Hysterie und Gefühl

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Hysterie und Gefühl
Datum: 15.03.2010, 13:46

Es muss nicht immer Krebs sein, lernt man dabei, um mit seiner Leidensgeschichte erfolgreich auf den Markt zu treten, es reicht schon, dass man beim Packen einen Weinkrampf bekommt und die E-Mails im Computer nicht mehr öffnen kann. Früher hätte man von einer hysterischen Episode gesprochen und strenge Bettruhe verordnet, heute wird daraus eine Krise, die einem erst einen Buchvertrag und dann “Spiegel”-Gespräch und Feuilleton-Aufmacher in der FAZ eintragen. “Nichts geht mehr. Die Diagnose: Burnout”, heißt es dazu im Klappentext mit einem Pathos, als sei die Autorin knapp mit dem Leben davon gekommen. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht, wie man später erfährt: Fünf Wochen im Sanatorium mit Gruppengespräch und Schweigestunde und schon liegt als neuer Leistungsnachweis ein Buch über das Ganze vor. Burnout ist die ideale Krankheit für Leute, die auf die Frage, was ihre größter Fehler sei, gern mit “Ungeduld” antworten.

Die Passionsliteratur entzieht sich normalen Bewertungsmaßstäben, entscheidendes Kriterium ist nicht das Ausdrucksvermögen des Autors, seine sprachliche Leistung, sondern allein den Eindruck, den er beim Leser hinterlässt: Je mehr sich dieser durch das Geschriebene angesprochen und das heißt betroffen fühlt, desto authentischer und damit lobenswerter das Buch. Keine Besprechung kommt ohne Rekurs auf die eigene Leseerfahrung aus, tatsächlich ist die Identifikationsqualität dieser Texte das entscheidende Verkaufsargument, weshalb schon in den Verlagsankündigungen laufend davon die Rede ist, wie sehr einen die Lektüre “berühre” und “bewege”, oder, wie es im vorliegenden Fall heißt: “Miriam Meckels Läuterungsgeschichte berührt und rüttelt auf.”

Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere als Mitleidsliterat scheint die völlige Abwesenheit von Humor zu sein. Ironie schafft Distanz, auch zu sich selbst, genau das aber verträgt diese Gattung schlecht. “Der MENSCH meines Lebens bin ich”, erklärte schon Verena Stefan in “Häutungen”, dem großen Klassiker der Betroffenheitsliteratur: Der heilige Ernst, mit dem sich die Sentimentalistin Stefan vor 35 Jahren gegenübertrat, gilt ungebrochen für alle modernen Nachfolger. Meckel selber hält ihr Buch für Teil einer “Gegenbewegung”, wie sie der FAZ anvertraute: “In einer Welt wachsender Selbstinszenierung, etwa durch Websites wie Facebook, stehen Geschichten, die vom eigenen Versagen handeln, für Authentizität.” Darauf kann nur eine Kommunikationswissenschaftlerin kommen: 220 Seiten über sich selbst als Widerstandsakt gegen die Dauerbeschäftigung mit sich selbst.

 

Erschien zuerst auf unterlinken.de

Sven von Storch

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