Wann sind wir bereit, für UNSERE Werte tatsächlich schmerzhafte Opfer zu bringen_

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Wann sind wir bereit, für UNSERE Werte tatsächlich schmerzhafte Opfer zu bringen_
Datum: 30.07.2014, 10:10

Das ist nicht einfach eine Schwarzweiss-Feststellung, sondern das Resultat unter dem Strich von durchaus differenziertem Denken. Was man ja gemeinhin denjenigen abspricht, die heute noch Partei für Israel ergreifen. Ich sehe diesen Konflikt im Nahen Osten als Blaupause für alle Konflikte, die sich derzeit rund um die Festung Europa plus dem Aussenposten Afghanistan abspielen. Denn er zeigt das Dilemma auf, in dem jene festsitzen, welche westlichen Werten wie Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Säkulariät, Rationalität und humanistisches Denken noch immer die Stange halten.

Und er zeigt auch, dass Nationen, welche diese Werte hoch halten, nicht nur unter besonderer Beobachtung stehen, sondern als Projektionsfläche eigener Unzulänglichkeit herhalten müssen. Während kaum jemand gegen die Gotteskrieger in Irak oder in Syrien, gegen die Menschenrechtssituation in Libyen oder im Sudan, schon gar nicht wegen der Vertreibung der Christen aus Mosul auf die Strasse geht, gehört es in Europa schon lange zum guten Ton, in Leserbriefen und Onlinekommentaren die Israeli als Greueltäter zu beschimpfen.

Es stört offenbar auch niemanden, dass die Hamas lieber Millionen in ein weitverzweigtes Tunnelsystem investiert, als in Schulen, Krankenhäuser, Abwassersysteme, Elektrizitätswerke. Letztere werden schliesslich von der EU und der UNO bezahlt. Die Palästinenser sind die Guten, weil Unterdrückten, die Israeli die Bösen, weil die Unterdrücker. Oder, um es mit Henrik M. Broder auf den Punkt zu bringen“Diese Scheissjuden wollen sich einfach nicht aus der Geschichte verpissen!”

Ein Meisterwerk dieses Mainstream-Journalismus veröffentlicht heute bazonline (vom Tagesanzeiger übernommen). Das muss man lesen, da ist alles drin. Inklusive Bild, ein Zitat aus den Tagen des Vietnamkrieges.

“Die simple Quintessenz”, schreibt uns der Verfasser aus Kairo:

Israel sollte rasch einen fairen und dauerhaften Frieden mit allen Palästinensern schliessen, bevor noch viel radikalere Feinde ins Haus stehen.

Richtig, eine wirklich tolpatschige Quintessenz.

Und dann kippt die Strasse und  sie sind wieder da, die antisemitische Hetze und die Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens und auf Synagogen. Ja klar doch, so das Geflüster hinter vorgehaltener Hand, die Juden sind doch selber schuld, dass das wieder hoch kocht, schliesslich sind sie es ja, welche den Gaza-Streifen bombardieren, die Palästinenser unterdrücken.

Sollen sie doch gehen, nach Israel, die Juden aus Europa.

Ich verfolge den IDF-Twitterkanal  seit gut zwei Jahren. Die IDF meldet schon seit Anfang des Jahres ständige Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen, also schon lange vor der Verschleppung und Ermordung von drei Israelis. In unseren Medien liest sich das ja jedoch so, als ob der Raketenbeschuss die jüngste Antwort auf die Antwort gewesen sei.

In Zahlen: Seit dem Abzug Israels aus dem Gaza-Streifen 2005 sind mehr als 11’000 Raketen aus Gaza nach Israel abgefeuert worden. Rund fünf Millionen Menschen liegen in Trefferbereich.

In Sderot und Aschkelon (wir waren dort) bleiben den Bewohnern gerade mal sechzig Sekunden um einen sicheren Unterschlupf zu finden.  Deshalb findet man dort auf den Spielplätzen bombensichere Betonunterstände für die Kinder.

Buntbemalt.

Jetzt wird wieder geschrieben und gesagt, die gegenwärtige israelische Militäroffensive bringe keinen wirklichen Fortschritt. Frieden sei nur in Verhandlungen erreichbar.

Was die Militäroffensive angelangt, so bin ich mir nicht sicher, ob in jener Gegend rund 3’000 Kilometer von uns weg, das energische Eingreifen unter dem Motto “jetzt reicht’s” nicht mehr bringt als die bei uns zelebrierten Verständnisrituale. Weil letzteres in einer Welt, in der Gewalt gegen jeden und jede zum Alltag gehört,  als Schwäche interpretiert wird.

Klammer: Überzeugt davon, dass es  “jetzt reicht”,  hat “Europa”  das Gaddafi-Regime mit Luftangriffen weggebombt. Europa hat in diesem Fall die den Westen umtreibende Frage, ob der Tyrannenmord zu rechtfertigen sei, mit Ja beantwortet. Klammer zu.

Was den Verhandlungsfrieden anbelangt – aber klar doch.

Doch wie war das nochmals in Europa? Hat nach dem  Ersten und dem Zweiten Weltkrieg irgendjemand Friedensverhandlungen geführt? So viel ich weiss, stand am Beginn des nunmehr bald mal 70jährigen europäischen Friedens die bedingungslose Kapitulation Deutschlands.

Die Ukraine-Krise lehrt uns quälend, dass man nur mit denen vernünftige Gespräche führen kann, welche Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Säkulariät, Rationalität und humanistisches Denken nicht als Leitgedanken von Schwächlingen begreifen, sondern als einzige Möglichkeit, Konflikte friedlich zu lösen.

Wir haben gelernt, dass Herr Putin an solches Dummschwätzzeugs des Westens nicht glaubt.

Die Frage, die sich uns deshalb stellt, ist die schmerzlichste überhaupt: Wann ist der Punkt erreicht, an dem WIR bereit sind,  für UNSERE Werte Opfer zu bringen?

PS: Die Holländer schicken angeblich 40 unbewaffnete Polizisten in die Ukraine.  Gut, da ist noch die Rede von einer “UN-Truppe”, 50 weitere Polizisten aus Australien. Die Rebellen in der Ukraine werden mächtig beeindruckt sein.

Beitrag erschien auch auf: arlesheimreloaded.ch

Sven von Storch

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