Frau Jolie und ihr Gentest - die gesellschaftlichen Folgen sind unabsehbar
Frau Jolie und ihr Gentest - die gesellschaftlichen Folgen sind unabsehbar
Datum: 16.05.2013, 09:29
Eingedenk dessen, dass für Männer die weiblichen Brüste eine etwas andere Bedeutung haben als für Frauen, kann ich die Beweggründe von Frau Jolie nur halbwegs nachvollziehen.
Wir konzentrieren uns ja mehr auf die Prostata.
Hingegen sind es zwei Dinge, die mich stören. Zum einen ist es da die Deutsche Sprache, respektive der wenig sensible Umgang in der Causa Jolie. (Disclaimer: Die Frau geht mir schon seit Jahren gehörig auf den Wecker.)
Da onlined mir frühmorgens die Überschrift entgegen: “Jolie hat sich die Brüste amputieren lassen“. Selbst in Qualitätsmedien wurde diese Überschrift der Agentur übernommen. Womit die grösstmögliche Aufmerksamkeit garantiert ist. Ist schon das Wort “Amputation”, das ja zumeist mit Kriegsverletzungen in Verbindung gebracht wird, ein wenig erbauliches Wort, elektrisiert es geradezu im Zusammenhang mit “Brüsten”.
Das englische “double mastectomy” scheint mir nicht nur angebrachter sondern auch taktvoller. Doch die Semantik ist die eine Sache.
Die andere ist die gesellschaftspolitische Bedeutung von Angelina Jolies doppelter Mastektomie.
Wie wir erfahren haben, hat sie sich nach einem Gentest zur Operation entschlossen. Weil dieser “ein 87-prozentiges Risiko für Brustkrebs und ein 50-prozentiges Risiko für Eierstockkrebs” ergeben hat.
Damit ist von einem bislang vor allem als modische Trendsetterin (und durch schlechte Schauspielerei – siehe oben) aufgefallenen Hollywoodstar ein Thema auf die Tagesordnung gesetzt worden, das uns alle angeht: Wird es zur Pflicht, sich einem Gentest zu unterziehen, um Erbkrankheiten frühzeitig zu erkennen und sich entsprechend behandeln zu lassen?
Und was tut man, wenn man die drohende Erbkrankheit nicht so radikal wie Frau Jolie aus der Welt schaffen kann?
Das Problem ist nicht, dass Frau Jolie sich in ihrem individuellen Fall für sich persönlich eine Entscheidung getroffen hat, die uns im Prinzip nichts angeht.
Das Problem ist, dass die von Frau Jolie aufgrund eines (fragwürdig negativen) Gentests getroffene Entscheidung einen gesamtgesellschaftlichen Massstab setzt. Ich meine, die Frau war noch nicht erkrankt, sondern sie nahm an, dass sie dereinst erkranken KÖNNTE.
Der Hollywoodstar, dessen Beine vor paar Wochen die Aufmerksamkeit der Weltpresse erlangten, liefert nun mit einer angeblich rationale Entscheidung neue Schlagzeilen. Zuvor waren es adoptierte Kinder und die Ehe mit einem anderen Hollywoodstar.
Alterszynisch wie ich nun mal bin, frage ich mich, wer eigentlich von diesem Operationscoup der Frau Jolie profitiert.
Neben der Spezialklinik und den behandelnden Ärzten könnten dies beispielsweise die Versicherungsgesellschaften sein. Es wird ja schon seit Jahren darüber diskutiert, ob man bei Lebensversicherungen nicht einen Gentest vorlegen muss.
Die Versicherungsgesellschaften argumentierten gegenüber den Ärzten schon 2003 so:
[...] Erkennt man solche Veranlagungen rechtzeitig, und lässt sich dagegen auch präventiv etwas unternehmen, so bekommen die Gentests eine ganz andere Bedeutung. Sie helfen mit, rechtzeitig etwas gegen gesundheitliche Bedrohungen zu unternehmen. Sobald Gentests deshalb verbreiteter zum Einsatz gelangen, ist es für die Lebensversicherer wichtig, dass die Ergebnisse eines freiwillig unternommenen Tests in die Beurteilung des Risikos einfliessen kann. Nur so wird es möglich, allen Kunden faire Tarife zu verlangen.
Wollen wir das? Ist Frau Jolie ein Vorbild?
Nein.
Weil Frau Jolie schon in der Vergangenheit einen etwas eigenartige Beziehung zu ihrem Körper öffentlich zelibriert hat: Auf ihrem Rücken hat sie sich die Inschrift “Know Your Rights” tätowieren zu lassen und in diesem Stil geht es den Körper rauf und runter.
Um es auf den Punkt zu bringen: Möglicherweise hätte Frau Jolie ihr Problem auch mit einem guten Psychiater lösen können.
Beitrag erschien zuerst auf: arlesheimreloaded.ch
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