Untergang des Christentums im Vorderen Orient
Untergang des Christentums im Vorderen Orient
Datum: 03.06.2016 - 11:26 Uhr
Seit Jahrzehnten bahnt sich eine Katastrophe an. Das Christentum, das seit zweitausend Jahren im Vorderen Orient beheimatet ist, stirbt aus. Mit ihm gehen Kulturen, Stämme und Traditionen verloren. Tausende Menschen fürchten um ihr Leben. Sie fliehen oder flehen um Hilfe. Die Reaktionen der großen Kirchen und der Weltgemeinschaft bleiben erschreckend kühl. Außer Worte des Bedauerns gibt es nur wenige Bemühungen, den Untergang einer Kultur aufzuhalten. Viele Menschen scheinen nicht mehr zu wissen, wie sehr das Christentum zwei Jahrtausende lang den Vorderen Orient geprägt hat. Der Nahe Osten war niemals ein rein islamisches Gebiet. Doch nun droht er es zu werden.
Nachdem bereits während des Ersten Weltkrieges die Osmanen die Armenier in Massen vertrieben und deportiert hatten, sind seit vielen Jahrzehnten auch die unzähligen anderen christlichen Minderheiten des Nahen Ostens von Verfolgungen betroffen oder im Niedergang begriffen. Die Kopten in Ägypten, die immer wieder über Mordanschläge und Klöster-Zerstörungen klagen, die Maroniten im Libanon, die von einer Mehrheit im Lande zu einer schrumpfenden Minderheit geworden sind und deren Rechte immer mehr eingeschränkt werden, die Assyrer, Aramäer und Chaldäer mit all ihren Konfessionen in Syrien und im Irak, die aktuell von den radikal-islamischen Fundamentalisten verfolgt und oft brutal ermordet werden – sie alle zeugen vom Untergang einer zweitausend Jahre alten Tradition und von der einstigen kulturell-religiösen Vielfalt des Nahen und Mittleren Ostens. Zusammen mit den Jesiden und Zoroastriern gehen sie einem ungewissen dunklen Ende entgegen.
Mutlose und späte Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern
Es ist mittlerweile rund 100 Jahre her. Damals war das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg verwickelt. Es kämpfte an der Seite des Deutschen Reichen gegen Russland und die westlichen Alliierten. Eine wichtige Front zog sich durch Ostanatolien bis ins Gebiet des Kaukasus. Hier lebten nicht nur viele Kurden, sondern vor allem viele Armenier. Die jungtürkische Regierung warf den Armeniern vor, mit den vorrückenden Russen gemeinsame Sache zu machen. Dies war der offizielle Grund für die Massendeportationen von Armeniern nach Mesopotamien und Syrien, bei denen Hunderttausende ums Leben kamen. Parallel gab es im ganzen Osmanischen Reich Säuberungsaktionen und Massaker mit dem Ziel, Armenier aus gesellschaftlichen Positionen zu entfernen.
Das ganze Drama mündete in einen Völkermord, dem zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen. Doch die türkische Regierung zweifelt die Zahlen der Historiker an und weigert sich, das Schicksal der Armenier als Völkermord anzuerkennen. Die unterschiedliche Bewertung der Ereignisse aus den Jahren 1915 und 1916 belastet noch heute das Verhältnis zwischen Türken und Armeniern schwer.
Besser spät als nie, doch besonders mutig ist es nicht, wenn der Bundestag nun die Verbrechen an den Armeniern offiziell zum Völkermord erklärt. Das hätte schon Jahrzehnte eher passieren können. Es gab immer wieder Aufrufe und Aufforderungen, dies zu tun. Doch man zierte sich, aus Angst vor emotionalen Reaktionen aus Ankara. Andere Länder waren schneller, so zum Beispiel fast alle osteuropäischen Staaten, aber auch Frankreich, Italien, die Schweiz, Brasilien, Kanada und viele andere. In den USA haben mittlerweile 44 Bundesstaaten den Genozid als solchen anerkannt.
Ein seltsames Signal der Resolution des Bundestages ist es zudem, dass ausgerechnet Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Vize-Kanzler Sigmar Gabriel bei der entscheidenden Abstimmung nicht persönlich anwesend waren. Was soll das für eine Botschaft sein?
Der christliche Orient: Kaleidoskop der Religionskulturen
Die christliche Welt des Nahe und Mittleren Ostens war einst reicher und umfassender als viele glauben mögen. Im westlichen Volksmund herrscht oftmals das Vorurteil vor, dass der Orient seit dem Propheten Mohammed schon immer in der Hand des Islam war. Der Islam habe nach dieser Vorstellung sozusagen die altorientalischen Religionen abgelöst. Doch diese weit verbreitete Vorstellung stimmt nicht.
Tatsache ist, dass es bereits im ersten und zweiten Jahrhundert zahlreiche christliche Gemeinden im Mittelmeerraum und vor allem im Vorderen Orient gab. Der Apostel Markus soll persönlich das Christentum nach Ägypten gebracht haben. Ägypten, Palästina und Syrien waren sehr schnell christianisiert.
Viele Menschen des alten Ägypten erkannten im Christentum Aspekte ihrer eigenen uralten autochthonen Religion wieder: die Idee der Gottessohnschaft, die Rechenschaftsablegung beim Weg ins Jenseits, die Heilige Familie und die Idee der Wiederauferstehung. Überhaupt scheint zwischen altägyptischer Religion und frühem Christentum ein starker wechselseitiger Einfluss bestanden zu haben.
Immerhin kommt die Idee des Mönchstums aus dem frühchristlichen Ägypten nach Europa. Es waren Ägypter wie der Heilige Antonius, der als Einsiedler und Asket in der Wüste lebte, oder der Heilige Pachomius, der in Ägypten die ersten Klöster gründete. Bereits im dritten und vierten Jahrhundert war Ägypten von Klöstern und Kirchen übersät, die altägyptische Religion bis auf eine Enklave des Isis-Kultes auf der Nil-Insel Philae bei Assuan fast ausgestorben.
Schließlich war es der Wechsel der römischen Religionspolitik durch Kaiser Konstantin dem Großen und später die Spaltung des Römischen Reiches in das von Rom dominierte Westrom und das von Byzanz aus regierte Ostrom, die die Wende brachten. Unter den byzantinischen Kaisern war das Christentum Staatsreligion. Das strahlte auch auf die umliegenden Länder aus. Im ganzen östlichen Mittelmeerraum und sogar bis nach Mesopotamien und Arabien hinein wurden Kirchen gebaut. In Mekka und Medina gab es Christen und Juden. Und in Palästina war die Mehrheit der Bevölkerung christlich geworden.
Als im 7. Jahrhundert der Prophet Mohammed und seine Nachfolger, die Wahlkalifen, die arabische Halbinsel und dann den Vorderen Orient Schritt für Schritt eroberten, fanden sie eine Welt vor, die fast ausschließlich vom Christentum dominiert war. Lediglich im persischen Raum gab es eine zororastrische Mehrheit.
Falsche Vorstellungen vom orientalischen Mittelalter
In den ersten Jahrhunderten regierten die frühen islamischen Kalifen und ihre Statthalter über eine immer noch mehrheitlich christliche Bevölkerung. Selbst zur Zeit der Kreuzzüge gab es in vielen Regionen Syriens und Ägyptens noch christliche Mehrheiten. Es war also keineswegs so, dass die christlichen Kreuzfahrerstaaten des 12. und 13. Jahrhunderts ausschließlich vom Islam umgeben waren. Die Idee vom christlichen Abendland versus muslimisches Morgenland war ein Klischee. Der Orient war religiös und kulturell bunt. Der Islam spielte zwar politisch die dominierende Rolle, weil er die Religion der Herrscher und Eliten war, wurde aber nur sehr langsam zu einer Religion der Bevölkerungsmehrheit.
In Ägypten kippte die Mehrheit erst im späten Mittelalter. Doch selbst bis in osmanische Zeit blieben die koptischen Christen eine große Minderheit. Heute sind noch rund 10 Prozent der Ägypter Christen. Auch in Syrien kippte das Verhältnis erst spät. Und auch dort waren bis zum Bürgerkrieg rund 10 Prozent der Syrer Christen. Noch anfangs des 20. Jahrhunderts lag der Anteil der Christen in Syrien bei über 30 Prozent!
Wie sehr die Christen in Syrien vertreten sind, demonstriert die Vielfalt der dortigen Konfessionen: Vertreten in Syrien sind die griechisch-orthodoxe Kirche, die melkitische Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche, die syrisch-katholische Kirche, die alte maronitische Kirche, die sich bereits im 7. Jahrhundert abgespalten hatte, die armenisch-orthodoxe und armenisch-katholische Kirche, die assyrische Kirche, die chaldäische Kirche und schließlich das katholische Christentum.
Wenn die Islamisten im Nahen und Mittleren Osten weiterhin die Oberhand gewinnen, wird die ganze Region eine religiöse und kulturelle Monokultur werden. Im Kampf der islamischen Gruppierungen werden die Christen und andere Minderheiten wie Juden und Jesiden als Kollateralschaden verschwinden. Die Verfolgungen der Christen durch den „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien und im Irak sind brutal. Nicht nur die Kirchen und Klöster werden zerstört. Die Christen werden oftmals grausam getötet, Frauen und Kinder regelrecht versklavt. Und das im 21. Jahrhundert. Man mag es kaum fassen.
Für die Christen in den betroffenen Ländern ist es furchtbar. Sie verstehen nicht, warum ihr Schicksal bei den anderen christlichen Gesellschaften so wenig thematisiert wird. Sie begreifen nicht, warum es keine ausreichende Solidarität unter den Christen gibt. Doch ihr Schicksal bleibt ein Randproblem. In Deutschland wird eher über Kopftuchfragen diskutiert als über die Lage der Christen im Vorderen Orient. Dabei wünschen sich viele orientalische Christen nur eines: In ihrer mehrheitlich muslimischen Heimat wollen sie so viele Rechte haben wie die Muslime im mehrheitlich christlichen Europa.
( Schlagwort: GeoAußenPolitik )
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