Welt in Bewegung
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Datum: 26.08.2015 - 11:19 Uhr
Wie hoch die Zahlen aktuell genau sind, ist schwer zu schätzen. Zu viele Einzelinformationen müssen berücksichtigt werden. Die Lage ist in den meisten Ländern unübersichtlich. Viele Menschen werden vermisst, Angehörige gesucht.
Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sammelt Jahr für Jahr Daten und Informationen, die in Form von Jahresberichten mit Statistiken publiziert werden. Für das Jahr 2014 liegt bereits eine umfangreiche Dokumentation vor, die man beim UNHCR einsehen kann.
2014 gab es fast 60 Millionen Flüchtlinge
59,5 Millionen Menschen waren 2014 heimatlos und vertrieben. Davon waren 32,2 Millionen Binnenflüchtlinge, die ihr Hab und Gut verloren haben und ihre Ortschaft verlassen mussten. 19,5 Millionen Menschen haben ihr Land verlassen und in benachbarten Ländern Zuflucht gesucht. 1,8 Millionen Menschen haben in den westlichen Staaten Asyl beantragt.
Die große Mehrheit, rund 42,5 Millionen, haben ihre Heimat aufgrund von Krieg und Gewalt verlassen müssen. Die meisten Krisenherde, die Flüchtlingswellen auslösen, befinden sich im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika. Dazu gehören Länder wie Syrien, Irak, Somalia, Libyen, Jemen, Sudan, Afghanistan, Pakistan, Kongo, Zentralafrika, Nigeria, aber auch Kolumbien, Myanmar (Burma), die Philippinen und seit 2014 die Ukraine.
Die Staaten, die 2014 die meisten Flüchtlinge aus dem – zumeist benachbarten – Ausland aufgenommen haben, sind die Türkei (1,56 Millionen), Pakistan (1,51 Millionen), Libanon (1,15 Millionen), Iran (982.000), Äthiopien (659.500) und Jordanien (654,100).
António Guterres, UN-Flüchtlingskommissar, befürchtet, die aktuelle Entwicklung der Flüchtlingsproblematik werde alles bisher dagewesen übertreffen. Auf jeden Fall, so bemerkt das UNHCR, haben die Flüchtlingswellen Dimensionen angenommen, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben habe.
Nach Deutschland kamen 261,973 Flüchtlinge und Asylsuchende im Jahr 2014. Für 2015, so wurde bereits berichtet, werde mit einer signifikant höheren Anzahl an Flüchtlingen und Asylsuchenden gerechtet.
Chaos und Flucht: 2015 wird sich der Trend fortsetzen
Der Hotspot der Flüchtlingskatastrophen ist Syrien. Wie viele Menschen dort momentan auf der Flucht sind, lässt sich schwer abschätzen. Eine realistische Einschätzung wäre, von rund 10 Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen auszugehen, von denen bereits rund 3 Millionen das Land verlassen haben. Viele werden folgen. Damit ist fast die Hälfte der Bevölkerung Syriens auf der Flucht. Die meisten Flüchtlinge, die 2014 nach Jordanien, in die Türkei und in den Libanon gekommen sind, kamen aus Syrien.
Gescheiterte Staaten: Syrien, Libyen, Somalia und Afghanistan
Ebenso verschlimmert sich die Situation in Libyen. In Afghanistan ist bereits seit vielen Jahren die Lage dramatisch. Somalia ist ein aufgelöster Staat ohne Struktur und Zusammenhalt. Diese drei Staaten sind zusammen mit Syrien als Paradebeispiele zerbrochener Staaten zu bezeichnen. Es ist nicht abzusehen, wie auch nur annähernd die Flüchtlingsproblematik in diesen Ländern zu bewältigen ist.
Besonders dramatisch ist folgende Beobachtung: Wenn in Afghanistan selbst mit starker Präsenz der NATO-Staaten kaum eine Besserung der Situation herbeigeführt werden konnte, wie soll es dann in Syrien, Somalia und Libyen möglich sein?
Der Libanon hat, in Relation zur eigenen Bevölkerungszahl, den höchsten Anteil an Flüchtlingen aufgenommen. Saudi-Arabien ist zwar kein direkter Nachbar Syriens, dennoch wäre hier ein Engagement des reichen Ölstaates denkbar. Doch Saudi-Arabien und die Golfstaaten halten sich bei der Bewältigung der Flüchtlingskatastrophe auffällig zurück.
Nüchterne Erkenntnis: Westen nicht unschuldig an Flüchtlingskatastrophen
Deutlich erkennbar an den Zahlen und der Entwicklung ist, dass der Hauptgrund dieser humanitären Katastrophe auf die Destabilisierung von Staaten zurückgeht, deren Regime mal hofiert, mal bekämpft, und die bewusst durch die Unterstützung von bewaffneten Rebellen und Oppositionen in Chaos gestürzt wurden.
Doch nicht nur im Nahen Osten, auch in Europa könnte sich die Lage verschärfen. Die Zahl der wachsenden Flüchtlinge aus der Ukraine beweist: Wenn diese Politik der unterschwelligen Einflussnahme auch dieses Land zerreißt, könnte die Ukraine das Syrien Europas werden. Hier ist also ein Umdenken und Umlenken erforderlich. Wenn das nicht bald geschieht, kann es zu einer noch größeren humanitären Katastrophe kommen.
In Hinblick auf die aktuelle Situation der Flüchtlinge, die nach Europa kommen, ist vor allem ein EU-weites gemeinsames Handeln angeraten. Besonders die südeuropäischen Länder sind wirtschaftlich stark angeschlagen. Die Ausschreitungen auf der griechischen Insel Kos zeigen, wie die Situation eskalieren kann, wenn die Flüchtlinge auf eine wirtschaftlich bedrängte Bevölkerung stoßen.
Beschämend ist, wenn in Deutschland Flüchtlingsheime und Notunterkünfte in Flammen aufgehen und Flüchtlinge beschimpft werden. Nach all den Strapazen und Demütigungen, Verlusten und Ängsten, die die Menschen durchgestanden haben, ist ein solch aggressives und rassistisches Verhalten gegen sie nicht nachvollziehbar, erst recht nicht hinnehmbar.
Es zeigt sich allerdings auch, wie wenig die europäischen Staaten auf diese Entwicklung vorbereitet sind. Dabei hat sich das Drama lange zuvor angekündigt, denn die Krisen im Nahen Osten schwelen schon seit Jahren.
( Schlagwort: GeoAußenPolitik )
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