Unwort Lügenpresse

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Unwort Lügenpresse
Datum: 16.01.2015 - 09:49 Uhr

Nun steht es also fest. Das Unwort des Jahres lautet: „Lügenpresse“. Das wird die zahlreichen Journalisten und Medienvertreter freuen. Denn von nun an können sie jederzeit eben diesen Vorwurf mit dem Hinweis kontern, dass es sich um ein Unwort handele.

Es hätte andere Kandidaten gegeben. Wie wäre es mit „Wutbürger“, „Putinversteher“ oder „Verschwörungstheoretiker“? Doch halt: Diese Wörter sind ja jene Bezeichnungen, die von spezifischen Medien gegen die Bürger verwendet werden, die auf Kundgebungen und im Internet frei ihre Meinung äußern.

Wie wird solch ein Unwort eigentlich ermittelt? Gibt es Umfragen? Wird die Meinung und Empfindung der Bevölkerung erforscht, um festzustellen, von welchen Begriffen sie sich besonders verletzt oder für dumm verkauft fühlen? Tatsächlich ist es folgendermaßen: Die Bürger können Vorschläge einreichen. Doch am Ende entscheidet eine Jury aus vier Sprachwissenschaftlern, einem Journalisten und einem Experten des öffentlichen Kultur- und Medienbetriebes über das Unwort des Jahres.

Ob die Entscheidung dieses Jahr eine glückliche war, lässt sich diskutieren. Es gibt durchaus verständliche Gründe, die die Entscheidung der Jury rechtfertigen. Es gibt aber auch Argumente, die dagegen sprechen.

„Lügenpresse“ als Schimpfwort der Nazipropaganda

Das Wort „Lügenpresse“ kam im 19. Jahrhundert auf, als die Zeitungen an Einfluss auf die gesellschaftlichen Entwicklungen gewannen. Innerhalb Deutschlands war die Gesellschaft vom Klassenkampf geprägt. Proletariat gegen Bourgeoisie waren die Stichworte. Doch auch auf der internationalen Bühne gab es handfeste Medienauseinandersetzungen. Zur Zeit Kaiser Wilhelms II. wurde aus dem Ausland die deutsche imperiale Politik kritisch verfolgt. Schon damals beschimpfte man die ausländischen Zeitungen als Lügenpresse.

Es waren jedoch die Nazis, die das Wort „Lügenpresse“ als Propagandabegriff in alle Munde legten. Die Propagandamaschine von Joseph Goebbels benutzte dieses Wort inflationär. Während der nationalsozialistischen Diktatur galt alles als Lügenpresse, was nicht auf Linie war. Hinzu kam die unsägliche Verknüpfung antisemitistischer Ideologie mit angeblicher Medienkritik.

Besonders perfide an der Propaganda der Nationalsozialisten war, die Presse insgesamt als Lügenpresse zu verunglimpfen. Damit war die Vorstellung verbunden, dass Pressefreiheit nichts wert sei, weil sowieso alle lügen würden. Ein solch gefährlicher Kurzschluss war der erste Schritt zur Meinungsdiktatur.

Derselben Logik folgten alle autoritären und totalitären Systeme, vom Faschismus in Italien bis zum Stalinismus in der Sowjetunion und dem Maoismus in der Volksrepublik China. Meinungsvielfalt galt als sinnlos, weil nur eine Wahrheit geduldet wurde. Oder wie es in der DDR hieß: „Die Partei hat immer Recht.“

Von daher ist der Entschluss der Jury, das Wort „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres zu küren, in sich stichhaltig und logisch. Und dennoch ist diese Entscheidung höchst unglücklich getroffen. Denn sie kommt zu einer Zeit, in der das Vertrauen in die Leitmedien schrumpft und immer mehr Bürger es vorziehen, sich über alternative Medien im Internet zu informieren.

Warum die Wahl des Unwortes trotzdem unglücklich ist

Das Wort „Lügenpresse“ ist in den letzten Monaten nicht ohne Grund zur viel benutzten Vokabel geworden. 2014 war ein Jahr, in dem besonders auffällig der Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung zutage trat. Es gab viele Themen, die trotz ihrer Brisanz bewusst aus dem Fokus der Berichterstattung genommen wurden oder über die einseitig berichtet wurde. Die Einseitigkeit oder Lückenhaftigkeit der Berichterstattungen war für die Leser so offensichtlich, dass es zu Fluten von protestierenden Lederbriefen kam. Wichtige Online-Medien hatten temporär die üblichen Kommentarfunktionen ausgestellt oder erst gar nicht zugelassen.

2014 war auch das Jahr, in dem die Publikationen zum Thema Medienkritik zu Bestsellern wurden. Dies zeigt, wie in der Bevölkerung ein Bedarf wächst, sich zum kritischen Umgang mit den Medien zu informieren. Da gab es zunächst die öffentliche Diskussion um die Dissertation des Medienforschers Uwe Krüger. In seiner Arbeit über „Meinungsmacht: Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse“ (erschienen im Herbert von Harlem Verlag) zeigt der Autor die Einbettung wichtiger Journalisten, Redakteure und Herausgeber in transatlantische Netzwerke auf. Diese Doktorarbeit hat es immerhin geschafft, einen kleinen Fernsehskandal auszulösen. Denn nachdem die ZDF-Kabarett-Sendung „Die Anstalt“ von diesen Netzwerken berichtete, hat der Mitherausgeber der Zeit, Herr Josef Joffe, dagegen gerichtlich geklagt und schließlich verloren.

Der Erfolg eines anderen Buches ist ebenfalls Wasser auf die Mühlen der Medienkritik. Der ehemalige FAZ-Journalist Udo Ulfkotte legt mit seinem Werk „Gekaufte Journalisten: Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken“ (Kopp Verlag) ebenfalls den Finger in die Wunde der deutschen Presselandschaft.

Wenn angesichts der Flut an Medienkritik an mancher Stelle das Wort Lügenpresse gefallen ist, so ist dies oftmals geschehen, ohne dass die kritischen Zeitungsleser und Fernsehzuschauer sich der Historie dieses Begriffes bewusst sind. Vielmehr verleiht dieses Wort dem Zorn Ausdruck, der sich anstaut, wenn man sich von der Berichterstattung durch die Medien hinters Licht geführt fühlt. In diesem Kontext dieses Wort zum Unwort des Jahres zu küren, hat den Beigeschmack, als wolle man die Medien von einem Vorwurf entlasten. Und genau dies kommt zur Unzeit.

Auffällige Beispiele für Medienkampagnen

Das Topbeispiel des Jahres 2014 für bewusst unterlassene oder reduzierte Berichterstattung war das Thema rund um TTIP, CETA und TiSA. Angesichts der enormen Bedeutung dieser Wirtschafts- und Investitionsschutzabkommen ist das Verhalten der Presse höchst bedenklich. Immerhin handelt es sich um die größten transatlantischen Abkommen seit Gründung der NATO. Dennoch wurde das Thema durchgängig heruntergespielt oder übergangen. Proteste wurden marginalisiert.

Der Unterschied zwischen publizierter und öffentlicher Meinung wurde auch während der Ukrainekrise deutlich. Selbst für gestandene Politiker und Prominente war es schlicht unmöglich, ihre Meinung zur Krise klar und deutlich zum Ausdruck zu bringen, ohne in eine spezifische politische Ecke gestellt zu werden. Viele aufmerksame Leser fühlten sich beim Medienecho gegen Russland an die Kriegspropaganda vergangener Zeiten erinnert. Es ist jedem klar geworden, dass in den Medien ein neues Feindbild aufgebaut wird. Und dieses Feindbild ist Wladimir Putin. Das letzte Mal, als die Medien mit gleicher Einhelligkeit gegen einen Staatschef zu Felde zogen, war es gegen Saddam Hussein. Der ganzen Welt war damals klar, dass ein Feldzug gegen den Irak folgen würde. Und es kam, wie befürchtet.

„Putinversteher“ hätte eigentlich das Unwort des Jahres werden müssen. Denn mit diesem Wortmonstrum wurde es möglich, jemanden zu verunglimpfen, der versucht, jemand anderen zu verstehen. Es war auffällig, wie viele Überschriften und Schlagzeilen auf den Namen Putin ausgerichtet waren.

Schließlich war es völlig durchschaubar, wie bestimmte Protestbewegungen der Bevölkerung diffamiert wurden, bevor sie sich überhaupt endgültig formieren konnten. Da gab es zunächst die Mahnwachen für den Frieden, die von Beginn an überparteilich geplant waren. Doch viele Zeitungen einigten sich vorschnell darauf, die Demonstranten als Neurechte und Verschwörungstheoretiker zu verunglimpfen. Viele Friedensdemonstranten waren völlig fassungslos darüber, wie man eine harmlose Mahnwache für den Frieden so angreifen konnte.

Kurz vor Weihnachten gab es schließlich das Phänomen der Pegida-„Spaziergänge“ durch Dresden. Schnell waren sich die Leitmedien einig, dass es sich größtenteils um eine ausländerfeindliche Ansammlung von Rechtspopulisten, Rechtsradikalen und Rassisten oder nationalkonservativen Spießern und Wohlstandsverlierern handeln müsse. Eine Untersuchung der TU-Dresden hat unterdessen festgestellt, dass der durchschnittliche Pegida-Demonstrant in Dresden aus der Mittelschicht stammt und über eine gute Ausbildung und feste berufliche Stellung verfügt. Den meisten Demonstranten ist das Thema Einwanderungspolitik gar nicht so wichtig. Vielmehr äußert sich in den Demonstrationen ein allgemeiner Unmut über die Politik der Bundesregierung.

Kritische Leser gefragt

Die neue, bunte Medienwelt manipuliert die öffentliche Meinung mit allen Tricks und Raffinessen. Jedes Bild, jeder Text und vor allem jede Schlagzeile birgt die Gefahr der Manipulation. Man muss nicht lügen. Es reicht oftmals aus, eine Seite der Medaille zu verschweigen, um so einen verfälschten Eindruck von Ereignissen zu vermitteln.

Ein kleines Beispiel zum Abschluss: Ein Bild von den Politikern aus mehr als 50 Ländern, die nach Paris kamen, um auf der Solidaritätskundgebung für Charlie Hebdo zu demonstrieren, ging um die Welt und durch die Presse. Es zeigt Angela Merkel in einer Reihe mit Staatschefs wie Hollande oder Netanjahu. Sie führen, so der Eindruck, die Masse der 3,5 Millionen Demonstrierenden an. Doch der Eindruck trügt. In Wirklichkeit trafen sich die Politiker nur zum kurzen Fototermin in einer Seitenstraße – fern des Volkes. Solche Bildmanipulationen sind keine Ausnahmen. Sie begegnen uns ständig. Wir merken es nur nicht.

Kritische Leser, die Interesse an einer bewussten Aufklärung haben, werden sich daran gewöhnt haben, unterschiedliche Meinungsmedien parallel zu verfolgen. Die Wahrheit muss nicht immer in der Mitte liegen. Aber man kommt der Wahrheit näher, wenn man zuvor verschiedene Meinungen und Ansichten verglichen hat.

Sven von Storch

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