Was in der neuen Krippen-Spardebatte von allen verschwiegen wird
Was in der neuen Krippen-Spardebatte von allen verschwiegen wird
Datum: 14.05.2010, 12:50
Der Unterschied im Ziel ist marginal. Sowohl der hessische Ministerpräsident Koch als auch seine Kritiker denken in puncto Kinderbetreuung in erster Linie an die Wirtschaft. Koch, weil er die Ohnmacht des Staates und die Gefahren der Überschuldung sieht, mithin die Notwendigkeit des Sparens und das spricht er ehrlich aus. Ministerin Schröder und Co, weil sie die Krippen ausbauen wollen, um Frauen für die Betriebe zu emanzipieren, sprich von den Kindern „entlasten“ (also tagsüber trennen) wollen. Denn die Betriebe wollen an die stille Reserve der jungen, gut ausgebildeten Frauen. Sie gehören zu den rar werdenden Fachkräften und sind in der Regel preiswerter zu haben für die gleiche Arbeit als Männer. Und wenn diese Frauen noch Mütter sind, umso besser, weil sie dann pflichtbewusster sind, weniger fordernd auftreten und den Betrieb nicht wechseln. Man könnte das als Ausbeutung bezeichnen.
Der Unterschied ist nicht nur in der Hektik des Berliner Betriebs zu suchen, eine Hektik, die man in der Staatskanzlei in Wiesbaden nicht vermisst. Der Unterschied liegt vor allem in der ehrlichen Betrachtung der Lage. Die Kommunen sind weitgehend pleite. Sie haben schlicht das Geld nicht für den Ausbau von Krippen. Der Bund wird es ihnen kaum geben können. Es ist ehrlicher, das einzugestehen, als heuchlerisch auf die Zukunft zu verweisen, in die man angeblich mit dem Krippenausbau investiere. Das Gegenteil ist der Fall. Die Investition wäre nur dann zukunftsorientiert, wenn sie den Kindern nützte, nicht nur den Betrieben.
Das aber kann man bezweifeln. Denn erstens fehlt das Personal für eine kindgerechte Betreuung (man müsste dann einen Schlüssel von fünf Kindern pro Erzieherin zugrunde legen und nach solchen Krippen und Kindergärten muss man heute schon lange suchen) und zweitens ist für das künftige Personal der zusätzlichen 500.000 Krippenplätze keine fachliche Ausbildung vorgesehen. Man bräuchte für diese rund 100.000 zusätzlichen Erzieherinnen (beim Schlüssel 5:1) ja Fachhochschulen oder Ausbildungsorte. Aber in keinem Budget eines Landes oder des Bundes ist ein Posten dafür vorgesehen. Auch nicht für die Hälfte, was dem wirklichen Bedarf entspräche, denn mit insgesamt 750.000 Krippenplätzen liegt man bei 65 Prozent der Kinder zwischen ein und drei Jahren, die Kinder bis zu einem Jahr werden ja dank Elterngeld von den Eltern betreut – oder will man das Elterngeld streichen? Ob 100.00 oder 50.000 neue Erzieherinnen – sie sind nicht da und so werden mit den Krippen nur Parkplätze für die Kinder gebaut und das ist für die frühkindliche Bildung sogar schädlich, wie man aus der Bindungsforschung und der Entwicklungspsychologie mittlerweile sicher weiß. Von diesen Erkenntnissen nahm schon Frau von der Leyen keine Notiz. Das ist kein kleiner Unterschied mehr, dieses Detail ist entscheidend.
Der Ausbau der Krippen müsste von einer Qualitätsdebatte und den entsprechenden Investitionen in die Ausbildung der Erzieherinnen begleitet sein. Nichts davon ist zu sehen. Es ist schade, dass Koch seine Bemerkung nicht weiter begründete. Er hätte die dringend notwendige Qualitätsdebatte anstossen, die Wirtschaft stärker für die Ausbildung in die Pflicht nehmen und damit seine Spartipps inhaltlich begründen können. So bleibt nur der Hautgout eines allgemein kritisierten Vorschlags. Er ist ehrlich gemeint aber publizistisch schwächer als die Heuchelei des Berliner Establishments.
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