Die Burka-Frage
Die Burka-Frage
Datum: 07.05.2010, 16:57
Es ist symptomatisch: Über das belgische und demnächst wohl auch französische Burka-Verbot wird in Europa heftig diskutiert, in islamischen Ländern gar nicht. Die Frage richtet sich an das Selbstverständnis der Europäer, es geht um Religionsfreiheit, die in islamischen Ländern de facto nicht existiert. Toleranz in Europa und Toleranz in islamischen Ländern sind eben zwei ganz verschiedene Sachverhalte. Aber mit dem Verbot der Ganzkörperverschleierung verbinden sich auch andere Fragen. Ist sie eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit? Verstösst sie gegen Menschenrechte? Ist sie ein Politikum?
Zur Sicherheit: Man kann die Burka als Erweiterung der Vermummung sehen und da besteht bereits ein Verbot bei Demonstrationen. Soll sie deshalb auch im Alltag verboten werden, weil in letzter Zeit auch verschleierte Frauen mit Sprenggürteln Attentate verübt haben, zum Beispiel in der U-Bahn von Moskau? Und wer weiß, ob es sich bei dem verschleierten Wesen um eine Frau handelt? Hier ist sicher Diskussionsbedarf. Ein generelles Verbot aber liefe auf eine Art Generalverdacht hinaus und das dürfte juristisch kaum in Worte zu fassen sein. Man darf gespannt sein, wie Liberale das hierzulande sehen, zumal gerade von dieser Seite alles, auch Pornographie mit Kindern im Internet, erlaubt sein soll.
Zu den Menschenrechten: Konstituierendes Element der Menschenrechte ist die Freiheit. Bei katholischen Schwestern, die bis auf das Gesicht verschleiert sind, kann man davon ausgehen, dass sie freiwillig das Ordenskleid tragen. Das kann man bei muslimischen Frauen nicht so ohne weiteres sagen. Es mag die eine oder andere geben, die aus Schutz vor neugierigen Männerblicken einen Tschador oder gar eine Burka trägt. Viele, vielleicht die meisten, tun es aus Gewohnheit. Soll man sie zur Freiheit zwingen? Und wie will man diejenigen ausfindig machen, die gern auf die Burka verzichten würden? Werden sie, wenn ihr bärtiger Mann mit finsterem Blick neben ihnen steht, freimütig bekennen, dass sie gern auch mal einen Mini-Rock tragen würden? Die Burka-Frage ist weniger eine für Frauen. Sie betrifft vor allem die Männer im Islam und ihren Herrschaftsanspruch auf die Frau.
Das gilt auch für die Frage, ob die Burka ein Politikum ist. Der Koran sagt nicht viel darüber, auch aus den Sprüchen Mohammeds ist dazu wenig abzuleiten. Es handelt sich um eine Tradition, die einen Zug islamischer Gesellschaftsmodelle illustriert und einen Blick auf Freiheitlichkeit und Fortschrittlichkeit der islamischen Gesellschaft erlaubt. Insofern ist die Burka ein Politikum. Da Politik und Religion im Islam eng verwoben und verknüpft sind, kommt der Burka auch symbolische Bedeutung zu. Auch darüber müsste mal offen und öffentlich diskutiert werden. Das täte einer ehrlichen Debatte über den Islam in Europa gut – wenn sie denn wirklich ehrlich geführt würde.
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