Ist Deutschland überfordert_Wir müssen uns gut überlegen, welche Ausländer wir aufnehmen

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Ist Deutschland überfordert_Wir müssen uns gut überlegen, welche Ausländer wir aufnehmen
Datum: 08.10.2014, 10:41

Etwa 100 Jesiden und Islamisten trafen am Montagabend im beschaulichen Celle (Niedersachsen) aufeinander, um mit Fausthieben, Baseballschlägern und Tritten ihre unterschiedlichen Ansichten zur Lage in Syrien und dem Irak auszutauschen. Erst 70 eilig zusammengetrommelten Polizisten gelang es, die Lage zu beruhigen. Sechs Beteiligte mussten ins Krankenhaus. Festgenommen wurde … niemand.

In Tönisvorst am Niederrhein (Nordrhein-Westfalen) wurde vergangene Woche ein alter Mann Opfer eines Raubmordes. Der 81-Jährige war von den Tätern zuvor schwer gefoltert worden. Als Täter werden drei Männer und eine Frau gesucht. Ein Sprecher der Polizei sagte, die ausufernde Gewalt habe oft mit dem Herkunftsland der Täter zu tun: „Wer in einem Bürgerkriegsgebiet aufgewachsen ist, hat eine geringere Hemmschwelle.“

Flüchtlinge werden vernachlässigt

Nur zwei Fälle aus dem Polizeibericht und ganz unterschiedlicher Art, doch sie sind beunruhigend. Ebenso wie die Ereignisse in Berlin-Kreuzberg, wo Flüchtlinge mit einer Schulbesetzung einen ganzen Bezirk in Atem halten und ein Totalversagen der Politik sichtbar machen. Oder auch die gewalttätigen Übergriffe von „Sicherheitsleuten“, die Flüchtlinge in NRW-Unterkünften übel misshandelt und gedemütigt haben. Nehmen wir Menschen auf und kümmern uns dann nicht mehr ausreichend um sie?

All dies ist ganz unterschiedlich gelagert, doch der gemeinsame Nenner gipfelt in der Frage: Ist Deutschland in der Lage, dem anhaltenden Strom von Flüchtlingen aus Kriegsregionen und Armutsländern möglichst verträglich für alle Beteiligten zu organisieren? Wie steht es um die Bereitschaft der Bevölkerung, dies alles mitzumachen? Was kann und muss man von Flüchtlingen und Zuwanderern aus uns fremden Kulturen an Respekt erwarten, wenn sie in diesem Land aufgenommen werden?

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin dafür, dass wir Menschen in Not in Deutschland aufnehmen. Und ich bin für Zuwanderung von Menschen, die hier leben und arbeiten wollen. Die unsere Gesetze achten und unsere Lebensweise und Traditionen respektieren. Es war nicht meine Idee, dass so viele Deutsche keine Kinder mehr wollen. Zuwanderung kann dies ausgleichen. Wer in einem Krankenhaus war oder in einem Pflegeheim lebt, weiß, dass es ohne die vielen Mitarbeiter aus Osteuropa, Asien und der Türkei überhaupt nicht mehr gehen würde.

Wer fordert, keine Ausländer nach Deutschland zu lassen, muss auch die Frage beantworten, wer dann diese wichtige Arbeit leisten soll, die oft auch noch schlecht bezahlt wird. Und die Flüchtlinge? Ich weiß um die furchtbaren Schicksale von Menschen, die Tausende Kilometer aus ihrer Heimat geflohen sind, oft unter dramatischen und lebensbedrohlichen Umständen. Männer, Frauen und Kinder, manchmal auch nur noch die Kinder, die es irgendwie geschafft haben, bis hier zu uns zu kommen. Wollen wir die abweisen? Meine Antwort ist ein deutliches Nein!

Breite öffentliche Debatte gefordert

Aber ich will auch keine Fortsetzung des IS-Krieges in unserem Land. Ich will keine Zustände, wie sie im Duisburger Norden zu finden sind. Ich will nicht dieses flaue Gefühl im Magen verspüren, wenn ich neben einer Gruppe arabischer Halbwüchsiger in der U-Bahn stehe. Ich will übrigens auch nicht, dass wir Kreuze in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden abhängen und die wunderbaren St.-Martins-Züge aus vorauseilendem Gehorsam umbenennen. Die Frage, wie Zuwanderungspolitik in Deutschland gestaltet werden soll, muss durch eine breite öffentliche Debatte begleitet werden.

Ohne Scheuklappen und ein gut gemeintes, aber lähmendes, weil falsches, Toleranzverständnis. Vor allem aber ohne Schaum vor dem Mund. Die Parteien in Deutschland sind gefordert, diese Diskussion jetzt zu initiieren. Sie würden damit Handlungsfähigkeit und Bürgernähe beweisen. Und sie würden dieses Thema nicht dem politischen Rand überlassen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst auf focus-online.de

Sven von Storch

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