Leipzig 1989_ Wie aus Unterdrückten Helden wurden
Leipzig 1989_ Wie aus Unterdrückten Helden wurden
Datum: 11.10.2009, 12:58
Ein eindrucksvolles Beispiel für Heldenmut boten die 70 000 Leipziger, die vor genau zwanzig Jahren – es war ein Montag – wieder auf die Straßen ihrer Stadt zogen, um gegen die rote Diktatur der SED und ihres Generalsekretärs Erich Honecker zu demonstrieren, so wie sie es eine Woche zuvor auch schon getan hatten. Zu Demonstrationen gegen den SED-Staat gehörte in der DDR immer Mut. Die Leipziger, die am 9. Oktober abermals auf die Strassen gingen, benötigten aber ein ganzes besonders großes Quantum Mut, mehr als die Demonstranten vorangegangener Demonstrationen. Sie hatten bereits eine Woche zuvor die Brutalität der "Staatsorgane", der Volkspolizei, vor allem aber der Angehörigen des Staatssicherheitsdienstes, am eigenen Leib erfahren und fürchten gelernt. Dieses Mal, darüber waren sie sich im klaren, mussten sie damit rechnen, dass auf sie geschossen würde. Wer demonstrierte wusste am 9. Oktober 1989, welches Risiko er einging. Das macht die Größe des Mutes und der Entschlossenheit aus, die damals 70 000 Leipziger aufbrachten. Was das heißt, kann nur der ermessen, der sich selbst einmal in einer vergleichbaren Situationen befunden hat.
Der Mehrzahl der Deutschen, die das Glück hatten, in der Bundesrepublik und nicht in der DDR heranzuwachsen, sind solche Erfahrungen fremd. Vielleicht ist dies der wichtigste Grund dafür, weshalb die meisten von ihnen unfähig geblieben sind, mit den Demonstranten mitzuempfinden, sich in ihre Lage zu versetzen und ihr Handeln so zu würdigen, wie es denen gebührt, die zuerst "Wir sind das Volk" und dann "Wir sind ein Volk" skandierten und so den Sturz der Mauer und das Ende der SED-Diktatur erzwangen.
Die Westdeutschen und die Bundesregierung haben getan, was sie konnten: Sie gaben das Geld, das nötig war, um Städte und Dörfer, die vom Zerfall gekennzeichnet waren, neu erstehen zu lassen. Mit Investitionshilfen haben sie den Aufbau neuer Industrien ermöglicht. Auf 1,6 Billionen Euro – das sind eintausendsechshundert Milliarden Euro – beläuft sich der Gesamtbetrag, den die wieder vereinten Deutschen seit 1990 für die Beseitigung der materiellen Schäden von Sozialismus und Diktatur aufgewandt haben. Dass davon der Löwenanteil aus der alten Bundesrepublik kam, liegt in der Natur der Sache. Das ist eine stolze Leistung. Gerade deshalb wird aber auch deutlich, was wir uns zur Vollendung der Einheit schuldig geblieben sind: Ein gemeinsames starkes erneuertes Nationalgefühl, das auf dem beruht, wozu die Deutschen in der damaligen DDR den Löwenanteil beigetragen haben: ein vereintes Deutschland das auf den Prinzipien des Rechtsstaats und der Demokratie fußt und das ohne Blutvergießen entstanden ist. Wenn bis heute zwischen West und Ost in Deutschland dennoch ein Rest mentaler Fremdheit geblieben ist, dann liegt dies vor allem daran, dass wir uns nicht die Freiheit nahmen, uns zu diesem Gefühl zu bekennen und es zu leben. Gewiss, auch die in vierzig Jahren gewachsenen unterschiedlichen Prägungen spielen dafür eine Rolle. Sie aber werden sich erledigen, denn seit 1989 haben wir einen wichtigen Verbündeten: die Zeit.
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