Warum der Islam expandiert
Warum der Islam expandiert
Datum: 18.03.2016 - 08:30 Uhr
Der Islam ist eine expandierende Weltreligion. Das kann man gutheißen. Das kann man besorgniserregend finden. Auf jeden Fall ist es eine Tatsache. Rund 1,6 Milliarden Muslime gibt es heute. Nach dem Christentum ist der Islam die größte Religionsgemeinschaft der Welt. Die islamischen Staaten haben im Vergleich zu Europa, Ostasien, Nord- und Südamerika eine deutlich höhere Geburtenrate.
Bereits zur Zeit des Propheten Mohammed und seiner ersten Nachfolger, den frühen Kalifen, wurde der Islam mit dem Wort, der Schrift und dem Schwert verbreitet. Bereits Mitte des 8. Jahrhunderts, nur hundert Jahre nach dem Tode Mohammeds, reichte das erste islamische Großreich von Spanien bis nach Indien.
Der Islam wird bald die größte Religionsgemeinschaft der Welt sein
In rund fünfzig Jahren wird es auf der Welt mehr Muslime als Christen geben. In Deutschland wird vermutlich jeder Zehnte ein Muslim sein. Es gibt im politischen Islam Strömungen, die Zahl der Geburten als Teil des Dschihad (Heiligen Krieges) zu deuten, sozusagen als „Geburten-Dschihad“ oder „Demographischer Dschihad“. Diesem Trend kommt entgegen, dass die Geburtenraten in den westlichen und ostasiatischen Industrieländern einen chronisch niedrigen Stand haben.
Doch es kommen noch andere Faktoren hinzu. Die meisten islamischen Länder haben ihr Rechtsystem an die Scharia angelehnt. Daher gibt es keine klare Trennung zwischen Staat und Religion, wie wir es von säkularen Staaten her kennen. Dies hat Auswirkungen auf das Rechtsverständnis. Der Islam erlaubt die Vielehe. Bis zu vier Frauen darf ein Mann heiraten. Laut der Scharia müssen die Kinder eines islamischen Paares islamisch erzogen werden. Das trifft auch dann zu, wenn die Mutter der Kinder selbst keine Muslimin ist.
Muslimische Männer dürfen nicht-muslimische Frauen heiraten. Umgekehrt dürfen muslimische Frauen keinen Ungläubigen heiraten. Das bedeutet: Wenn beispielsweise ein deutscher Mann eine muslimische Türkin oder Araberin heiraten möchte, muss er zuvor zum Islam konvertieren. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass sich der Islam innerhalb einer mehrreligiösen Gesellschaft stets verbreitet. Es gibt nur ein Vorwärts, kein Rückwärts.
Für Muslime, die sich vom Islam abwenden, gilt die Todesstrafe. In einigen islamischen Ländern wird dieses Recht tatsächlich noch heute praktiziert. In anderen geduldet. In den moderaten islamischen Ländern wird zwar ein Abfall vom Glauben nicht offiziell mit dem Tode bestraft. Doch wer auch immer sich vom Islam abwendet oder abtrünnig wird, muss mit massivsten Sanktionen seitens der Gesellschaft und gegebenenfalls mit strafrechtlichen Konsequenzen seitens des Staates rechnen.
Andere Religionen haben in der Regel diese Sanktionen gegen „Abtrünnige“ nicht oder nicht mehr. Wenn sich in Europa ein Christ oder in Asien ein Buddhist von seiner Religion abwendet, gibt es in der Regel keine Sanktionen, oftmals nicht einmal Reaktionen. Gerade in den westlichen Staaten wird das Prinzip der Religionsfreiheit hochgehalten.
Generell lässt sich die Tendenz konstatieren, dass fast alle mehrheitlich islamischen Staaten auf eine engere Verbindung zwischen Staat, Gesellschaft und Religion Wert legen. Dagegen ist bei den meisten christlichen Staaten in der heutigen Zeit das Gegenteil der Fall. Hier legt man auf die Trennung dieser Bereiche Wert. Das ist ein Ergebnis der Aufklärung, die dem Individuum mehr Freiheiten gebracht hat. Dieser Unterschied sorgt dafür, dass der Islam sich emphatischer Geltung verschafft als die meisten anderen Religionen.
Wo die meisten Muslime leben
Das Herzland des Islam sind der arabische, der türkische und der persische Sprach- und Kulturraum. Dazu gehören Nordafrika sowie der Nahe und Mittlere Osten mit der Arabischen Halbinsel. Diese Region, von Marokko bis Afghanistan, verbinden wir instinktiv mit dem Islam. Hier ist der Anteil der Muslime besonders hoch.
Doch in absoluten Zahlen sieht es anders aus. Die größte muslimische Population der Welt hat der indische Sub-Kontinent. In Indien selbst leben mehr als 100 Millionen Muslime. Tendenz steigend. In Pakistan leben rund 180 Millionen Muslime und in Bangladesch etwa 160 Millionen. Zusammen sind das 440 Millionen Muslime. In wenigen Jahren wird es eine halbe Milliarde sein.
Der Konflikt zwischen Hindus und Muslimen in Indien ist brisanter politischer Sprengstoff. Die Hindus befürchten, dass der Anteil der Muslime zu schnell wächst und somit eine politische und gesellschaftliche Größe werden könnte, die zu weiteren Abspaltungen von der Indischen Union führt. Denn Pakistan und Bangladesch waren einst Teile Indiens, die sich wegen des Konfliktes zwischen Muslimen und Hindus abgespalten hatten. Indien und Pakistan sind strategische Gegner. Beide sind Atommächte. Im Norden der pakistanisch-indischen Grenze gibt es umstrittene Gebiete. In der Region von Kaschmir gab es einen Bürgerkrieg.
Die zweitgrößte muslimische Population lebt in Südostastasien. In Malaysia sind von rund 30 Millionen Einwohnern zwei Drittel muslimisch. Offizielle gibt es Religionsfreiheit. Praktisch nicht. Wer aus dem Islam aussteigen will, muss seinen Schritt erst durch ein Scharia-Gericht bestätigen lassen und gegebenenfalls ein Umerziehungslager besuchen, wo versucht wird, ihn dennoch im Islam zu behalten. Noch mehr Muslime gibt es in Indonesien. Von fast 240 Millionen Indonesiern sind rund 200 Millionen Muslime. Sowohl religiöse als auch ethnische Minderheiten werden in Indonesien immer wieder verfolgt. Das hat sich insbesondere in der Provinz Irian Jaya (Papua, West-Neuguinea) gezeigt und während der Besetzung Ost-Timors. Muslimische Minderheiten gibt es zudem in Südthailand und auf den Philippinen. Im Süden Thailands gab es seitens der muslimischen Bevölkerung immer wieder Unabhängigkeitsbestrebungen und Konflikte mit der buddhistisch geprägten Regierung.
Warum der politische Islam ein Problem für die westliche Welt ist
Da fast alle islamischen Gesellschaften nach einer Verschmelzung von Religion und Staat streben und selbst in der Türkei die säkularen Reformen des Kemal Atatürk wieder Schritt für Schritt zurückgezogen werden und in Indien islamisch dominierte Regionen zur Abspaltung geführt haben, ist davon auszugehen, dass auch weiterhin der Islam überall dort Konsequenzen für die Gesellschaft und den Staat haben wird, wo er demographisch bedeutsam geworden ist.
In der Geschichte sind nahezu alle Versuche, Staat und Islam zu trennen, gescheitert. Weder unter Gamal Abdel Nasser in Ägypten noch unter Kemal Atatürk in der Türkei hat es langfristig geklappt. Wie sollte eine solche Trennung auch funktionieren, wenn selbst Europa für die Trennung von Staat und Kirche einen langen und schmerzlichen Prozess der Aufklärung und vieler Reformationen und Gegenreformationen über sich ergehen lassen musste?
Was also wird passieren, wenn eine hochpolitische Religion, die deutlich in das gesellschaftliche Leben eingreift, in eine Welt hineindringt, in der die Religionen wie das Christentum auf dem Rückzug und ins Private versteckt worden sind? Und wie können sich säkulare Werte gegen einen expandierenden Islam behaupten?
Diese Diskussionen werden in Deutschland in Zukunft für alle Mitbürger ganz konkret werden. Dann werden in den Schulen häufiger Fragen diskutiert, ob Mädchen und Jungen gemeinsam Sportunterricht haben dürfen, ob Schwimmunterricht in die Schule gehört, ob an den Wänden ein Kruzifix hängen darf, ob Kopftuch oder Schleier erlaubt sind, wie der Biologieunterricht (Evolution, Fortpflanzung) gestaltet wird, ob es auch islamischen Religionsunterricht gibt oder ein allgemeines Fach „Religionen“ geben soll.
Besonders brisant wird es in Rechtsfragen. In islamischen Staaten gibt es eine große Überschneidung von Scharia und staatlichen Gesetzen. Der Wertekompass zeigt in eine ähnliche Richtung. In europäischen Ländern gibt es eine deutliche Differenz. Ehebruch wird beispielsweise in einigen islamischen Ländern mit dem Tode bestraft. In Deutschland bleibt er praktisch ohne juristische Folgen. Blasphemie wird in islamischen Ländern ebenfalls hart bestraft, mancherorts mit dem Tode. In Deutschland kann sich jeder über Jesus Christus lustig machen – meistens ohne juristische Folgen befürchten zu müssen, da man sich auf die Meinungsfreiheit berufen kann. Das bedeutet im Klartext, dass gläubige Muslime in Ländern wie Deutschland sich moralisch einordnen müssen zwischen Scharia und Grundgesetz. Das ist eine große Herausforderung, um es vorsichtig auszudrücken.
Zuspitzen kann man die Problematik auf folgende Fragen: Wird der wachsende Anteil der Muslime in Europa tendenziell zu einer Säkularisierung der hiesigen Muslime oder tendenziell zu einer Islamisierung der europäischen Gesellschaft führen? Oder wird es ein weiteres Anwachsen der Parallelgesellschaften geben, in denen eigene Werte und Normen gelten? Und wie soll ein demokratischer Staat mit solchen Parallelgesellschaften umgehen?
( Schlagwort: GeoAußenPolitik )
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