesichts der Vorfälle der letzten Tage „hochgradig bedenklich“ seien. Schlüter spitzt zu: „Was richtig ist und was nicht, entscheiden Sie?“ Kazim antwortet prompt: „Wenn Sie so fragen: Ja, natürlich.“
Im Grunde ist damit über den Zustand der Medienwelt alles gesagt. Wahrheit wird nicht recherchiert, sie wird von Journalisten gemacht. Dumm ist jeder, der daran zweifelt, dass allein Journalisten bestimmen dürfen, welche Fakten gelten und welche nicht. Der Leser ist zu unmündig, sich selbst zu informieren. Dass eine solche Haltung nicht nur antidemokratisch, sondern auch antifreiheitlich ist, muss nicht ausgeführt werden. Es stellt sich dann jedoch die Frage, wer die echten Demokratiefeinde in diesem Land sind. Bei SPIEGEL und CO. hat man daher nicht nur nichts gelernt – man ist auch lernunfähig. Es bleibt einzig Arroganz.
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