Lenas Tagebuch

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Von der Blockade Leningrads während des Zeiten Weltkrieges ist wenig bekannt, obwohl es sich um eine humanitäre Katastrophe biblischen Ausmaßes gehandelt hat.

 

Stalin, zu dessen Kriegszielen es keineswegs gehörte, den Blockadering um die ungeliebte Stadt schnellstmöglich zu sprengen, ließ Leningrad zur Heldenstadt verklären und den selbstlosen Widerstand der Leningrader feiern . Über die Fehler der Armeeführung und das kolossale Versagen der Sowjet- Bürokratie wurde nicht diskutiert.

Erst 1981 kam in Moskau das zweibändige „Blockadebuch“ von Ales Adamowitsch und Daniil Granin heraus, in dem die Situation der Zivilbevölkerung der Stadt mit zahlreichen Augenzeugenberichten nachgezeichnet wird.

In der DDR, die natürlich die sowjetische Geschichtsbetrachtung übernommen hatte, kamen die Bände erst 1987 heraus.

 

Vor wenigen Jahren erschien David Benioffs „Stadt der Diebe“ , eroberte die Bestsellerlisten und machte die Tragödie Leningrads einem breiten Publikum bekannt.

Lena Muchinas Tagebuch ist das Gegenteil von Benioffs reißerischem Thriller.

Es ist geschrieben von einem sechzehnjährigem Mädchen, das ungefiltert ihre Eindrücke wiedergibt.

Ein sehr stilles Buch. Es beginnt am 22. Mai 1941, kurz vor dem Überfall auf die Sowjetunion.

Lena und ihre Schulkameraden büffeln für die zahlreichen Prüfungen und albern nach Schulschluss herum. Das Mädchen hat nur Augen für Woka und denkt ununterbrochen darüber nach, ob er ihre Gefühle wohl erwidern könnte. Die letzte Eintragung vor dem 22. Juni schildert seitenlang eine alberne Jagd der Mädchen nach den Jungen und umgekehrt.

Dann bricht der Krieg in diese pubertäre Idylle ein.

„Um 12 Uhr 15 lauschte das ganze Land der Ansprache des Genossen Molotow. Er teilte mit, dass deutsche Truppen heute um vier Uhr früh ohne Kriegserklärung unsere Westgrenze überschritten haben“

Von da an wird Lenas Alltag vom Krieg beherrscht.

 

Es beginnt damit, dass die Schüler zu sinnlosen Arbeitseinsätzen vor die Stadt geschickt werden, wo sie zu Hunderten im Freien übernachten müssen, weil niemand auf sie vorbereitet ist.

Ein paar Tage später gibt es Unterkünfte, aber der Sinn der Arbeitseinsätze ist fragwürdig. Erst Mitte August ist Lena in der Stadt zurück.

 

Sie erlebt die ersten Bombenangriffe in Kellern, die nicht für Luftschutzzwecke ausgerüstet sind. Sie hört im Radio Siegesmeldungen, während der Ring um die Stadt immer enger gezogen wird.

Erst als verkündet wird, dass die Stadt Tichwin zurückerobert wurde, war die Rede davon, dass der Blockadering , der vorher nicht Gegenstand von Meldungen war, fast gesprengt wurde.

Die Bombardierungen lassen nach, den andauernden Artilleriebeschuss empfindet Lena als nicht so schlimm. Viel schlimmer ist der Hunger, der umso stärker wird, je näher der Winter kommt. Strom gibt es nur noch wenige Stunden am Tag, Heizmaterial ist so knapp, dass es nur zum Kochen oder Aufwärmen der Nahrung reicht.

Der erste Winter der über 900 Tage andauernden Blockade war der härteste.

Lena, die in einem Zimmer einer so genannten Kommunalwohnung wohnt, muss erleben, wie erst ihre alte Großtante, dann ihre Mutter stirbt. Sie zieht auf einem Schlitten die Toten zur Leichensammelstelle und bleibt allein zurück.

 

Es ist charakteristisch für die Zustände in den Kommunalwohnungen, dass Lenas Nachbarn keine Rolle spielen. Man wohnte zwar gezwungenermaßen unter einem Dach, hatte aber keine Beziehungen zueinander.

Lena macht sich anfangs noch Gedanken, wie sie zu einem echten Sowjetmenschen werden könnte. Kritik an den Sowjets kommt ihr nicht in den Sinn.

Nur einmal bricht es aus ihr heraus, als der britische Außenminister Eden im Dezember 1941 Moskau besucht: „Wir sterben hier vor Hunger wie die Fliegen, aber in Moskau hat Stalin gestern wieder ein Essen zu Ehren Edens gegeben. Es ist empörend, sie fressen dort wie die Teufel, während wir noch nicht einmal unser Stück Brot bekommen, wie es sich gehört....“

 

Im Frühjahr kommt Lena gar zu dem überraschenden Schluss:

„Um die Wahrheit zu sagen: Die letzte Zeit vor dem Krieg hatten wir damit begonnen, die Amerikaner in vielem nachzuahmen...Uns, den Sowjetmenschen, gefällt alles Ausländische sehr. Denn, um die Wahrheit zu sagen, wir haben gar nichts eigenes Sowjetisches, alles haben wir von Ausländern übernommen....“

 

Gefährliche Sätze, die das Mädchen wegen antisowjetischer Propaganda in den Gulag hätten bringen können.

Je mehr das Tagebuch fortschreitet, desto seltener ist noch von anderen Dingen als Essen die Rede. Jeden Tag muss die Mahlzeit buchstäblich erkämpft werden, durch Herumlaufen auf der Suche nach geöffneten Bäckereien oder Kantinen, stundenlanges, manchmal erfolgloses Anstehen, wenn es tatsächlich Fleisch oder Brot gab.

Lena beschreibt, wie die Menschen um sie herum abmagern, bis sie kaum noch zu erkennen sind. Selbst ihren geliebten Wowka identifiziert sie erst auf den zweiten Blick.

Mit dem Frühling kehrt ein wenig Hoffnung in die Stadt zurück. Lena beschreibt, wie sich die Leningrader fein machen, für die ersten Spaziergänge. Die Frauen in ihren besten Kleidern, die Männer im Anzug mit eleganten Schals. Selbst wenn das Gehen schon schwer fällt, die Überlebenden demonstrieren, dass sie sich ihre Würde nicht nehmen lassen. Das war die wahre Heldentat.

Zum Schluss muss Lena bei ihren Besorgungen rennen, denn wenn sie langsam gehen würde, verhakten sich ihre Beine und sie würde hinfallen.

Sie entgeht dem Erschöpfungstod, weil Kolleginnen ihrer verstorbenen Mutter sie auf die Evakuierungsliste setzen lassen. Die Stadt hat noch über 800 Blockadetage vor sich.

 

Lenas Tagebuch gelang 1962 mit einem Konvolut anderer Dokumente ins Leningrader Parteiarchiv, wo es erst nach ihrem Tod 1991 entdeckt wurde.

Deshalb wird man nie erfahren, unter welchen Umständen es ihr abgenommen wurde. Sie konnte aber erfolgreich identifiziert und ihre Biografie teilweise rekonstruiert werden. Selbst einige wenige Fotos von ihr konnten gefunden werden. Lena hat damit für uns ein Gesicht.

Die Übersetzer Lena Gorelik und Gero Fedtke haben nicht nur eine hervorragende Übersetzung geliefert, sondern in einem Vor- und Nachwort eine wertvolle Arbeit zur historischen Einordnung des Textes geleistet.

Fedtke geht dabei gründlich auf das deutsche Kriegsverbrechen ein, eine Stadt auszuhungern, statt sie zu erobern. Leningrad wäre auch dann nicht eingenommen worden, wenn es sich ergeben hätte.

Es ist hohe Zeit, dass diese Blockade mehr ins kollektive Gedächtnis rückt, denn sie ist ein Lehrbeispiel dafür, wozu totalitäre Diktaturen imstande sind.

Besonders Jugendlichen sei dieses Buch empfohlen.

 

Lena Muchina: Lenas Tagebuch, List 2014

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