Serbien in der Zwickmühle
Serbien in der Zwickmühle
Datum: 21.11.2014 - 11:26 Uhr
Belgrad steckt in der Zwickmühle. Zwar möchten die Serben gerne der Europäischen Union beitreten und vom gemeinsamen Wirtschaftsraum profitieren. Doch auf die traditionelle Freundschaft mit Russland wollen die Serben nicht verzichten. Oft genug in ihrer Geschichte war Russland der einzig verlässliche Bündnispartner Serbiens. Die Freundschaft zwischen Belgrad und Moskau hat mehr als strategische Gründe. Sie fußt auf uralte slawische Traditionen und die gemeinsamen Leidenswege in zwei grausamen Weltkriegen.
Doch die EU nimmt auf historische Befindlichkeiten keine Rücksicht. Wenn Serbien in die EU wolle, müsse es die Zugehörigkeit zur westlichen Wertegemeinschaft unter Beweis stellen. Das bedeutet, Serbien soll sich an den Sanktionen gegen die Russische Föderation beteiligen. Das gefällt den Serben nicht. Und den Russen auch nicht.
Die EU hat bereits in diesem Sommer einen Projektentwurf verworfen, an dem Länder wie Russland, Bulgarien und Serbien großes Interesse haben. Es handelt sich um die South-Stream-Pipeline, die Ergas aus Russland durch das Schwarze Meer und den Balkan in die EU befördern sollte. Einer der wichtigsten Anteilseigner des South-Stream-Projektes ist Gazprom. Und auf Gazprom ist die EU nicht gut zu sprechen.
Übrigens hat Gazprom sich bereits fleißig in Serbiens Erdölindustrie eingekauft. Doch nicht nur deshalb reagiert die EU verschnupft. Auch die serbische Neutralität und Zurückhaltung gegenüber Russlands Ukraine-Politik erregt im Westen so manche Gemüter. Wie kann ein so kleines Land seinen eigenen neutralen Weg gehen? Und das, nachdem die NATO es in den Jugoslawienkriegen gezüchtigt und gemaßregelt hat?
Angebliche Sorge um Russlands Machtstreben
Verschiedene westliche Politiker sorgen sich derweil um Russlands Griff nach anderen Ländern. Angela Merkel warnt vor Russlands Einflussnahme auf die Ukraine, Moldawien, Georgien und eben auch Serbien. Der Historiker Heinrich August Winkler äußerte am vergangenen Sonntag in der Talksendung von Günther Jauch die Sorge, Russland verfolge ein strategisches Kalkül, Europa zu spalten.
Dass umgekehrt auch der Kreml den westlichen Griff nach diesen Ländern befürchtet, weil es sich entweder um ehemalige Sowjetrepubliken an Russlands unmittelbaren Grenzen handelt, oder aber – wie im Falle Serbiens – um traditionelle Bündnisfreunde, scheint den EU-Politikern weniger erwähnenswert zu sein.
Dabei verrät der Blick auf die Karte die Ausbreitung der NATO-Einflusszonen nach dem Ende des Kalten Krieges. Nicht nur alle ehemaligen Bündnispartner des einstigen Warschauer Paktes sind mittlerweile Mitglied der NATO geworden, sondern selbst die ehemaligen Sowjetrepubliken des Baltikums. Doch von dieser Entwicklung habe Russland angeblich nichts zu befürchten.
Die Achse Moskau – Belgrad
Zurück zu Serbien. Die panslawische Achse zwischen Moskau und Belgrad hat eine lange historische Tradition. Das sieht man schon an der Flagge: Serbiens Nationalflagge – rot, blau, weiß – entspricht der auf dem Kopf gestellten russischen Flagge.
Während Slowenien und Kroatien über Jahrhunderte eine stärkere Orientierung an Italien und Österreich entwickelt haben, mehrheitlich katholisch sind und sich des lateinischen Alphabetes bedienen, sind die Serben mehrheitlich Anhänger der orthodoxen Kirche und schreiben hauptsächlich in kyrillischer Schrift.
Die serbisch-russische Freundschaft war ein elementares Glied in der Kette der Ereignisse, die vor hundert Jahren zum Ersten Weltkrieg führten. Das Attentat von Sarajevo am 28. Juli 1914 eskalierte deshalb zum Weltkrieg, weil das Deutsche Reich von seinem Bündnispartner Österreich-Ungarn ein hartes Vorgehen gegen Serbien gefordert hatte. So war schnell klar, dass der österreichisch-serbische Konflikt auch einen Krieg zwischen Deutschland und Russland hervorrufen würde. Im Ersten Weltkrieg kämpften übrigens Kroaten und Slowenen in der k.u.k Armee gegen Serben.
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Donaumonarchie wurde der Vielvölkerstaat Jugoslawien gegründet. Serbien spielte in diesem neuen Staat von Anfang an die dominante Rolle. Belgrad wurde Hauptstadt.
Dann kam der Zweite Weltkrieg. Im Balkanfeldzug 1941 rückte die deutsche Wehrmacht in Jugoslawien ein. Im Norden des Landes wurde ein kroatischer Marionettenstaat eingerichtet, eine Art Großkroatien, das auch Teile Bosniens und Serbiens einschloss.
Der ideologisch-propagandistische Feind dieses aggressiven Feldzuges war Serbien. Auch wenn der antifaschistische Widerstand aus allen Bevölkerungsteilen des ehemaligen Jugoslawien kam, so war er mehrheitlich von serbischen Partisanen getragen. Auch die Jugoslawische Volksbefreiungsarmee von Josip Broz Tito war mehrheitlich von Serben gebildet. Sie zahlten den höchsten Blutzoll.
Es war schon erstaunlich, wie schnell in den Jugoslawienkriegen der 1990er Jahre die alten Wunden, Gräben, Ressentiments und Orientierungen wieder hervorbrachen. Während einerseits der Westen, allen voran Deutschland, gar nicht schnell genug die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens anerkennten konnte, wurde andererseits die Achse zwischen Belgrad und Moskau erneuert.
EU stellt Serbien vor eine ähnliche Zerreißprobe wie die Ukraine
Und heute? Es gibt nach wie vor eine enge Bindung zwischen Serbien und Russland. Wer sollte es ihnen verübeln? Haben diese Länder nicht das Recht, sich ihrer gemeinsamen Wurzeln und historischen Erfahrungen zu besinnen und auf ihre Art und Weise miteinander zu kooperieren?
Nun wird Serbien genauso wie die Ukraine vor eine Zerreißprobe gestellt. Entweder EU oder Russland. Und wieder wird eine Chance vertan, neutralen Ländern die Funktion einer Brücke zwischen Ost und West zuzugestehen, einer Brücke des Friedens in Europa.
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