Die _Bildungsoffensive__ Ausweg oder Flop_

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Die _Bildungsoffensive__ Ausweg oder Flop_
Datum: 01.04.2011, 12:28

Seit Jahren propagiert Bildungsministerin Schavan im Einvernehmen mit der Wirtschaft eine „Bildungsoffensive“. Es soll dem Fachkräftemangel begegnet werden, der aufgrund des Geburtenrückgangs zu erwarten ist und z. T. schon besteht. „Bildungsgipfel“ werden veranstaltet. Angela Merkel ruft die „Bildungsrepublik Deutschland“ aus. - Das Gedankenexperiment: Die geringer werdende Zahl potentieller Fachkräfte soll durch bessere Ausbildung der verbleibenden ausgeglichen werden. Anders ausgedrückt: Zwei Ingenieure sollen die Arbeit des fehlenden dritten mit übernehmen.

Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Die Wirtschaft beklagt die mangelhafte Qualifikation der Schulabgänger. Die Gewerkschaft Erziehung verweist auf die Zunahme von „Risiko-Kindern“. Der Geburtenrückgang wird zur Kosteneinsparung statt zur Verbesserung von Erziehung und Bildung benutzt. Die Einführung von Studiengebühren erschwert den Zugang zu Hochschulen. Überall werden Bildungsprobleme beklagt. Kaum jemand fragt ernsthaft nach den Ursachen.

Es ist kein Geheimnis mehr, dass infolge der gesetzesbedingten Benachteiligung von Eltern vor allem Mehr-Kinder-Familien und Alleinerziehende immer mehr verarmen müssen.  Eingeleitet wurde diese Entwicklung durch die Rentenreform Adenauers, die einer Enteignung der Eltern zugunsten des kinderlosen Bevölkerungsteils gleichkam. Seitdem wurde die Erziehungsleistung immer mehr diskriminiert. Zuletzt geschah das durch das 2007 eingeführte Elterngeld, das ganz gezielt Mehr-Kinder-Familien zusätzlich benachteiligt. Bei der finanziellen, zeitlichen und psychologischen Überforderung der Eltern ist es kein Wunder, wenn der Erziehungserfolg auf breiter Front sinkt.

Erziehungserfolg ist aber Voraussetzung für Bildungserfolg. Das wird bisher von Politik und Wirtschaft ignoriert. Den durch Geld- oder Zeitnot geplagten Eltern wird es immer schwerer gemacht, ihren Kindern die Zuwendung zu geben, die für eine stabile psychische Entwicklung erforderlich ist. Emotional unterversorgte Kinder haben dann später große Schwierigkeiten zu lernen. Bei ungenügender persönlicher Sicherheit des Kindes kann sich kaum ein gesundes Neugierverhalten als Grundlage für Lernbereitschaft im Schulalter entwickeln. 

Scheinausweg Nummer eins: Die „Krippenoffensive“

Wie reagiert die Bundesregierung darauf? Statt die Erziehungsfähigkeit der Familien wieder zu stärken, wird den Eltern vorgegaukelt, die bestehenden Defizite könnten durch eine „professionelle“ Betreuung, am besten vom Säuglingsalter an, kompensiert werden. Die Wirtschaft applaudiert, weil sie die Verfügbarkeit aller Eltern auf dem Arbeitsmarkt wünscht, um die Löhne zu drücken. Von Wirtschaftslobbyisten werden sogar Scheinstudien erstellt, die die Überlegenheit der Krippenbetreuung beweisen sollen. Ein Beispiel ist eine „Studie“ der Bertelsmann-Stiftung, die 2008 mit allem Ernst behauptete, der Besuch einer Kinderkrippe erhöhe die Wahrscheinlichkeit, später ein Gymnasium zu besuchen um 40%. Dabei ist das Ergebnis dieser Zahlenspielerei leicht durch nicht berücksichtigte Einflussfaktoren wie z. B.  Unterschiede zwischen Stadt und Land zu erklären.

Solche Augenwischerei verdeckt, dass in den ersten Lebensjahren die Entwicklung von Vertrauen zu einer festen Bezugsperson das Entscheidende ist. Erst dadurch entsteht  Sicherheit als Voraussetzung für eine gesunde psychische Entwicklung und spätere Bildungsbereitschaft. Auch eine noch so gut geführte Kinderkrippe kann die sozialpolitisch verursachten Defizite in der Familie nicht ausgleichen. „Nestwärme“ kann nicht professionell erzeugt werden. Sie wird vielmehr aus der biologischen Beziehung zwischen Eltern und Kindern gespeist. Allerdings kann diese „psychische Nabelschnur“ durch Belastungen wie Geld- oder Zeitmangel blockiert werden.

Auf die besonderen Probleme von Kindern  mit Migrationshintergrund kann hier nicht näher eingegangen werden. Das ist ein eigenes Thema. Dieser Problemkreis darf aber nicht als Vehikel benutzt werden, um von der tief greifenden Benachteiligung aller Eltern abzulenken.

Scheinausweg Nummer zwei: Abbau des gegliederten Schulsystems

Auch der Abbau des gegliederten Schulsystems wird als „Fortschritt“ gepriesen. Das würde   „Chancengleichheit“ für alle Kinder schaffen. Angeblich gäbe es dann weniger Schulversager. Gleiche äußere Bedingungen in der Schule verbessern aber nicht die Chancen für den einzelnen Schüler.  Sie werden eher verschlechtert. Je breiter das Leistungsspektrum der Schüler ist, desto schwieriger ist es, auf die Einzelnen einzugehen. Die Leistungsfähigeren werden dann unter- und andere überfordert.

Sicher gibt es in jedem Schulzweig Reformbedarf, besonders bei den heutigen Hauptschulen. Von keiner Schulreform kann aber erwartet werden, Schäden zu beheben, die durch die Diskriminierung der Eltern entstanden sind. Da gibt es heute viele falsche Schuldzuweisungen an Schulen und Lehrer. Alle pädagogischen, psychologischen oder auch medizinischen Maßnahmen können die Folgen einer verfehlten Familienpolitik nicht kompensieren. Bildungspolitik neben oder gegen die Familien bleibt immer ein Torso.

Kinder aus ärmeren Familien sind in ihrer Bildungskarriere benachteiligt. Das liegt aber nicht am Schulsystem, sondern an den Ursachen der Armut, genauer gesagt an der rücksichtslosen Ausbeutung von Mehr-Kinder-Familien und Alleinerziehenden durch unser Sozialsystem. Hier hilft nur, durch Abbau dieser Benachteiligung die Erziehungsfähigkeit wieder zu stärken. Die Schule kann bei frühkindlich verursachten Lernhemmungen nur noch Reparaturversuche machen. Selbst das erfordert einen differenzierten Umgang, wofür das gegliederte Schulsystem bessere Möglichkeiten hat. Eine Gleichbehandlung führt bei unterschiedlichen Voraussetzungen gerade nicht zu optimalem Erfolg.

Oft wird behauptet, unser gegliedertes Schulsystem fördere die Abschottung einer „Bildungselite“ gegen „unliebsame Konkurrenz“. Der Vergleich mit dem Ausland spricht dagegen. In Deutschland gibt es bisher nur wenige „Elite-Schulen“, wie etwa in Frankreich, England und den USA. Das zeigt, dass es die deutsche „Oberschicht“ bisher gerade nicht für erforderlich hielt, sich durch private Eliteschulen abzugrenzen. Das bisher breite Spektrum öffentlicher Schulen steht allen Bevölkerungsgruppen offen. Wenn das heute für viele Familien nicht mehr nutzbar ist, liegt das an deren sozialrechtlicher Benachteiligung und nicht am Schulsystem. Die Klage, viele Familien förderten ihre Kinder ungenügend, greift nicht, so lange sie infolge Zeit- oder Geldmangels gar nicht die Möglichkeit dazu haben.

Eine Vereinheitlichung unseres Schulsystems ist ein Programm zur Bildung teurer Privatschulen, in denen sich dann die „Oberschicht“ tatsächlich abschotten und das Interesse am öffentlichen Schulsystem verlieren wird, wie das in den USA zu beobachten ist. Bessere Bildungsmöglichkeiten für alle bringt das nicht.

Was würde bei einem „Erfolg der Bildungsoffensive“ passieren?

Aber wischen wir mal all die angeführten Einwände beiseite und nehmen an, es gelänge der Bildungspolitik tatsächlich, die auf zwei Drittel geschrumpfte Kindergeneration so gut auszubilden, dass sie die sozialen Lasten für das nicht geborene Drittel mit übernehmen könnte. Aufgrund unseres gesetzlichen Versicherungssystems wird ja genau das verlangt. 

Nehmen wir also an, der Staat mutet künftig zwei Bürgern zu, die Soziallast des fehlenden dritten mit zu tragen. Nehmen wir weiter an, die zwei Bürger wären aufgrund ihrer guten Ausbildung auch in der Lage, das zu leisten. Was würde dann passieren?

Würden diese „überzüchteten“ Leistungsträger wirklich ihre ganze Schaffenskraft darauf verwenden, ein immer größer werdendes Rentnerheer zu alimentieren? Das scheint reichlich weltfremd. Näher liegt, dass sie sich überlegen, wie sie dieser Zumutung ausweichen können, schon um Freiraum für sich und eine eigene Familie zu gewinnen.  Die Aktiveren werden ins Ausland abwandern, wo ihnen aufgrund ihrer guten Ausbildung alle Türen offen stehen. Die hohen Bildungsinvestitionen sind dann für Deutschland in den Wind geschrieben und subventionieren die übrige Welt. Ansatzweise ist das schon heute der Fall, wie die Abwanderung vieler Fachkräfte in die Schweiz, nach England, Skandinavien usw. zeigt.

Der Teufelskreis setzt sich fort. Die Abwanderung von Fachkräften erhöht die Überforderung der Zurückbleibenden, die dann auch zur Abwanderung motiviert werden. Übrig bleiben vor allem die, bei denen alle Bildungsversuche wenig Erfolg hatten. Eine Perspektive für ein stabiles Staatswesen ist das nicht. Das heißt: Selbst wenn die „Bildungsoffensive“ an sich erfolgreich wäre, wird sie unter den bestehenden Rahmenbedingungen zu einer Fehlinvestition für das Land.

Was ist heute zu tun, um dieser Entwicklung zu begegnen?
 

Erstens: Eltern müssen wieder zu gleichberechtigten Bürgern werden, indem ihnen die Erziehung ihrer Kinder nicht mehr als Frondienst für die Gesellschaft abverlangt wird. Werden die erwachsen gewordenen Kinder zur Altersversorgung aller verpflichtet, haben sich auch alle in gleichem Maße an den Kinderkosten zu beteiligen.  Nur dann ist zu erwarten, dass Eltern wieder die Ausgeglichenheit entwickeln, die ihren Kindern ausreichend Geborgenheit als Grundvoraussetzung für spätere Bildungsfähigkeit bieten kann.

Zweitens: Auch von einer erfolgreich ausgebildeten nachwachsenden Generation darf nicht verlangt werden, dass sie allein die Versäumnisse der älteren Generation ausbügelt. Wenn weniger Kinder geboren werden als zum Erhalt der Bevölkerungszahl erforderlich sind, muss das vom kinderlosen Bevölkerungsteil nicht für Kindererziehung benötigte Geld angespart und zu dessen Altersversorgung verwendet werden. Nur so können die Leistungsträger der nachfolgenden Generation vor Überforderung geschützt und im Land gehalten werden.

Sven von Storch

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