Türkisch-kurdischer Konflikt macht alles komplizierter
Türkisch-kurdischer Konflikt macht alles komplizierter
Datum: 09.09.2015 - 10:56 Uhr
Was soll man davon halten? Als in der kurdischen Stadt Kobane im syrischen Grenzgebiet zur Türkei die Kämpfe tobten, die Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) mit äußerster Härte vorgingen, Zivilisten tausendfach flohen, hunderte Menschen getötet wurden – da standen die türkischen Panzer hinter der Grenze und warteten ab.
Das gleiche Spiel wiederholte sich mehrfach: Wann immer der IS in der Nähe der türkischen Grenze ein Blutbad anrichtete, hielten sich die türkischen Truppen zurück. Auch bei der Anti-Terror-Allianz hat sich das türkische Engagement in Grenzen gehalten. Erst sehr spät willigte man ein, Luftangriffe gegen den IS zu fliegen und den USA für ihre Drohnen und Lufteinsätze einen Flughafen zur Verfügung zu stellen.
Nun, da bei einem Anschlag 14 türkische Polizisten ums Leben gekommen sind, wagt die Türkei etwas, das sie sonst immer als Argument gegen eine Intervention angeführt hatte: Sie verletzt die Grenzen eines anderen Landes und setzt Bodentruppen im Nordirak ein – gegen Kämpfer der PKK. Damit wird wieder einmal ganz offenkundig, dass die Türkei die PKK als größere Bedrohung einstuft als den IS. Wie werden die Kurden darauf reagieren?
Wo liegen die türkischen Prioritäten?
Die türkische Führung unter Präsident Recep Tayyib Erdogan hat immer wieder klargestellt, dass sie die PKK mindestens genauso als Terrororganisation ansieht wie den IS. Doch wie steht es mit den anderen kurdischen Einheiten, der YPG in Nordsyrien und den vom Westen bewaffneten Peschmerga im Nordostirak? Wie lange wird die türkische Regierung diese Differenzierungen vornehmen können, wenn die Kurden sich insgesamt als Bevölkerungsgruppe von der Türkei bedroht fühlen? Wird dieser Konflikt sich auf eine Auseinandersetzung zwischen der türkischen Armee und der PKK beschränken oder zu einem türkisch-kurdischen Konflikt insgesamt ausweiten?
Wohin sollen die Kurden fliehen, wenn sie sich sowohl von der türkischen Regierung als auch vom IS und Assad-Regime bedroht fühlen? Wen sollen die westlichen Vermittler in der Region als Partner ansprechen, wenn es um die Bekämpfung des IS geht? Wird sich die bizarre Trennung in „gute“ Kurden (Peschmerga) und „böse“ Kurden (PKK) aufrechterhalten lassen? Und wie wird die Türkei mit den syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten der YPG (Yekîneyên Parastina Gel) umgehen, die historisch gesehen mit der PKK vernetzt sind?
Die Situation wird immer verworrener. Denn neben der syrischen YPG gibt es ja noch die „Kurdisch-Islamische Front“ (Al-Dschabha al-Islamiya al-Kurdiya), die ebenso wie der IS für einen radikal-islamischen Staat kämpft – zum Verdruss beispielsweise der säkularen Kurden und der jesidischen Kurden.
Kurden sind zwischen IS, Türkei und Iran isoliert
Wenn es um die Kurden geht, haben der Iran und die Türkei einen gemeinsamen Interessens-Nenner. Obwohl beide Staaten auf dem syrischen Kriegsschauplatz gegeneinander agieren, indem die Türkei sich gegen das Assad-Regime positioniert hat, der Iran jedoch Assad unterstützt, haben sie bei der Kurdenfrage ein gemeinsames Interesse, nämlich die Entwicklung eines selbständigen Kurdenstaates zu verhindern. Denn ein freies Kurdistan würde die kurdische Minderheit im Iran gegen das Regime in Teheran aufwiegeln. Immerhin leben im Iran rund 7-8 Millionen Kurden, das sind rund 10 Prozent der iranischen Bevölkerung.
Tatsächlich ist die kurdische Untergrundorganisation PJAK im Iran mit der PKK in der Türkei vernetzt und hat ebenfalls Stützpunkte im Nordirak. Daher ist es kein Wunder, dass es parallel zur türkischen Operationen gegen die PKK auf der östlichen Seite der Grenze prompt zur Konfrontation zwischen der PJAK und den iranischen Truppen gekommen ist.
Bisher waren die Kurden die tapfersten und erfolgreichsten Widersacher des IS. Doch sie sind zu isoliert. Der Westen kann die Kurden nur bedingt unterstützen, da er Rücksicht auf die Sicherheitsinteressen der Türkei nehmen muss.
Die Folge wird sein, dass vielen Kurden nur die Flucht bleibt – und zwar nach Europa. Hier beißt sich diese Entwicklung mit dem Wunsche, den Menschen vor Ort zu helfen, um größere Migrationsbewegungen zu verhindern.
Eine weitere Gefahr besteht darin, dass sich die Animositäten zwischen Kurden und Türken verstärkt auf Europa übertragen, wo beide Bevölkerungsgruppen stark vertreten sind. Die jüngsten Anschlagserien in der Türkei könnten dann auch andernorts ihre Fortsetzung finden.
( Schlagwort: GeoAußenPolitik )
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