Peak Oil_ Wenn fossile Rohstoffe knapp und teuer werden
Peak Oil_ Wenn fossile Rohstoffe knapp und teuer werden
Datum: 08.07.2022 - 08:45 Uhr
[Dieser Artikel des ISSB e.V. erschien bereits am 07.07.2014 auf der »Freien Welt«. Aus aktuellen Gründen wird er nochmal abgedruckt.]
1956 schockte der Geologe und Erdölexperte M. K. Hubbert die Welt. Seine Erkenntnis: Die globalen Ressourcen an fossilen kohlewasserstoffhaltigen Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle sind endlich. Seine Beobachtung: Nach jeder Entdeckung eines neuen Ölfeldes steigt die Förderung zunächst an, verbleibt dann kurzzeitig auf einem hohen Niveau, um schließlich unumkehrbar abzufallen. Das Fördermaximum eines Ölfeldes ist somit lange erreicht, bevor es erschöpft ist.
Das hat folgende Gründe: Am Anfang muss das Ölfeld erschlossen werden. Dazu braucht man zahlreiche Probebohrungen, um das Ausmaß abzuschätzen. Zu Beginn ist der Druck des Öllagers am höchsten. Das Öl schießt aus dem Boden und ist leicht zu fördern. Ist das Ölfeld komplett erschlossen, erreicht die Produktion ihren Höhepunkt. Schließlich sinkt die Produktion. Denn das verbliebene Restöl ist nur noch unter hohem Energieaufwand zu fördern.
Nach der Peak-Oil-Theorie wird irgendwann ein weltweites Ölfördermaximum erreicht sein, und zwar dann, wenn der Großteil der Ölquellen den Peak – also den Gipfel – überschritten hat. Dann fällt die globale Erdölproduktion ab. Oft wird »Peak Oil« missverstanden. Denn es bedeutet nicht, dass das Öl in naher Zukunft bis auf den letzten Tropfen komplett verbraucht sein wird. Es bedeutet lediglich, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Steigerung der Produktion bzw. Förderung mehr möglich ist.
Für eine auf fossile Ressourcen basierende Industriezivilisation bedeutet dies den Verzicht auf Wirtschaftswachstum. Denn die boomenden Wirtschaftsnationen Asiens sind mindestens ebenso hungrig nach Energie und Rohstoffen wie Europa und Nordamerika. Bei einer Verknappung der Ölreserven und einem Abfall der Fördermengen ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Wirtschaftssystem darauf reagiert. Auf »Peak Oil« folgt zeitverzögert der ökonomische »Tipping Point«. Dann droht der totale Kollaps.
Erdölproduktion hat in vielen Ländern bereits den Peak erreicht oder überschritten
Einige der größten Ölfelder der Welt haben bereits ihr Fördermaximum überschritten, vermutlich sogar das berühmte Ghawar-Feld in Saudi-Arabien. Saudi-Arabien und Russland sind derzeit die größten Erdölproduzenten der Welt.
Problematisch an der Peak-Diagnose ist, dass sie erst einige Jahre später verifiziert werden kann. Denn zunächst muss abgeklärt werden, ob es sich um kurzfristige Produktionsschwankungen handelt oder um die Anzeichen eines langfristigen Niedergangs. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Transparenz in der Energiepolitik. Nach einer OPEC-Regel muss die Maximalförderung pro Jahr in einem bestimmten Verhältnis zu den offiziell angegebenen Reserven stehen. Es wird befürchtet, dass einzelne Staaten diese Zahlen und Statistiken manipulieren, um ihre Jahresfördermenge auf einer gewünschten Höhe zu halten.
Irak und Iran haben mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr Fördermaximum noch vor sich. Beide Länder verfügen nach Saudi-Arabien über die größten Ölvorkommen der Welt. Daher ist die politische Situation in diesen Ländern von internationalem Interesse. Weiterhin stehen vermutlich noch Länder wie Kasachstan, Libyen, Sudan, Aserbaidschan, Katar und Algerien vor dem Fördermaximum. Dagegen haben viele andere Länder ihr Fördermaximum bereits erreicht oder überschritten, darunter Syrien (1995), Argentinien (1998), Venezuela (1998), Australien (2000) oder Oman (2001).
In Europa war »Peak Oil« schon vor Jahrzehnten erreicht worden. Lediglich die Ölfunde in der Nordsee haben für einen temporären Aufschub gesorgt. Doch auch deren Tage sind gezählt. Norwegen erreichte das Fördermaximum 2001, Großbritannien 1999. Deutschland hatte bereits in den 1960er Jahren die Maximalförderung überschritten. Rund zwei Drittel des europäischen Erdölbedarfs müssen importiert werden. Die Tendenz ist steigend. Selbst Großbritannien ist mittlerweile vom Nettoexporteur zum Nettoimporteur geworden.
In den USA war das Fördermaximum des leicht zu fördernden texanischen Öls bereits in den 1970er Jahren eingetreten. Neuerdings werden jedoch wieder erhebliche Steigerungen der amerikanischen Erdölproduktion verkündet. Grund hierfür sind die Förderungen des schwer erreichbaren Öls, dessen Exploration sich damals wirtschaftlich noch nicht gerechnet hatte. Die Fördertechnologien sind vorangeschritten. Auch das umstrittene Fracking hat seinen Anteil an der Entwicklung. Mittlerweile träumt Nordamerika von »Energy Independence«. Hauptgrund für diese Euphorie sind die riesigen Ölsandfelder von Alberta im Westen Kanadas. Problematisch bleiben jedoch die steigenden Kosten der Ölgewinnung und die nachhaltigen Beeinträchtigungen für die Umwelt.
Wann lohnt sich Erdölförderung?
Öl zu fördern lohnt sich nur, wenn die zur Förderung aufgebrachte Energie deutlich geringer ist als die gewonnene Energie. Kurz: Muss man eine Tonne Öl an Energie aufwenden, um hundert Tonnen Öl zu gewinnen, lockt das große Geschäft. So war es noch vor einem halben Jahrhundert. Wenn man jedoch für die aufgebrachte Energie unterm Strich nur wenig mehr an Energie in Form von Öl herausbekommt, wird die Gewinnmarge zu klein. Die Unternehmungen rechnen sich dann nicht mehr.
Neue entdeckte Ölquellen sind in den seltensten Fällen leicht auszubeutende konventionelle Ölfelder. Heutzutage handelt es sich zumeist um solche in schwer zugänglichen Terrains. So wurden beispielsweise vor der Küste Brasiliens Ölvorkommen entdeckt. Doch um zu diesen Tiefseelagerstätten vorzudringen, müssen 2.000 Meter Meerestiefe überwunden und 4.000 Meter Gestein durchbohrt werden.
Die Katastrophe der Ölplattform »Deepwater Horizon« im Jahre 2010 hat der Welt die Augen geöffnet, wie gefährlich und kostspielig es werden kann, Öllager in der Tiefsee anzuzapfen. 670.000 Tonnen Erdöl waren damals ausgetreten. Große Teile des Golfes von Mexiko wurden verschmutzt. Auch Brasilien hat Erfahrungen mit Ölkatastrophen. 2001 ereigneten sich zwei Explosionen auf der Ölplattform Petrobas-36. Die Plattform kippte und versank im 1,3 Kilometer tiefen Meer.
Bei der Vergabe der Förderrechte vor der Küste Brasiliens haben sich diesmal Konzerne wie BP, Exxon und Chevron zurückgehalten. Den Zuschlag bekam ein Konsortium aus Shell, Total, der brasilianischen Petrobras und der chinesischen Unternehmen CNPC und CNOOC.
Wachsender Welthandel ist ohne steigende Ölförderung nicht denkbar
Kiwis aus Neuseeland? Rindersteaks aus Argentinien? Computer aus China? Eine Urlaubsreise in die Karibik? Die Globalisierung gründet auf wachsenden Welthandel. Steigende Rohölpreise würden dieser Entwicklung Grenzen setzen. Exporte tragen sich nicht, wenn die Transportkosten die Preisvorteile günstiger Produktion überdecken. Die Rückkehr zu einer verstärkten lokalen Produktion wäre eine logische Konsequenz. Das ist allerdings nur der harmlose Anfang.
Viel mehr Besorgnis erregt der Umstand, dass unsere Wirtschaft systemisch auf Wachstum angewiesen ist. Allein das Wirtschaftswachstum Chinas, Indiens und Südostasiens stellt die Welt auf eine harte Probe. Die Versorgung mit Energie und Ressourcen wird auf Dauer nicht Schritt halten können, um den Wirtschafts- und Finanzerwartungen Rechnung zu tragen.
Die Konflikte der Zukunft werden Rohstoffkriege sein
Das 20. Jahrhundert war bis in die 1970er Jahre vom Fortschrittsoptimismus geprägt. Politische und internationale Konflikte waren zu einem großen Teil ideologischer Natur. Damals stieg die Ölförderung expotential. In den Augen der Öffentlichkeit schien der Rohstoff unendlich zu sein. In der Zukunft jedoch werden Rohstoffverknappungen und Ressourcenzugänge der Hauptfaktor für Konflikte und Kriege sein. In diesem Kontext erklärt sich, warum trotz Beendigung des Kalten Krieges die weltweiten Rüstungsausgaben erheblich gestiegen sind.
Anmerkung: Der Artikel wurde 2014 geschrieben, doch die grundlegenden Probleme sind heute immer noch dieselben: Wenn die Ressourcen immer knapper werden und deren Förderung immer teurer und somit nicht mehr rentabel wird, fehlen der Weltwirtschaft die Grundstoffe für die Industrie. Ohne sie bricht das Wirtschaftswachstum ein und mit ihr das auf Pump gestützte Finanzsystem.
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