Wachsender Nationalismus in China

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Wachsender Nationalismus in China
Datum: 14.01.2020 - 09:30 Uhr

Das Wirtschaftswunder in China geht einher mit einem neuen Nationalismus. Die Volksrepublik sieht sich nicht mehr als Vorreiter des Sozialismus und Kommunismus in der Welt wie unter Mao Zedong, sondern wieder als altes »Reich der Mitte«, als kommende Supermacht der Welt. Die Schmach des 19. und frühen 20. Jahrhunderts soll dann endgültig überwunden sein.



Bis 2025 will China in den fünf wichtigsten Technologiebereichen führend sein. Bis 2050 will China militärisch mit den USA Gleichstand erreicht haben. Langfristig strebt China den Anschluss des »rebellischen Inselstaates« Taiwan an, den China als »abtrünnige Provinz« betrachtet, denn zur Zeit der Qing-Dynastie gehörte die Insel Formosa (Taiwan) zur Provinz Fujian.


Mittels der Medien, durch patriotische Fernsehfilme und Kinoproduktionen, wird ein neues Nationalbewusstsein aufgebaut. Mao und seine Volksbefreiungsarmee waren die Helden der vergangenen Generation. Jetzt ist wieder die gesamte Geschichte Chinas ins Augenmerk gerückt. Chinas Geschichte wird in unzähligen Kinofilmen und Fernsehproduktionen als Geschichte einer Heldennation beschrieben. Immer wieder wird der heldenhafte Kampf gegen die Hunnen, Mongolen und Japaner beschworen. Nie strotzten chinesische Filme von so viel Selbstvertrauen und Patriotismus wie heute.


Xi Jinping spricht vom chinesischen Traum. Das Ziel ist die »harmonische Gesellschaft« unter der Führung der kommunistischen Partei, mit einer Mischung aus Staatskapitalismus, Sozialismus und freier Marktwirtschaft – je nach Bedarf und Taktik, jedoch immer mit demselben strategischen Ziel: China zur größten Wirtschafts- und Handelsmacht der Welt aufzubauen. Dazu gehört auch das Konzept der »Neuen Seidenstraße« zu Wasser und Land, durch Innerasien und über den Indischen Ozean.


Einen Teil des chinesischen Traums lebt die Mittelschicht in den großen Städten schon jetzt. Ihr Lebensstil schließt sich an den des Westens an. Hunderte Millionen Chinesen können sich ausreichend große Wohnungen, Autos, Fernseher, Mobiltelefone, Computer und sogar Fernreisen leisten. Chinas Bürger sind die Hauptursache für das enorme Wachstum des internationalen Tourismus.


Durch den Handelskrieg zwischen Peking und Washington ist Sand ins Wachstumsgetriebe geraten. Es geht nicht mehr so atemberaubend schnell voran, wie erhofft. Die Regierung und die Staatsmedien schieben den schwarzen Peter der US-Regierung in die Schuhe. Daraus haben sich neue Ressentiments gegen die »Westler« entwickelt. Die Stimmung gegenüber Ausländern hat sich in den letzten Jahren denkbar verschlechtert.


Auch die Berichterstattung westlicher Medien über Hongkong, Taiwan und die Uiguren in Xinjiang hat nicht nur die Führung in Peking verärgert. Chinas Bürger scheinen die Propaganda der Regierung und der Staatsmedien überwiegend zu glauben. Sie glauben zumindest, dass das Ausland den Aufstieg Chinas nicht gönnt oder gar verhindern will. Im Dauerrausch wird daher die Erinnerung an das Jahrhundert der Demütigungen aufrechterhalten: Die Welt versuche, China klein zu halten.


Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, ist damit zu rechnen, dass die Volksrepublik China sich in den nächsten Jahren dominanter, aggressiver und selbstbewusster auf der internationalen Bühne aufspielen wird und seine Interessen mit noch mehr Druck durchzusetzen versucht.


In Taiwan ist man alarmiert. Dort hat nicht ohne Grund die Regierungschefin Tsai Ing-wen die Wahl gewonnen. Sie hat mit ihrer Kritik an China und mit dem Versprechen, die Souveränität Taiwans zu verteidigen, die Mehrheit der Bürger Taiwans überzeugt.

 

Sven von Storch

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