Günter Grass und die verlogene Generatio
Günter Grass und die verlogene Generatio
Datum: 10.04.2012, 08:30
Zumindest ging es mir so.
Das ist auch keine schweizerische Debatte, wie beispielsweise das Steuerabkommen mit Deutschland, die da zu Herrn Grass und seinem “Gedicht” geführt wird. Weshalb Schweizer und somit auch Herr Muschg, nichts zur Debatte beizutragen haben.
Sie sollen schweigen und sich um die Schwarzgeldkonti kümmern.
Hier geht es um die Äusserung eines Vertreters der verlogenen Generation, mit der wir, die unmittelbar nach dem Krieg Geborenen, in den fünfziger Jahren begonnen haben, abzurechnen, mit der Generation der Täter, der Hinnehmer und der Mitläufer, der Generation der Raschvergesser und -verdränger.
Die Generation unserer Väter und Grossväter.
Bis in die frühen sechziger Jahre hat in meiner Familie niemand darüber geredet, dass meine Grosseltern 1943 im KZ Sachsenhausen bei Berlin erschossen wurden, dass meine Mutter als 16-Jährige mehrere Wochen in Karlsruhe in Gestapohaft sass.
Das war tabu, darüber sprach man nicht.
Denn wollte man vor Kriegsende aus Angst nichts mehr mit meiner Mutter zu tun haben, dann war es nach dem Krieg die Überlebende, welche die verlogenene Generation daran hinderte, vergessen zu können.
Ich bin aufgewachsen mit einer Verwandtschaft, in der Sätze “bis zum Vergasen”, “unter dem Adolf hätte es das nicht gegeben”, “es war nicht alles schlecht im Dritten Reich”, “in der HJ haben wir Disziplin gelernt”, “es muss doch auch mal vorbei sein”, “üb immer Treu und Redlichkeit”, “eine (deutsche) Frau raucht nicht”, und so weiter uns so fort, wie selbstverständlich zum alltäglichen Wortschatz gehört haben.
Es ist die nationalsozialistische Syphilis, dies sich ins Hirn gefressen hat. Nur wer infiziert ist, wie wir, die Söhne und Töchter der verlogenen Generation, versteht die Symptome.
Herr Grass war bei der Waffen SS. Um das zuzugeben, brauchte er 61 Jahre. DieGedächtsnislücke sei schuld.
Die verlogene Generation litt nach dem verlorenen Krieg am meisten und zuerst unter der Gedächtnislücke.
Wenn Herr Muschg also schreibt:
Plötzlich soll alles gegen ihn sprechen: nicht nur die Einteilung des ganz jungen Mannes zur Waffen-SS, die er selbst – natürlich zu spät! – eingestanden hat und aus der inzwischen eine „Zugehörigkeit“ geworden ist.
Dann ist das ein Satz eines Schweizers, der von der nationalsozialistischen Syphilis verschont blieb und deshalb einfach den Mund halten sollte. Er versteht die deutsche Debatte nicht.
Er weiss auch nicht, dass man auch das nicht schreiben kann: “Selbst der jüdische Schriftsteller Charles Lewinsky meint….”, weil dieser Satzanfang mit zum Argumentarium der verlogenen Generation gehört. Sie zitieren immer einen Juden, wenn sie von ihrer Schuld entlastet werden wollen.
Wenn doch selbst ein “jüdischer Schriftsteller”, suggeriert Herr Muschg in bester Verlogendheitsmanier, sei das doch nicht gar so schlimm, was Herr Grass da geschrieben habe.
Ein Missverständnis halt, ein boshaftes gar des deutschen Feuilletons.
In Klammer: Mein Vater, ein Jahr älter als Herr Grass, wurde 1943 auch für die Waffen SS gemustert. Es war dann meine Grossmutter, eine beherzte Frau, im elsässischen Thann geboren, Trägerin des Mutterverdienstkreuzes, eine Art Ritterkreuz für Mütter, das am Tag des Einmarsches der Franzosen in Freiburg in der Etagentoillette auf Nimmerwiedersehen weggespült wurde, es war meine Grossmutter, die meinen Vater im Rekrutierungsbüro aus der Waffen SS rausgeredet hat und erreichte, dass er zur Luftwaffe versetzt wurde. Er hat, als Fallschirmjäger, nie ein Flugzeug von innen gesehen. Klammer geschlossen.
Herr Grass sagte es 2006 der FAZ so:
Auch das ist ja eine merkwürdige Sache: Ich habe mich gemeldet, mit fünfzehn wohl, und danach den Vorgang als Tatsache vergessen. So ging es vielen meines Jahrgangs: Wir waren im Arbeitsdienst, und auf einmal, ein Jahr später, lag der Einberufungsbefehl auf dem Tisch. Und dann stellte ich vielleicht erst in Dresden fest, es ist die Waffen-SS.
Er habe sich als Fünfzehnjähriger zu den U-Booten gemeldet. Schimmert’s später durch seine Gedächtnislücke. Aber die hätten ’43 keinen mehr genommen, weil der Krieg verloren sei, habe der von der Marine gesagt, so Herr Grass.
Gibt es im Jahre 1943 Gründe dafür, dass er gar keinen Umweg über die U-Boote macht, sondern sich gleich bei der Waffen-SS meldet, dann aber bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres warten muss?
Mutmasst ziemlich plausibel Gunnar Heinsohn bei “achtgut”.
Die Reaktion auf das sogenannte Gedicht fällt in Deutschland deshalb so heftig aus, weil die Generation der heute 55plus-Jährigen es leid ist, sich diese Gedächtnislücken weiterhin anhören zu müssen. Vor allem dann, wenn sie unter dem Deckmantel des um den Weltfrieden besorgten Mahnens hochrülpsen.
PS: Dass meine Grosseltern im KZ umgebracht wurden, habe ich erst Mitte der sechziger Jahre erfahren. Es dauerte dann nochmals zehn Jahre, bis ich meine Mutter dazu bewegen konnte, ihre Geschichte aufzuschreiben. Im Jahr 2008 habe ich dann den Hintergrund, der zur Verurteilung geführt hatte, erfahren.
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