Selbstexperiment_ Man kann auch ohne Alkohol unseriös sein

Veröffentlicht:

Selbstexperiment_ Man kann auch ohne Alkohol unseriös sein
Datum: 17.02.2015, 09:18

Hier zu Lande ist es einfacher Alkohol zu kaufen, als eine Schmerztablette. Seit Anfang Januar verzichte ich zu 100% auf dem Stoff. Jetzt ist Fasnet (Karneval) und alle Besoffenen um mich herum kommen mir dämlich vor. Mit Tradition oder Kultur hat das nichts mehr zu tun: Es geht nur noch ums Besäufnis!

Die Droge Alkohol ist gesellschaftlich akzeptiert und schwer in Mode. Wer nichts trinkt gilt sofort als komisch. Bei abstinenten Frauen wird hinter vorgehaltener Hand oft auch eine Schwangerschaft vermutet. Doch man kann auch nüchtern unseriös und lustig sein. Wer seinen Spaßfaktor auf das berauschende Gesöff reduziert, der macht meiner Meinung nach einen großen Fehler. Gerade jetzt an Karneval fällt mir eines besonders auf: Mütter und Väter besaufen sich vor ihren Kindern; es wird gelallt, geschlägert und gegrölt. Nicht die Jugendlichen “Komatrinker” fallen mir auf.

Laut Säuferdefinition gibt es mehrere Begriffe: Genusstrinker, Quartalstrinker, Alltagstrinker, Alkoholiker und Alkoholkranke. Als Alkoholiker sieht sich komischerweise niemand. Wenn jemand einmal pro Woche eine Joint raucht, dann würde man den ja auch als Kiffer bezeichnen, wer sich aber einmal pro Woche betrinkt ist laut gängigem Sprachgebrauch kein Alkoholiker. Alkoholiker sind in der Umgangssprache die Alkoholkranken, die bereits zum Frühstück ihren Stoff benötigen. Für mich ist jeder, der regelmäßig Alkohol trinkt, ein Alkoholiker. Ich finde das nicht schlimm oder skandalös. Es ist einfach nur eine Feststellung.

Laut Gesundheitsministerium trinkt 96,4 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahren Alkohol. Knapp 2 Millionen Menschen werden als “Abhängige” in der Statistik geführt. Es handelt sich also um eine Droge, die alle Gesellschaftsschichten und Altersklassen erreicht. Die staatlichen Steuereinnahmen aus dem Verkauf von Alkohol betragen zirka 3,5 Mrd. Euro jährlich. Über 74.000 Menschen sterben jedes Jahr an Alkohol; das sind 16 mal so viele Tote, wie die Gesamttodesopfer im Straßenverkehr.

Auf Alkohol zu verzichten ist extrem schwierig. Mein Selbstexperiment wäre bereits nach einigen Tagen fast gescheitert. Die größte Herausforderung ist nicht das intrinsische Verlangen, sondern der gesellschaftliche Druck. Früher war mir das nicht so sehr bewusst, aber inzwischen sehe ich die Fallen: Dauernd bekommt man ein Getränk angeboten und muss nein sagen. Aber vielen reicht ein nein nicht. Man muss sich ständig rechtfertigen und erklären, warum man denn nun nichts trinken möchte. Man ist laufend damit beschäftigt sich zu verteidigen. Hinzu kommen Verharmlosungsspüche wie “ein Gläschen geht immer”. Aber wenn man stark ist, dann schafft man es.

Fast 100% der Erwachsenen trinken regelmäßig Alkohol. Dabei ist Alkohol auch ein Dickmacher. 4 Viertele Rotwein haben immerhin knapp die Energie von 700kcal. Ein einziges Bier (0,33l) entspricht der Energie einer ganzen Banane! Und das berühmte “Radler” mit weniger Alkohol hat den selben Brennwert wie ein Wiener Würstchen. Alkohol hemmt zudem den Fettabbau, so das sich bei chronischem Alkoholgenuss in der Leber Fett ablagert. Auch der Blutglukosespiegel nimmt ab und verursacht dabei unter anderem Kopfweh. Alkohol ist ungesund – auch kleine Mengen.

Ich kann jedem nur raten, es mal auszuprobieren! Einfach mal testen, ob man es schaffen würde. Und ist eine Veranstaltung nüchtern langweilig, dann liegt das nicht am fehlenden Alkohol, sondern eher an der mangelnden Qualität der Veranstaltung. Tradition, Kultur, Spass, Tanz und Musik sollte so gut sein, dass man sie auch ohne Drogen ertragen kann. Gerade jetzt an Fasnacht!

Zuerst erschienen auf pinksliberal.wordpress.com

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.