Ist es Fortschritt, wenn Ehebrecher gesteinigt werden?

Der Westen, angeführt von der Supermacht USA, scheint endlich ein Instrument gegen das Blutbad in Syrien gefunden zu haben: intensives Wegschauen in der Hoffnung, das Problem möge dadurch von selbst verschwinden. 

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Doch dummerweise denkt dieses Problem gar nicht daran, darob von uns zu gehen – ganz im Gegenteil. Mit 70.000 bis 80.000 Toten ist die Anzahl der Opfer des syrischen Bürgerkrieges in den vergangenen zwei Jahren mittlerweile bereits nahezu doppelt so hoch wie jene der während des Zweiten Weltkriegs in Österreich ums Leben gekommenen Zivilisten (rund 40.000). Zehntausende Tote, das sind zehntausende ziemlich überzeugende Argumente für eine militärische Intervention des Westens – humanitär durchaus legitimiert wie seinerzeit etwa der Nato-Einsatz gegen den serbischen Schlächter Milošević.

Und doch hat US-Präsident Barack Obama vermutlich recht, wenn er vor einer derartigen Intervention – noch – zurückschreckt. Denn anders als während des Balkan-Krieges ist im Falle Syrien nicht mehr wirklich recht auszumachen, zu wessen Gunsten eine derartige militärische Intervention eigentlich zu rechtfertigen wäre.

So übel der Massenmörder Assad in seinem Damaszener Führerbunker sein mag, so wenig erfreulich sind seine zahlreichen militärischen Gegner aus dem jihadistischen Milieu. In vielen Fällen sind sie Sympathisanten von al-Qaida oder andere Radikalislamisten, die mit einem demokratischen Syrien nichts am Hut haben. Würde der Westen, wie an sich ja dringend geboten, den Mörder Assad mit militärischen Mitteln beseitigen, betriebe er damit letztlich das Geschäft all jener, die in Syrien einen islamofaschistischen Gottesstaat nach iranischem Modell errichten wollen, in dem Ehebrecherinnen gesteinigt und Schwule gehenkt werden. Was gegenüber dem Assad-Regime kein wirklich großer zivilisatorischer Fortschritt wäre.

Dass die Nato dabei behilflich ist, die fanatischsten Feinde des Westens in Damaskus an die Macht zu bringen, wird ja auch nicht wirklich sehr zweckmäßig sein. Im Grunde besteht in Syrien ein ähnlich hässliches Problem wie bei allen bisherigen westlichen Ambitionen, die arabische Welt zu befrieden und zu demokratisieren: Vom Irak über Ägypten bis Tunesien haben von den mehr oder weniger robusten Interventionen des Westens letztlich hauptsächlich die Islamisten profitiert.

An die Stelle von meist üblen, dem Westen aber wenigstens einigermaßen wohlgesinnten und dem Islamismus abholden autokratischen Herrschern traten im Zuge des vermeintlichen „Arabischen Frühlings“ Islamisten unterschiedlicher Heftigkeitsgrade.

Nicht mehr Demokratie – und schon gar nicht mehr Wohlstand – hat diese vom Westen durchaus mit naiver Sympathie, Geld und gelegentlich auch militärischer Gewalt begleitete arabische Revolution gebracht, sondern vor allem mehr religiöse Dominanz über das Leben der Menschen.

Fortschritt sieht anders aus. Es gibt leider nur wenig Grund anzunehmen, im Fall Syrien würde es sich anders verhalten. So unbefriedigend es ist, einem Blutvergießen wie jenem in Syrienweitgehend tatenlos zuzusehen, so wenig Chancen hätte eine militärische Intervention des Westens deshalb derzeit, um dort eine Wende zum Besseren herbeizuführen. Es ist daher besser, sie unterbleibt. (Presse)

Beitrag erschien zuerst auf: ortneronline.at 

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