Warum die Araber ihre Grenzen hassen

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Warum die Araber ihre Grenzen hassen
Datum: 16.05.2016 - 11:48 Uhr

Der 16. Mai 1916 ist ein denkwürdiger Tag. Für eine ganze geographische Region steht er für die Entwürdigung und Missachtung von Völkern und für den Beginn einer unglücklichen Folge von Kriegen und Revolutionen. Denn vor genau hundert Jahren beschlossen die Briten und Franzosen das Schicksal des Nahen Ostens – ganz nach ihren eigenen Interessen.

Sykes-Picot ist tot, schrien die Anhänger des „Islamischen Staates“ (IS), als sie die Grenzen zwischen dem Irak und Syrien mehrfach hin- und her-kreuzten, die Grenzpfosten niederrissen und schließlich ihren Terrorstaat, den „Islamischen Staat des Irak und Großsyrien“ („Ad-Daula al-islamiyya fi’l Iraq wa asch-Schams“) gründeten. Mit dieser Tat fanden sie nicht nur Sympathien bei ihren radikalisierten Anhängern, sondern auch bei vielen gemäßigten sunnitischen Arabern der Region, die sich weder zu den Kurden im Norden, zu den Schiiten im Südosten oder zu den Alawiten im Südwesten hingezogen fühlen.

Das Sykes-Picot-Abkommen ist nicht nur unter fundamentalistischen Islamisten verhasst. Es steht als geschichtsträchtiges Symbol für eine ignorante westliche Kolonialpolitik, die sich nicht um die Völker und Kulturen der besetzten Regionen scherte, sondern Interessenszonen und Grenzen mit dem Lineal absteckte. Flüsse, Berge, Erdölvorkommen und die Gegenforderungen des europäischen Konkurrenten waren die auschlaggebenden Kriterien für die Grenzziehungen. Die späteren künstlich geschaffenen Nationen mussten sich mit den geerbten Grenzen abfinden, die den Köpfen europäischer Kolonialbeamter, Diplomaten, Militärs und Politiker entsprungen waren. Überall in Afrika und Asien ist dieses Phänomen zum Problem geworden. Doch nirgendwo sonst regt man sich darüber mehr auf, als im Nahen und Mittleren Osten. Die Grenzen Syriens, Iraks, Jordaniens und des Libanon waren nach europäischen Vorstellungen geschaffen worden, nicht nach historischen Traditionen. Schiiten und Sunniten, Araber und Kurden, alle ethnischen und konfessionellen Unterschiede blieben unbeachtet. Der Irak ist ein zusammengewürfeltes Gebiet aus den ehemaligen osmanischen Provinzen Mosul, Bagdad und Basra. Die gerade Linie, die den Irak von Syrien trennt, hat kein historisches Fundament.

Wie für die Levante und das Zweistromland, so auch für den Golf: Als Saddam Hussein 1990 Kuwait eroberte, weil Bagdad seit Monaten von Kuwait finanziell in Bedrängnis gebracht worden war, begründete er seinen Einmarsch mit der historischen Zugehörigkeit von Kuwait zur alten Provinz Basra. Tatsächlich hatten die Briten das kleine Fischerdorf Kuwait und das Wandergebiet von unbedeutenden Beduinen des Hinterlandes einfach vom Irak abgetrennt. Der Grund war schlichtweg das dortige Erdöl. Nun ist aus dem Nichts ein reiches Ölscheichtum geworden – und der Irak um gewaltige Ressourcen gebracht worden. Währen der Irak eine große Bevölkerung zu versorgen hatte, hatten die Kuwaitis nicht genügend Arbeitskräfte für ihre Ölfelder und haben deshalb Gastarbeiter aus Indien und Pakistan angeheuert. Kuwait war anfangs eine britisch kontrollierte Ölfirma mit Scheich und Fischerdorf, mehr nicht. Alle kleinen Golfstaaten verdanken ihre Existenz den Briten.

Großbritannien und Frankreich teilten sich den osmanischen Kuchen auf

Erster Weltkrieg. Der kranke Mann am Bosporus war im Niedergang begriffen. Im Nordosten, an der Kaukasusfront, rückten die Russen vor. Auf dem Mittelmeer kontrollierten die britischen und französischen Schiffe die Küsten, und von Ägypten aus rückte die britische Armee unter General Allenby nach Palästina vor. Die Araber hatten mit Hilfe des britischen Agenten Thomas Edward Lawrence die Hafenstadt Akaba am Roten Meer eingenommen und mit ihren Guerillaangriffen die strategische Hedschas-Bahn außer Kraft gesetzt. Vom Persischen Golf rückten britischen Truppen vor, die zuvor aus Indien herbeigebracht wurden. Das Deutsche Reich konnte seinem osmanischen Verbündeten keine ausreichende Hilfe bieten. Das Osmanische Reich sah seinem Ende entgegen.

Die Briten und Franzosen waren siegesgewiss. Sie wussten, dass das Osmanische Reich von innen und außen zerfallen würde. Der Nahe und Mittlere Osten würden ihnen wie ein reifer Apfel in die Hände fallen. Schließlich trafen sich der britische Diplomat Mark Sykes und seine französischer Kollege, Francois Georges Picot, um den Kuchen unter sich aufzuteilen. Wo welche Stämme, Völker, Konfessionen und Beduinenstämme zu Hause waren, schien sie nicht zu kümmern. Die betroffenen Völker waren keine zu befragende politische Entität, die eine Rolle gespielt hätte. Entscheidend war, dass nach einem Sieg über Deutschland und das Osmanische Reich die Interessen zwischen Frankreich und Großbritannien klar festgelegt werden mussten. Und so teilten Picot und Sykes den Orient auf. Frankreich sollte die Verantwortung für die Gebiete Syrien und den Libanon erhalten, Großbritannien für das Zweistromland und Palästina sowie für die arabische Küste des Persischen Golfes. Daraus entstanden später die Staaten Libanon, Syrien, Irak, Jordanien, Israel/Palästina, Kuwait, Katar, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate. Unterzeichnet wurde das Geheimabkommen von London und Paris am 16. Mai 1916, vor genau hundert Jahren.

Die Geheimverhandlungen zwischen Großbritannien und Frankreich fanden im Schatten der offiziellen Verhandlungen statt, an denen nicht nur die Diplomaten Großbritanniens und Frankreichs, sondern auch Italiens und Russland teilnahmen. Doch Frankreich und Großbritannien umgingen die russischen und italienischen Ambitionen durch ihre Geheimverhandlungen. Entsprechend verärgert waren später die Russen und Italiener. Auch die Araber, die auf der Seite der Engländer gegen die Türken gekämpft hatten, fühlten sich betrogen und ausgenutzt.

Zwei Männer aus der Zeit des Imperialismus

Wer waren diese beiden Männer, die das Geheimabkommen ausklüngelten, welches das Schicksal des Nahen und Mittleren Ostens für lange Zeit so entscheidend beeinflussen sollte?

Mark Sykes (1879 bis 1919) war ein Militär und Diplomat. Eigentlich war er ein Kenner des Nahen Ostens. Er hatte mehrfach die Türkei und die Levante bereist und drei Bücher über das Osmanische Reich geschrieben. Außerdem war er in militärischen Fragen sehr bewandert. Hierzu hatte er ebenfalls fleißig publiziert. Zudem war er der Verantwortlicher für die Gründung des „Arab Bureau“, eine Spezialabteilung des militärischen Geheimdienstes in Kairo, die für die Sammlung von Informationen und Nachrichten aus dem Nahen Osten zuständig war. Das „Arab Bureau“ war auch jene Institution, die T.E. Lawrence zur Erkundung in die arabische Wüste geschickt hatte. Sykes war kurz nach dem Ersten Weltkrieg der Spanischen Grippe zum Opfer gefallen.

Francois Georges-Picot (1870 bis 1951) war ein französischer Diplomat und Jurist. Er hatte umfangreiche Erfahrungen im diplomatischen Dienst gesammelt und war Sekretär des französischen Botschafters in Kopenhagen gewesen. Dann wurde er französischer Generalkonsul in Beirut. Dort soll er Kontakte zu den maronitischen Christen gepflegt haben. Während des ersten Weltkrieges soll er als französischer Diplomat in Syrien und Palästina aktiv gewesen sein.

Staaten aus dem Baukasten

Nach der Aufteilung des Nahen Ostens durch das Sykes-Picot-Abkommen kam der Plan für die Israel-Palästina-Frage auf den Tisch, bei der vor allem die Balfour-Deklaration von 1917 zum Tragen kam. Sie setzte das Ziel fest, in Palästina einen jüdischen Staat zu errichten. Die Briten umgingen trotz ihrer Mandatsmacht die wichtigen Entscheidungen hierzu, indem sie immer wieder die relevanten Fragen an den Völkerbund und später an die Vereinten Nationen weiterreichten, die schließlich die Aufteilung Palästinas beschlossen hatten und den Weg frei machten für die Gründung des Staates Israel.

Jordanien war ein künstliches Gebilde par excellence. Es hatte keinerlei historisches Vorbild. Eigentlich sollte es zu einem größeren Syrien gehören, dass von dem aus Mekka und Medina stammenden Haschimiten-König Feisal regiert werden sollte. So war der Traum der Araber: Ein großer Staat mit der Hauptstadt Damaskus. Doch die Briten hatten andere Pläne, weil sie im d‘accord mit dem Sykes-Picot-Abkommen und nach den Beschlüssen der Konferenz von San Remo im Jahre 1920 Jordanien von dem französisch verwalteten Syrien getrennt haben wollten. Also wurde das transjordanische Gebiet mit Palästina verknüpft. Schließlich wurde die Gründung des Staates Jordanien beschlossen. Der Haschimiten-König Abdallah I. regierte zunächst unter dem Mandat der Briten. 1946 wurde Jordanien unabhängig. Ohne das Sykes-Picot-Abkommen, wäre man nie auf die Idee gekommen, das Gebiet von Jordanien zu einem eigenen Staat werden zu lassen, sondern hätte es unter Palästina und Syrien aufgeteilt.

Feisal, der sich ein Großsyrien erhofft hatte, aber durch das französisch-britische Abkommen davon abgehalten wurde, wurde von den Briten mit einem anderen Amt „entschädigt“. Faisal, der die arabischen Beduinenstämme des Hedschas gegen das Osmanische Reich geeint hatte, der zusammen mit T.E. Lawrence die Türken aus Akaba vertrieben hatte, und den die Araber zum König von Syrien haben wollten (er war 1920 vom syrisch-arabischen Nationalkongress in Damaskus zum König von Syrien ausgerufen worden), wurde von den Franzosen vertrieben und stattdessen von den Briten zum König des neu und ebenfalls künstlich geschaffenen Irak gemacht.

Die Idee hierzu kam von Winston Churchill persönlich, der damals britischer Kolonialminister war und sich den Irak als politische Entität zusammenbastelte. Beraten war dieser von der britischen Nahostkennerin Gertrude Bell. Bei aller Kenntnis der Region reichte die Weitsicht beider nicht aus, um das kommende Schicksal der Völker zu erahnen, deren Grenzen sie nach romantischen Vorstellungen des zeitgenössischen Orientalismus und nach geostrategischen Interessen zogen.

Die Kurden wurden einfach nicht beachtet. Die Kurden, obwohl schon damals einen millionenstarkes Volk mit eigener Kultur und Sprache, wurden bei allen Aufteilungen des Vorderen Orients einfach übergangen. Es schien, als würden sie als zu beachtende Größe nicht existieren. Das Resultat: Seit Jahrzehnten Unruhen und kurdischer Widerstand in der Türkei, in Syren, im Irak und im Iran.

Heute, hundert Jahre nach dem Sykes-Picot-Abkommen, sieht man, dass sich die künstlich gezogenen Grenzen mehrfach gerächt haben und die Menschen der Region auf Dauer belasten. Es ist tragisch, dass es ausgerechnet der selbsternannte „Islamische Staat“ (IS) ist, der einer dieser Grenzen ein Ende bereitet hat. Die entscheidende Frage bleibt, ob nach einem Ende des Bürgerkrieges in Syrien und dem Ende des Konfliktes im Nordirak die Grenzen klüger gezogen werden oder wieder aufgrund politischen Kalküls die Saat für neues Blutvergießen in der Zukunft gelegt wird. Die Erfahrungen aus der Geschichte lassen nichts Gutes erahnen.

 

( Schlagwort: GeoAußenPolitik )

Sven von Storch

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