Warum bedeutet vielen ihre Freiheit so wenig_

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Warum bedeutet vielen ihre Freiheit so wenig_
Datum: 18.04.2013, 19:59

Oder über die Energiewende und die damit zusammenhängenden hohen Stromkosten. Über ein anderes wichtiges Thema spricht man seltsamerweise in unserem Land kaum. Und das ist die Freiheit.

In Schweden gibt es einen Witz über uns Deutsche. Die Pointe ist sinngemäß, man erkennt, dass man in Deutschland ist, wenn man nachts um drei Uhr in einem einsamen Bergdorf jemanden an der Fußgängerampel stehen sieht, der auf „Grün“ wartet. Ich kann leider nicht ausschließen, dass es solche Erlebnisse tatsächlich geben könnte. Warum nur, frage ich mich zunehmend, ist unseren Landsleuten die Freiheit, etwas tun oder lassen zu können, so nebensächlich? Umfragen belegen, dass soziale Sicherheit und Frieden den meisten Deutschen viel wichtiger sind, als ihr Leben in die eigenen Hände nehmen zu können. Und mehr als die Hälfte der Abiturienten hat vor Jahren in einer Befragung erklärt, ihr Berufswunsch sei ein Job im Öffentlichen Dienst. Born to be versorgt statt Born to be wild. Unkündbar mit Manteltarifvertrag im Vollkasko-Staat, davon träumt die nächste Generation. Und ich glaube, davon träumt die Mehrheit unserer Bevölkerung.


Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, Beamte im Höheren Dienst sind sicher anständige und wunderbare Leute, die auch nur ihre Arbeit machen. Aber warum nicht mal etwas ausprobieren? Warum nicht die unglaublichen Möglichkeiten nutzen, die sich uns allen bieten? In Deutschland wird alles irgendwie geregelt. Vom Staat. In vielen Wohnungen ist inzwischen der Raum für Tonnen zur Mülltrennung größer als das Kinderzimmer. Ich darf mein Haus nur so bauen und anstreichen, wie es der Stadtverwaltung gefällt, die nebenbei auch noch entscheidet, ob ich meine eigenen, von mir gepflanzten und bezahlten Bäume im Garten fällen darf, wenn sie mir nicht mehr gefallen. Wenn ich an einer Fußgängerampel stehe und weder links noch rechts ist am Horizont ein Fahrzeug erkennbar, muss ich stehen bleiben, weil ja noch nicht "grün" ist - sonst droht Bußgeld. Wir zahlen zwangsweise Geld für Sender, die wir - zumindest in diesem Umfang - nicht wollen oder brauchen. Wir wollen, dass alle Menschen das Recht auf Würde und Unversehrtheit haben - außer, wenn sie ungeboren, behindert oder alt sind. Wir wollen, dass jeder Mensch vor Gericht anständig und fair behandelt wird, außer es ist ein Politiker oder ein Prominenter. Wir bekämpfen Hehlerei, außer der Staat kann irgendwo selbst für Millionen Euros Hehler-Ware in Form von Bankkunden-CDs erwerben. Und wir verbieten das öffentliche Rauchen, wohl bald auch die Abgabe von Tanzkarten an der Hotelbar und das Leistungsprinzip, indem wir Menschen zusätzliche Karrierechancen gewähren, einfach weil sie das richtige Geschlecht haben. Manche dieser Dinge sind nur ärgerliche Kleinigkeiten, kaum der Rede wert. Was mich aber am immer intensiver stört, ist, dass es so viele Leute gibt, die all das für vollkommen normal halten.


Ein Familienmitglied bei uns brauchte letztens einen neuen Reisepass. Den beantragt man auf dem Amt in einem Rathaus, das wir alle mit Steuergeldern finanziert haben. Und da sitzt eine wirklich freundliche Mitarbeiterin, die wir alle mit unserem Steuergeld bezahlen. Sie verlangt rund 60 Euro Gebühren. Gebühren – wofür? Die Bürger bezahlen doch die ganze Chose, den Verwaltungsapparat, das Personal, alles. Warum müssen wir Gebühren zahlen, wenn wir eine Leistung von unserer Verwaltung in Anspruch nehmen?


Ja, man könnte Gebühren für staatliche Leistungen verlangen. Aber nur, wenn man den Bürgern ihr verdientes Geld weitgehend selbst lässt. Vor 20 Jahren hatte ich einen Freund, der Abgeordneter im Folketing, dem dänischen Parlament, war. Er bezeichnete sich selbst als libertär, und ich erinnere mich an einige Abende bei Elephant-Bier in den Kneipen von Aarhus, in denen ich vielleicht die interessantesten politischen Gespräche meines Lebens hatte. Um simple Fragen ging es da. Wenn wir uns eine Königin leisten und ihr Millionen Euro im Jahr zur Verfügung stellen, warum muss sie im Theater eine kostenlose Loge haben? Warum kann sie nicht bezahlen, wenn sie kommt, so wie alle anderen Bürger auch? Warum müssen Mitarbeiter des Grünflächenamts oder des städtischen Bauhofs Beamte sein? Warum lässt man den Leuten nicht ihr Geld? Und wenn es mal brennt und die Feuerwehr muss anrücken, wird der Einsatz beim Verursacher anschließend in Rechnung gestellt. Ja, warum eigentlich nicht?


Natürlich habe ich, als guter Vertreter meines Landes, immer widersprochen. Man braucht doch einen umfassenden Staat, der alles regelt. Wirklich alles. Jetzt sollen immer mehr Kleinkinder möglichst schnell nach der Geburt in staatliche Obhut gegeben werden. Frauen in die Produktion, Babys in staatliche Verwahrung. Weil Einjährige ja Bildung statt Liebe brauchen.


Ich bin nun fast 30 Jahre Journalist, und ich könnte aus der Zeit unzählige Geschichten erzählen, über seelenlose Behörden, über Staatsvertreter, die jeden Menschen und jeden Fall nach Schema F abhandeln. Ein Beispiel sei vielleicht genannt, das mich sehr berührt hat und über das meine überaus geschätzte und sozial engagierte Kollegin Martina von BILD Ruhrgebiet einst berichtete. Ein privat organisiertes Altenpflegeheim im Kreis Unna wurde von Amts wegen geschlossen. Eine Frau hatte ihr Privathaus umgebaut und – ich glaube, es waren acht – ältere Damen aufgenommen. Die Bewohnerinnen, die Chefin, die Pflegekräfte, sie alle bildeten eine verschworene Gemeinschaft im besten Sinne. Alle fühlten sich wohl, besonders die Rentnerinnen, die ein wunderbarer Freundeskreis geworden waren. Niemand hatte etwas zu leiden, alle fühlten sich wohl – aber das Amt hatte andere Pläne. Die Vorschriften für staatliche Zuschüsse sahen größere Zimmer vor, eine barrierefreie Treppe und anderes. Das Haus wurde geschlossen, die Leiterin ging in Konkurs, die Frauen wurden getrennt und auf andere Heime verteilt – gegen ihren Willen und unter bitterenTränen. Eine starb bald darauf, von den anderen habe ich nie wieder gehört. Was sie selbst wünschten, was gut für sie war – es interessierte niemanden. Und der zuständige Sachbearbeiter erklärte ohne jede Scham, ihn habe schon die ganze Zeit gestört, „dass es im Haus immer so nach Apfelkuchen gerochen“ habe.


Selbst bestimmen, frei sein – das spielt keine Rolle im politischen Diskurs unserer Tage. Hier wird nach Ziviler Dienstvorschrift abgearbeitet. Lassen Sie mich vielleicht an dieser Stelle auch ein Thema ansprechen, das in diese Reihe gehört, auch wenn ich weiß, dass es Widerspruch finden wird. Dieses ganze unwürdige Theater um die Presseberichterstattung im Zusammenhang mit den NSU-Morden. Ich meine, ein Gericht hätte ahnen können, dass dieser Prozess besonderes Interesse bei türkischen Medien finden wird. Warum nicht 45 Stühle unter einheimischen Medien verlosen und 5 unter ausländischen? Haben sie nicht gemacht, in Ordnung, das darf ein Richter. Aber dass wir dann eine wochenlange hitzige Debatte führen, uns streiten, ob „der Türke“ sich eben rechtzeitig hätte anmelden müssen, juristische Fachleute hinzuziehen, eine Exegese von Texten zum Thema Gewaltenteilung über uns ausgießen lassen, deutsche-türkische Regierungskonsultationen beginnen – all das macht uns Deutschen keiner nach. Ich behaupte in nahezu jedem Land dieser Welt – bei Österreich bin ich jetzt nicht sicher – hätte man einfach ein paar zusätzliche Stühle hingestellt und fertig. Bei uns wird alles zur Staatsaffäre, alles muss seinen sozialistischen Gang gehen. Das Bundesverfassungsgericht hat den Spuk nun beendet und im Namen des Volkes für Recht erklärt: ein paar zusätzliche Stühle für ausländische Medien müssen rein. Könnte man leicht machen – drei Plätze aus dem Zuschauerraum, Schild hinstellen „Reserviert für Presse“ und dann diese Plätze unter, meinetwegen, den türkischen Medien auslosen. Doch wer so denkt, kennt Deutschland nicht. Das Verfahren zur Vergabe der Presseplätze beim NSU-Prozess wird nun noch einmal für alle Medien neu begonnen. Ja, Pech gehabt, Radio Arabella & Co., das habt ihr jetzt von eurer Meckerei. Der Prozessbeginn wird um drei Wochen verschoben. In solchen Momenten bin ich froh, dass wir nicht mehr plebiszitäre Elemente in der Verfassung vorgesehen haben. Sonst müsste man wohl ein Volksbegehren befürchten, um zu klären wie viele zusätzliche Stühle man in einem bayerischen Gerichtssaal überhaupt aufstellen darf.


Freiheit, das Recht, tun zu dürfen, was man möchte, so lange es andere Leute nicht einschränkt. Und denken und sagen zu dürfen, was man will. Ganz ohne Political Correctness, ohne in Schubladen einsortiert oder im schlimmsten Fall zum Extremisten erklärt zu werden, wenn man gegen den Euro oder für das Betreuungsgeld ist. Wir leben in einem Land, in dem das „Neue Deutschland“, das frühere Parteiorgan der SED-Diktatur, als normale Tageszeitung angesehen wird. Die linksalternative taz, die einst mit der schönen Aktion „Waffen für El Salvador“ auf sich aufmerksam machte – eine normale und angesehene Zeitung, deren Repräsentanten oft in Fernseh-Talkshows zu Gast sind.  Aber wehe, ein Politiker oder ein Autor haben mal für die bürgerlich-konservative „Junge Freiheit“ geschrieben – da ist man direkt raus aus der Debatte. Auch wenn dort schon SPD-Politiker oder Alt-Bundespräsident Roman Herzog als Interviewpartner zur Verfügung standen. Junge Freiheit, das geht gar nicht. Ungefähr so, wie z. B. jene Frauen, die gar nicht in einen Aufsichtsrat oder Dax-Vorstand wollen, sondern zum Beispiel glücklich sind, wenn sie ihre Kinder zu anständigen Menschen erziehen. Mütter? Geht ja gar nicht. Da haben Feministinnen über Jahrzehnte für alle Frauen in Deutschland das Recht erkämpft, dass ihnen ihre Männer nicht mehr vorschreiben dürfen, wie sie zu leben haben. Endlich frei, könnte man meinen. Aber nun schreiben ihnen Alt-Feministinnen vor, wie sie auf keinen Fall glücklich werden dürfen, diese undankbaren Dinger.

Der Deutsche an sich, so scheint es mir, hat ein echtes Problem damit, andere Leute selbst entscheiden zu lassen, andere Meinungen und Lebensweisen einfach zu tolerieren. Ich gehöre zu den altmodischen Menschen, die an die Existenz Gottes glauben. Wenn andere das auch tun, freut mich das. Tun sie es nicht, akzeptiere ich es. Bei keinem anderen Thema werde ich so massiv angefeindet wie bei meinem christlichen Glauben. Fast sektenhaft fallen Atheisten über mich her, um mich davon zu überzeugen, wie doof ich bin. Sie erklären mir, dass Jungfrauen doch gar keine Kinder bekommen können und ob ich nichts wisse von Kreuzzügen und Missbrauch. Und sie tun das dermaßen aggressiv, dass ich mich immer frage: warum lassen die mich nicht einfach in Ruhe? Glauben, was ich will. Denken, was ich will. Freiheit.


Die Themen und Beispiele in diesem Text sind willkürlich gewählt, ich könnte stundenlang weiter über dieses Thema mit all seinen Facetten schreiben. Sicher werden viele widersprechen. Manche verstehen vielleicht gar nicht, was ich meine, wenn ich von Freiheit spreche. Wie so oft sind es die Kölner, die mein großes Thema so unnachahmlich in einer Lebensweisheit zusammenfassen: Levve und levve losse!

Sven von Storch

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