Die Altersvorsorge im Schatten der Demographie
Die Altersvorsorge im Schatten der Demographie
Datum: 26.06.2010, 09:46
Abzusehen war es seit den siebziger Jahren, als Pille, Wohlstand und die 68er mit der sexuellen Revolution die demographische Kurve knickten. Überall in Europa und in den Industrieländern holt nun die Demographie die Rentensysteme ein. Erstmals wird es in diesem Jahr in Europa mehr Rentner als Berufseinsteiger geben. Am lautesten tobt die Renten-Debatte in Frankreich. Dort ist es auch mit am Nötigsten, über die Zukunft der staatlichen Altersvorsorge zu reden. Das scheint paradox, denn die französischen Frauen bringen mehr Kinder zur Welt (im statistischen Mittel 2,1 Kinder pro Frau im Alter zwischen 15 und 45) als die Frauen in jedem anderen Land Europas. Aber es liegt nicht an den Frauen, sondern am System. Derzeit gehen die Franzosen im Durchschnitt mit 59,3 Jahren in Rente, nur in der Slowakei und in Österreich hört man früher auf zu arbeiten. Da die französischen Berufsanfänger im Schnitt noch älter werden, die Lebensarbeitszeit also kürzer wird und zudem die gesamte Lebenszeit erfreulicherweise sich streckt, wird die Rentenkasse immer stärker belastet. Deshalb soll jetzt das Renteneinstiegsalter von 60 auf 62 Jahre erhöht werden. Damit hätte Frankreich trotz Reform immer noch mit die jüngsten Rentner in Europa. Nur 38 Prozent der 55 bis 64jährigen gehen einer Erwerbsbeschäftigung nach, im EU-Durchschnitt sind es immerhin 61 Prozent. Es ist wieder absehbar, dass Sarkozys kleine Reform nicht ausreicht, um das System zu retten. Man gewinnt nur Zeit.
Experten berechnen den Zeitgewinn auf acht Jahre. Dann stünde das System erneut vor dem Kollaps. Die Demographie ist eben so gnadenlos wie die Mathematik. Seit diesem Jahr gibt es in der Europäischen Union mehr Renteneinsteiger und Vorruheständler als Schulabgänger. Den 28,8 Millionen Menschen zwischen 60 und 65 Jahren stehen 28,6 Millionen Junge zwischen 15 und 20 Jahren gegenüber. Der sogenannte Altenquotient (die Zahl der über 65jährigen im Verhältnis zu den 20- bis 65jährigen) steigt und erhöht den Reformdruck auf die Systeme. Am höchsten ist der Quotient in Deutschland, Österreich, Griechenland, Italien und Spanien. Es sind die Länder mit den geringsten Geburtenraten. Dort bekommen die Frauen statistisch gesehen 1,1 bis 1,3 Kinder. Schon längst reichen die Beiträge der arbeitenden Bevölkerung nicht aus, um die Ausgaben zu decken. Um das System zu erhalten, werden Milliarden Steuergelder in die Rentensysteme gepumpt, in Deutschland allein sind es 80 Milliarden jährlich, ein Drittel der Renten. Nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, der Schweiz, Großbritannien und in den USA ist das Renteneintrittsalter bereits auf über 65 erhöht worden, in Spanien und den Niederlanden sind entsprechende Gesetze in der parlamentarischen Diskussion. Die fetten Jahre sind vorbei. Die Krise zwingt zum Handeln.
Es ist fahrlässig, in dieser Situation nur Beruhigungspillen zu verteilen und so zu tun, als sei die Alterung der Gesellschaft eine tolle Chance. Das hört man jedoch aus der neuen Expertenrunde der Bundesregierung, die die Folgen der demographischen Entwicklung untersuchen soll. Woher dieser Optimismus seine Zuversicht bezieht, ist schleierhaft. Es gibt schon viele Studien und die OECD liefert täglich mehr. Die Wahrheit ist: Die staatlichen Renten sind nicht sicher, die Kassen sind leer. Überall wird das Renteneinstiegsalter erhöht werden (müssen). Denn weder ist eine Erhöhung der Beiträge bei einer schrumpfenden und schon stark belasteten Erwerbsbevölkerung vermittelbar, noch wird man die Renten kürzen wollen, weil dieser Teil der Bevölkerung schon wahlentscheidend ist. Also schiebt man das Problem in die Zukunft, indem man das Renteneinstiegsalter hinauszögert.
Aber selbst das geschieht in manchen Ländern nicht oder nur sehr langsam. In Österreich zum Beispiel gehen 90 Prozent der Arbeitnehmer vor dem 65. Lebensjahr in Rente. Die Möglichkeiten der Frührente sind großzügig. Für Versicherte mit 40 Beitragsjahren gibt es die Möglichkeit eines abschlagsfreien Renteneintritts. Zwei Millionen Bürger, also jeder vierte Österreicher, sind mittlerweile Rentner. Sie stellen ein Drittel aller Wahlberechtigten. Das ist der Grund, weshalb die Politik von Reformen nichts wissen will, alle Parteien fürchten den Wählerverlust. Die öffentlichen Ausgaben für das Rentensystem betragen 12,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das wird im OECD-Vergleich nur von Frankreich und Italien überboten. Im EU-Durchschnitt sind es zehn Prozent. Das kann in Zeiten der Finanzkrise auf Dauer kein Land durchhalten, erst recht nicht, wenn es Schulden für die künftigen Generationen abbauen will.
Das wirkliche Problem aber sind nicht die leeren Kassen, sondern die leeren Wiegen. Eine Gesellschaft ohne Kinder wird emotional arm, menschlich ärmer. Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter, schrieb der deutsche Frühromantiker Novalis. Ein Zeitalter mit weniger Kindern und mehr Alten ist allenfalls silbern, wahrscheinlich sogar grau und das auch emotional. Stichwort Einsamkeit: Auch noch so luxuriös ausgestattete Altenheime können dieses Problem nicht lösen. Dieses Problem hat keine Regierung in Europa auf dem Schirm, weil kaum eine an Familie, fast alle aber nur an Wirtschaft denken. Kein Wunder: Die meisten Regierungen sind menschlich ziemlich arm, sprich kinderlos.
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