Herr Sarrazin und das jüdische Gen
Herr Sarrazin und das jüdische Gen
Datum: 30.08.2010, 10:21
Die heftige Reaktion in Deutschland überrascht nicht.
Allerdings hat mich die Empörung etwas erstaunt. Denn so ein "jüdisches Gen" wird in orthodoxen Kreisen in Israel wohl etwas anders beurteilt, nämlich durchaus positiv.
Ich habe während meines kürzlichen Aufenthalts in Israel vor allem lokale Onlineportale gelesen. Und als dieses Wochenende die Sarrazin-Empörung auch zu uns überschwappte, erinnerte ich mich, die Sache mit dem Juden-Gen ganz anders gelesen zu haben.
Denn diese Nachricht hatte mich tatsächlich erstaunt.
Auf der jüdisch-orthodoxen Website aish.com verbreitete Rabbi Yaakov Kleiman die freudige Nachricht über das "Jewish Gen":
There is now new and exciting DNA evidence for common Jewish origin -- not just among Cohanim, the Priestly Class, but among Jews scattered all over the globe.
Diese Nachricht muss man vor dem Hintergrund der hitzig und kontrovers bis hinauf in die Regierung geführte Debatte verstehen, wer die eh schon restriktive Aufnahme von Konvertiten ins Judentum vornehmen darf. Die Orthodoxen sind der Meinung, nur noch sie seien dazu berechtigt. Jeder, der Jude werden wolle, müsse, wenn schon, ein orthodoxer Jude werden.
Eine Schweizerin, die auf dem Hinflug nach Tel Aviv neben mir im Flugzeug sass, und 1969 wie viele Schweizer damals voller Begeisterung einen Sommer in einem Kibbuz verbrachte und danach gleich für immer blieb, meinte, ihr Übertritt zum jüdischen Glauben wegen ihrer Heirat sei damals reine Formsache gewesen. Heute wäre das so nicht mehr möglich.
Mit dem jüdischen Gen könnte man Immigrationspolitik betreiben.
This genetic anthropology promises to be particularly informative for tracking the history of Jewish populations, and helping to resolve the debate on the origins and migrations of Jewish communities in the Diaspora.
Dieser Satz wiederum ist vor dem Hintergrund eines gewissen Unbehagens gegenüber den Einwanderern aus Russland zu verstehen. 72 % von ihnen, so hatte eine Umfrage vor ein paar Jahren zutage gebracht, könnten auf jüdische Feiertage verzichten und ungefähr ebenso viele fühlen sich nicht als Israelis. Es fällt denn auch auf, wie viel Russisch man im Alltag links und rechts auf der Strasse hört, und dass viele Geschäfte kyrillische Beschriftungen aufweisen, fällt dem Besucher ins Auge.
Dass der Genpool insbesondere auch in Nord- und Osteuropa intakt sei, freut Rabbi Kleimann deshalb besonders. Denn es geht die Vermutung um, dass nicht alle, die aus Russland eingewandert sind, auch eine jüdische Mutter haben.
Although the Ashkenazi (European) Jewish community separated from their Mediterranean ancestors some 1,200 years ago and lived among Central and Eastern European gentiles, their paternal gene pool still resembles that of other Jewish and Semitic groups originating in the Middle East.
Und Herr Kleinmann setzt noch einen drauf:
Only the Jewish people in the history of mankind has retained its genetic identity for over 100 generations, while being spread throughout the world –- truly unique and inspiring.
Vielleicht sollte man zuerst etwas googeln und sich anschliessend empören.
PS: Lesenswert sind auch die Leserkommentare, wo es um die Gene der Palästinenser geht.
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