Politik und Medien hacken auf Dresdner Demonstranten ein
Politik und Medien hacken auf Dresdner Demonstranten ein
Datum: 05.10.2016 - 10:54 Uhr
Sie wurden in den Titeln vieler einschlägiger Zeitungen als Pöbel und Störer sogar als Loser beschimpft: die Dresdner Demonstranten am Tag der deutschen Einheit. Gegen die Regierung zu demonstrieren, scheint heutigentags nicht mehr opportun zu sein. Aber damals war es okay. So klang der Tenor der deutschen Politikelite, die sich zum Fest versammelt hatte. In diesen Chor stimmte die Mainstream-Presse mit ein.
Obwohl Gewalt und Zerstörung ausblieben, wurde den „Merkel-muss-weg!“-rufenden Demonstranten mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den linken Aktivisten, die in den vergangenen Wochen und Monaten Polizeiautos in Flammen aufgehen ließen und bei Demonstrationen Steine warfen. Was soll man davon halten? „Merkel muss weg“ zu rufen ist schlimmer als Steine zu werfen und Fensterscheiben einzuschlagen?
Nichts hören, nichts sehen: Das Politestablishment reagiert realitätsfremd
Geschichte ist eine Ansammlung von Déjà-vu-Momenten. Menschen demonstrieren auf der Straße. Und das politische Establishment echauffiert sich ob der Frechheit der Menschen, gegen die Regierung aufzubegehren?
Als 1789 die französischen Bürger in Paris demonstrierten, weil sie kein Brot mehr zum Essen hatten, soll Marie Antoinette vorgeschlagen haben, das Volk solle doch Kuchen essen. Inwieweit die Worte, die der Prinzessin in den Mund gelegt wurden, historisch korrekt sind oder nicht, sei dahingestellt. Wahr ist jedoch, dass das Zitat passend den Hochmut und die weltfremde Haltung des von der Realität abgekapselten Hofstaates von Versailles widerspiegelt. Die Geschichte hat die französische Adelselite eines Besseren belehrt.
Als 1989, genau zweihundert Jahre später, die Bürger der ehemaligen DDR auf die Straßen gingen, um gegen das SED-Regime zu protestieren, feierten die Autokraten des „Arbeiter- und Bauernstaates” ihr vierzigjähriges Jubiläum. Michail Gorbatschow, der zum Anlass der Feierlichkeiten nach Ost-Berlin gereist war, ließ seine berühmte Anmerkung fallen: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Nur wenige Monate später wurde das SED-Regime von der Geschichte eingeholt.
Am Tag der deutschen Einheit 2016 beweihräucherten sich die weltentrückten Politiker mit gedankenschweren Reden in der Dresdner Frauenkirche und verurteilten die demonstrierenden Bürger vor der Kirche mit drastischen Worten. Gleichzeitig huldigten sie der Demokratie-Bewegung, die zur friedlichen Revolution von 1989 geführt hatte. Weder Joachim Gauck noch Angela Merkel waren damals an der Spitze der Bewegung gewesen. Sie waren zögernde Trittbrettfahrer.
Es waren die Menschen, die 1989 in Dresden auf die Straße gingen und mutig gegen die NVA und Polizei aufmarschierten und „Wir sind das Volk!“ riefen, die den Wandel brachten. Nun müssen sich die Dresdner Bürger von einstigen Trittbrettfahrern und Nutznießern der Wende beschimpfen lassen. Protest war damals gut, weil es gegen Honecker ging? Protest ist heute schlecht, weil es gegen Merkel geht?
Auch heute scheinen sich die Regierungs-Politiker der Stimmung großer Teile der Bevölkerung nicht bewusst zu sein. Doch auch sie sind längst von der Geschichte eingeholt worden: Nun gibt es eine neue Partei, die den Regierungsparteien von Wahl zu Wahl die Wähler entzieht.
Die Demonstranten von 1968 und die Demonstranten von heute
Einst waren es die 1968er, die in Scharen auf die Straße gingen, um gegen die Regierung der damaligen großen Koalition zu demonstrieren. Die meist jungen Studenten gingen gegen Korruption, für eine friedliche Ost-West-Politik und gegen den Vietnamkrieg auf die Straßen. Von der deutschen Presse wurden sie in Grund und Boden geschrieben. Die Axel-Springer-Presse war sich keiner harten Wortwahl zu schade. Die Politiker beschimpften die Demonstranten.
Die Demonstranten von einst sind das Establishment von heute geworden.
Heute sind es Menschen vor allem aus dem bürgerlichen Lager, die gegen die Regierung der großen Koalition demonstrieren. Auch sie kritisieren die Korruption im Lande, rufen nach Entspannungspolitik gegenüber Russland und demonstrieren gegen die Kriege im Nahen Osten. Von der deutschen Presse werden sie in Grund und Boden geschrieben. Die Axel-Springer-Presse ist sich keiner harten Wortwahl zu schade. Die Politiker beschimpfen die Demonstranten.
Wie sehr sich die Zeiten doch gleichen ...!
Man muss nicht rechts sein, um Merkel zu kritisieren
Erstaunlich schnell stellten die Mainstream-Meiden alle Demonstranten erneut in die rechte Ecke. Weil einige Menschen der Pegida-Bewegung zugerechnet wurden, stempelte man auch alle anderen Demonstranten als Pegida-Anhänger ab.
Die Kritik an der Politik von Angela Merkel ist kein rechtes Phänomen, sondern zieht sich durch alle Teile der Bevölkerung. Diese Tatsache wird in der medialen Berichterstattung stets vertuscht, indem die Demonstranten mit einem Etikett versehen werden. 1969 waren es die Linken. Heute sind es die Rechten.
Die Etikettierung ist gefährlich, weil sie die Spaltung der Gesellschaft vertieft. Es sind nicht die Demonstranten, die die Spaltung der deutschen Gesellschaft provozieren, sondern es sind die Politiker und die Presse, die den Demonstrationen Label verpassen, um sie besser verbal attackieren zu können.
Die Bürgerbewegung in der Endphase der DDR kannte auch kein rechts oder links. Hier war das Volk nahezu geeint in der Frage, dass sich etwas ändern muss. Dies ist exakt die Forderung, die sehr viele Menschen aller Schichten, Milieus und Berufsgruppen eint: Sie wollen eine Veränderung. Um wirkliche Veränderungen in diesem Lande zu erreichen, muss Angela Merkel den Weg frei machen für neue Politiker mit neuen Ideen. Daher rufen die Menschen: Merkel muss weg.
Meinungsfreiheit beweist sich um Umgang mit entgegengesetzten Meinungen
Was taugt die Meinungsfreiheit, wenn sie nur für Menschen gilt, die die Meinung der Regierung teilen? Wie sehr die Meinungsfreiheit im Lande wirklich zählt, erkennt man daran, wie mit Menschen anderer Meinung umgegangen wird. Zwar wird niemandem die Meinungsäußerung verboten. Doch man benutzt andere Methoden, um Menschen mit anderer Meinung einzuschüchtern. Dazu gehören das Beschimpfen, das Diffamieren, das Bloßstellen und das Zensieren.
Für viele Bürger ist es schwer verständlich, wenn islamistische oder linke Meinungsäußerungen mit äußerster Vorsicht und Samthandschuhen angefasst werden, weil das Prinzip der politischen Korrektheit gilt, aber gleichzeitig Kritik an der Asylpolitik von Angela Merkel wie ein Tabu behandelt wird. Das Ergebnis ist nicht Hass, wie Merkel es der Öffentlichkeit einzureden versucht, sondern Zorn. Die Bürger sind es leid, übergangen zu werden.
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