Was passiert mit abtrünnigen Muslimen_

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Was passiert mit abtrünnigen Muslimen_
Datum: 05.08.2016 - 11:29 Uhr

In Europa gilt die Religionsfreiheit. Schwört ein Christ der Kirche ab und wendet sich seiner anderen Religion zu oder wird Atheist, dann gibt es in der Regel keine Konsequenzen. Ist der familiäre Hintergrund wertkonservativ geerdet, darf man mit kritischen Fragen rechnen. Meistens passiert gar nichts. Gesellschaftlich wird der Kirchenaustritt nicht sanktioniert. Rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung ist ohnehin konfessionslos. In den ostdeutschen Bundesländern ist mehr als die Hälfte aller Bürger konfessionslos oder erklärtermaßen atheistisch.

Die Kirchen in Deutschland schrumpfen wie die Parteien. Die Menschen fallen massenweise vom Glauben ab. Sie glauben weder der Kirche noch den Politikern. Sie glauben niemanden mehr. Glauben gilt nicht mehr als Tugend. Kritisch zu sein, gilt heute als Tugend. Ob das von Vorteil oder Nachteil ist, kann jeder für sich selbst beurteilen. Immerhin haben wir die Freiheit, uns entscheiden zu dürfen.


Abkehr vom Glauben ist in der islamischen Gesellschaft ein Tabu


Anders ist es im Islam. Muslime haben diese Freiheit nicht. Mal eben nach Gefühl oder Gewissen die Religion wechseln? Von wegen! Abtrünnige Muslime müssen nach islamischen Recht mit der Todesstrafe rechnen. Diese Rechtsprechung basiert auf den Hadithen, das heißt auf den religiösen Überlieferungen aus dem Leben des Propheten. So steht beispielsweise im Hadith (Bukhari 4:52:260): „Wer immer seine Religion aufgibt, töte ihn.“

Der Abfall vom Islam ist eine Todsünde. Traditionell wird sie mit dem Tode bestraft. Allerdings wird die Todesstrafe nicht in allen islamischen Staaten umgesetzt. Manchmal kommen die Abtrünnigen ins Gefängnis, manchmal werden sie gefoltert, in jedem Fall gibt es gesellschaftliche Sanktionen.

In folgenden Staaten gilt für die Abkehr vom Islam noch heute offiziell die Todesstrafe: Saudi-Arabien, Jemen, Iran, Afghanistan, Pakistan, Somalia, (Nord-)Sudan und Mauretanien. Es gibt Fälle, in denen die Todesstrafe nicht umgesetzt, sondern durch eine lange Freiheitsstrafe ersetzt wurde, insbesondere bei Frauen oder jüngeren Menschen. Die Drohung beliebt natürlich bestehen.

In Staaten wie Ägypten, Syrien, Irak, Oman, Malaysia und Indonesien ist mit Gefängnisstrafen zu rechnen. Eltern können das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren. Ehen können für ungültig erklärt werden.

Selbst in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, in Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan, ist der Abfall vom Islam eine Straftat, auch wenn die Sanktionen dort milder ausfallen.

Doch in der Praxis des Alltags kommt die Apostasie, der Abfall vom wahren Glauben, nur sehr selten vor. Es kommt vielen Muslimen gar nicht in den Sinn, die Religion zu hinterfragen. Religionskritiker oder Atheisten agieren in der islamischen Welt im Untergrund. Sie offenbaren sich nur engsten Freunden und Vertrauten oder anonym dem Internet. Sich öffentlich zur Apostasie zu bekennen, traut sich eigentlich fast niemand. Die Drohkulisse ist unermesslich. Es wird mit der Angst gearbeitet: Spätestens in der Hölle würde der Ex-Muslim für seine Tat bezahlen.

Daher gibt es aus den letzten Jahren nur wenige Beispiele von Hinrichtungen wegen Abkehr vom Islam. Die meisten Hinrichtungen wegen des Abfalls vom Glauben gab es im Iran und in Saudi-Arabien. Doch auch dort waren es nicht nicht viele.

Wann gilt man bereits als Abtrünniger? Hier gibt es unterschiedliche Auslegungen. Je nach Einzelfall muss man sich gar nicht vollständig vom Glauben distanzieren, um bereits als Abtrünniger zu gelten. Es genügen kritische Bemerkungen in der öffentlichen Diskussion oder ein paar atheistische Beiträge im Internet, so beispielsweise in Foren oder auf Facebook. Das kann bereits das Ende eines normalen Lebens sein. Wer bei seiner Religionskritik erwischt wird, wird seines Lebens nicht mehr froh.

Abkehr vom Islam auch in westlichen Staaten nicht problemlos


Muslime die in Europa und in Nordamerika leben, teilen mit den anderen Bürgern die Religionsfreiheit. Das gilt für die staatliche Rechtsprechung. Doch innerhalb ihrer Familie, ihres muslimischen Umfeldes, ihres Stadtkiezes, ihrer islamischen Parallelgesellschaft werden sie mit Sanktionen belegt, unter Druck gesetzt. Es geht um die Familienehre. Denn wer den Glauben verletzt, bringt die gesamte Familie in Unehre. Abtrünnige vom Islam werden deshalb wie Aussätzige behandelt, wie Menschen, mit denen man nicht mehr zu tun haben will.

Wie die BBC schon öfters berichtet hat, ist selbst im toleranten Großbritannien die Abkehr vom Islam problematisch. Ex-Muslime müssen sich nicht nur von ihrer Religion lösen, sondern von ihrer ganzen Familie, von ihrem ganzen sozialen Umfeld lossagen. Für viele Muslime ist es eine unvorstellbare Situation mit einem Ex-Muslim konfrontiert zu werden. Abtrünnige stehen moralisch auf einer Ebene mit Verbrechern.

Es gibt aber in der westlichen Welt Ex-Muslime, die in die Offensive gehen, sich öffentlich zu ihrer Abkehr bekennen. Oftmals ist dieses negative Glaubensbekenntnis mit einem Leben in ständiger Gefahr verbunden. Wer in die Öffentlichkeit tritt und sich als Abtrünniger kritisch mit dem Islam auseinandersetzt, läuft schnell Gefahr, den Hass radikaler Islamisten auf sich zu ziehen oder von konservativen Imamen mit einer Fatwa belegt zu werden.

Die traurige Schattenwelt der stillen Agnostiker


Das Internet eröffnet einen erschreckenden Einblick in eine Welt, in der Menschen Angst haben, ihre Zweifel an der Religion zu äußern. Man braucht nur nach entsprechenden Online-Foren zu suchen oder die Kommentare von Online-Zeitungs-Artikeln oder YouTube-Videos anschauen, die sich mit der Apostasie im Islam beschäftigen. Viele anonyme Kommentare sind verzweifelte Hilferufe von Menschen, die ihren Glauben längst verloren haben, aber unfähig sind ihr Comming-out umzusetzen. Zu groß ist die Angst vor den Reaktionen ihrer Familie und ihres Umfeldes. In streng islamischen Gesellschaften wie Iran oder Saudi-Arabien ist das sowieso gar nicht möglich. Atheisten oder Agnostiker müssen sich verstecken wie Menschen, die einer verbrecherischen Organisation angehören. Es ist eine Welt der Angst.

Angst haben auch die strenggläubigen Familienmitglieder um ihren Nachwuchs. Sie fragen: Was ist, wenn unser Kind sich vom wahren Glauben abwendet? Für gläubige und traditionsbewusste Muslime ist das eine Horrorvorstellung. Wenn der Sohn oder die Tochter sich vom Glauben abwendet, und sei es nur durch „unmoralische“ Taten, dann kann es zu Kurzschlusshandlungen kommen. Ehrenmorde in traditionellen Familien hängen oft mit den islamischen Codices zusammen, die durch das Verhalten eines Familienmitglieds verletzt wurden und somit die gesamte Familienehre beschmutzt haben.

In Deutschland gibt es die Möglichkeit des polizeilichen Personenschutzes für Ex-Muslime. Hier zeigt sich eine gewisse Doppelbewertung der Situation. Einerseits ist anerkannt, dass Ex-Muslime oft verfolgt werden und deshalb besonderen Schutz benötigen – auch dass sie eine gewisse Hilfe oder Betreuung brauchen wie Menschen, die einer radikalen Sekte entkommen sind. Andererseits neigen Politiker immer wieder dazu, die verschiedenen Facetten des Islam zu verharmlosen. Fakt ist, dass ein Austritt aus der Glaubensgemeinschaft im islamischen Denken nicht vorgesehen ist. Wer dennoch dieses Wagnis unternimmt, begibt sich auf ein Himmelfahrtskommando.

Sven von Storch

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