Was ist anders in Russland I

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Was ist anders in Russland I
Datum: 13.09.2013, 11:12

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber das war’s dann schon mit der kommunistischen Nostalgie.

Klar ist es hier anders als bei uns. Binsenwahrheit.

Der Punkt ist jedoch, dass Russland völlig anders ist als ich es erwartet hatte. Mein vom Kalten Krieg und langen Jahren ARD- und SRF-Tagesschau geprägtes Russlandbild liegt in Trümmern.

Das Russland, das ich gesehen habe, ist bis Irkutsk ein europäisches Land wie die anderen europäischen Länder auch.

Selbstverständlich sind mir die geografischen, die politischen und historischen Zusammenhänge bekannt. Trotzdem ist mir in den letzten Tagen auf ausgedehnten Spaziergängen in Moskau, Kazan, Novosibirsk und heute wieder in Irkutsk die Frage durch den Kopf, warum Russland nicht mal in einer Fussnote als Beitrittskandidat zur europäischen Union auftaucht.

Ich meine, wenn man die Türkei nach Europa holen will, warum nicht Russland?

Womit ich nochmals mit anderen Worten gesagt habe, dass sich mein Russlandbild in diesen letzten Tagen komplett verändert hat.

Diese Menschen hier sind mir, anders als ich es erwartet habe, nicht fremd.

Geht’s den Leuten gut?

Wie soll man eine solche Frage als Bewohner der Insel der Glückseligen schlüssig beantworten können?

Was ist der Massstab?

Der Lohn eines Lehrers, sagt heute auf der Rückfahrt nach Irkutsk unser Tourguide, beträgt 26’000 Rubel im Monat. Das sind umgerechnet 739 Schweizer Franken oder 597 Euro.

Das sei aber wenig, meinte dazu der Rentner aus München, der mir gestern bei einem Bier erklärt hatte, sein gesamtes Renteneinkommen betrage 1.300 Euro (1’600 Franken) im Monat. Und darauf bezahlt der Mann auch noch Steuern.

Ich meine, da hatte ICH kurz mal leer schlucken müssen.

Wenn ich also das “Strassenbild” als Massstab nehme – die Autos, wie sich die Leute kleiden, Läden, Restaurants, dann geht es den Menschen in Irkutsk vergleichbar gut wie den Menschen in Berlin oder Edinburgh, aber besser als denen in Lissabon oder Istanbul.

Ich habe jedoch schon vor Jahren aufgehört, solche Vergleiche anzustellen. Weil sie nichts bringen.

Zum einen, weil es für einen Schweizer Franken-Kontobesitzer mit wenigen Ausnahmen überall auf dieser Welt umgerechnet viel billiger ist als zuhause. Und er in aller Regel auch mehr verdient.

Zum anderen weil man mit solchen Rechnereien den Leistungen der Menschen in anderen Ländern nicht gerecht wird.

Wenn ich durch die Stadt streife, dann empfinde ich grossen Respekt für den Wandel und den Fortschritt in unserem Sinn, den dieses Land seit dem Untergang der Sowjetunion vollzogen hat.

Und wenn ich die aktuellen Nachrichten verfolge, so dünkt mich die Politik des Herrn Putin zum Beispiel in Sachen Syrien um einiges berechenbarer als die des moralisierenden Eiertanzers Obama.

Gerade für die Schweiz könnte Russland im Machtpoker mit der EU ein interessanter Partner werden. Denn uns vereint eine Sache: es sind beides europäische Staaten, welche sich der Deutungshoheit Brüssels, wie den ein europäisches Land zu sein hat. entziehen.

Beitrag erschien zuerst auf: arlesheimreloaded.ch

 

Sven von Storch

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