Ostasien auf der Überholspur. EU auf dem Abstellgleis
Ostasien auf der Überholspur. EU auf dem Abstellgleis
Datum: 14.11.2017 - 10:10 Uhr
Ostasien ist eine Welt voller Wirtschaftswunder. Nach Japan hängen nun auch Singapur, Südkorea, Taiwan und die Volksrepublik China den Westen ab. Der wirtschaftliche Schwerpunkt der Weltwirtschaft wandert mit nie dagewesener Geschwindigkeit zurück nach Asien. Glitzernde Wolkenkratzer, saubere Städte, moderne Verkehrsinfrastruktur – all das entwickelt sich in Asien im Rekordtempo. Im sauberen Shanghai fährt man mit der Magnetschwebebahn zum Flughafen. In verschmutzten Berlin wird der neue Flughafen nicht fertig. Deutlicher und symbolträchtiger kann der Vergleich nicht sein.
Experten aus den USA und Europa warnen und mahnen. Doch die EU und ihre Mitgliedsstaaten blicken verständnislos nach Osten. Sie wollen zwar reagieren. Doch das Wichtigste wollen sie anscheinend nicht: von Ostasien lernen. Genau diese Nachlässigkeit wird Europa zum Verhängnis werden.
Wer erfolgreich sein will, muss von den Erfolgreichen lernen. Während in Ostasien das Ziel der wirtschaftlichen Prosperität die Richtung vorgibt, werden in Europa die Ziele ideologisch definiert.
China hat sich fest zum Ziel gesetzt, die USA wirtschaftlich, technologisch und militärisch zu überholen. China verfolgt knallhart eigene nationale Interessen. Dabei wird eine exakt dosierte Mischung aus merkantilistischem Protektionismus und offener Marktwirtschaft eingesetzt. Die chinesische Gesellschaft soll sich dabei möglichst »harmonisch« nach konfuzianischem Ideologie-Vorbild entwickeln.
Die EU hat sich dagegen fest zum Ziel gesetzt, eine multikulturelle und offene Gesellschaft zu werden. Statt »Harmonie« gilt »Diversität« als Idealbild. Wirtschaftlich sollen über internationale Abkommen alle nationalen Eigeninteressen einer globalistischen Politik weichen.
Die Chinesen sind fest davon überzeugt, dass ihr System das erfolgreichere ist. Jedes neue Kalenderjahr gibt ihnen recht. Europa schaut dieser Entwicklung seit fast 40 Jahren zu. Doch noch immer ist die EU von der Überlegenheit ihres eigenen Modells überzeugt. Man weigert sich, vom Osten zu lernen. Diese Sturheit ist gefährlich und dumm. Die Zukunft gehört den Lernfähigen.
Wie Japan vom Westen lernte
In den Jahren 1871 bis 1873 schickte das Kaiserreich Japan eine Gesandtschaft nach Europa und Nordamerika. Es handelte sich um die sogenannte Iwakura-Mission. Ziel war es, vom Westen zu lernen. Die Japaner wollte wissen, wie die Amerikaner, Briten, Franzosen und Deutschen ihre Zivilisation, ihre Wirtschaft und ihr Militär aufgebaut und organisiert haben.
Besonders beeindruckt waren die Japaner von Deutschland. Denn Deutschland hatte gerade wie Japan eine historische Phase innerer Zersplitterung überwunden und trat neu als Nationalstaat auf. Zurück in Japan, setzten sich die Japaner sofort ans Werk, ihr Land zu reformieren. Innerhalb kürzester Zeit wurde Japan eine Industriemacht.
Bereits 1904/05 war die Welt überrascht, wie Japan mit einer modern ausgerüsteten Armee die Russen zu Lande und zu Wasser militärisch bezwingen konnten. Damit war Japan das einzige nicht europäisch-westlich Land, dass bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in die Riege Industrienationen aufgestiegen ist. Trotz der Niederlage im Zweiten Weltkrieg ist Japan bis heute eines der fortschrittlichsten Länder der Erde geblieben. Sowohl technologisch als auch hinsichtlich des Lebensstandards belegt Japan Spitzenpositionen. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist hoch, die Kriminalität niedrig.
Wie China von Japan, Taiwan und Singapur lernte
Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die Volksrepublik China zunächst dem Vorbild der Sowjetunion. Doch die Politik von Mao Zedong führte zu Misserfolgen. Vom »Großen Sprung nach vorn« bis zur »Kulturrevolution« rutschte das Land von einer Katastrophe zur anderen.
Man lernte dazu. Unter Deng Xiaoping änderte China seine Richtung. Man orientierte sich an anderen Vorbildern. Japan, Hongkong, Singapur und Südkorea hatten den Sprung in die Weltwirtschaft geschafft. Wenn die das schaffen, können wir das auch – dachte man sich in Peking.
Statt wie bisher mit einem Generalplan für das ganze Land vorzugehen, errichtete man sogenannte »Sonderwirtschaftszonen« ein, um unterschiedliche Wirtschaftsformen zu testen. »Den Fluss durchqueren, indem man mit dem Fuß jeden Stein erfühlt«, nannte man dieses Prinzip. In der Nähe von Hongkong richteten die Chinesen die Sonderwirtschaftszone von Shenzhen ein. Die Bevölkerung der Stadt wuchs innerhalb von 30 Jahren von 300.000 Einwohner auf 13 Millionen an. Hier begann das moderne chinesische Wirtschaftswunder. Nach und nach wurden neue Sonderzonen errichtet. Dabei hat sich China niemals völlig den Handels- und Finanzmärkten geöffnet, sondern immer die Regie behalten. Wer Zugang zum chinesischen Markt haben wollte, musste im Gegenzug Knowhow abgeben.
In der Technologie machte China das, was Japan, Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong vormachten. Man fing zunächst an, westliche Produkte zu kopieren, um sie billiger auf den Markt zu bringen. Dann baute man darauf auf und widmete sich Schritt für Schritt dem technologischen Fortschritt.
Ist Europa nicht mehr lernfähig?
Europa und die USA haben dagegen ein- und denselben Fehler stets erneut wiederholt, wie ein Kind, das nicht lernfähig ist. Immer wieder hat man sich darauf berufen, dass die Produkte aus Ostasien von schlechterer Qualität seien. Man bräuchte nur auf Qualität statt auf Quantität zu setzen, hieß es. Doch Europa und die USA wurden stets eines Besseren belehrt. Zuerst holte Japan technologisch auf, dann folgten Taiwan und Südkorea. Nun ist es China. Die Chinesen haben sich fest vorgenommen, bis 2025 in zehn Schlüsseltechnologien, darunter Robotik und künstliche Intelligenz, weltweit führend zu sein. Experten zweifeln nicht daran, dass die Chinesen ihr Ziel bis 2025 erreichen werden.
Wenn Ostasien nicht nur billiger, sondern qualitativ ebenso hochwertig produziert wie Europa und die USA, dann hat der Westen endgültig ausgedient.
Dann hilft es auch nicht, sich auf Dienstleistungen zu berufen. Der Finanzsektor wird ebenfalls kein sicheres Standbein sein. Denn China setzt in Partnerschaft mit Russland alles daran, die eigene Währung zur Weltleitwährung auszubauen und mittels riesiger Goldreserven abzusichern. Im Gegensatz zu Europa will China sich nicht dem internationalen Finanzsystem unterordnen, sondern dessen Regeln neu definieren.
Europa hat keine Kraft mehr, eigene Ziele und Interessen zu definieren und diese knallhart umzusetzen. Die EU unterwirft sich einer von außen definierten Globalisierung und faulen Kompromissen unterschiedlicher Lobbygruppen.
Es gibt keine Strategien, um die eigene Position in der Welt zu verteidigen. Einen Vorgeschmack auf die europäische Ideologiedekadenz gibt die Abhandlung »Dialoge der Zukunft. Vision 2050«. Dort heißt es unter anderem: »Wir leben im Jahr 2050 in einer Welt, die keine (Staats)Grenzen mehr kennt.« Und: »Budgets werden global vergeben. Gelder werden somit international aufgeteilt.« Glaubt man in Europa wirklich, dass Asien hier mitspielt, wenn es am längeren Hebel sitzt und Europa am kürzeren?
China hält an Traditionen und am Patriotismus fest – Europa gibt sich selbst auf
In China hat man ein klares Verständnis dafür, wie eine gesunde Gesellschaft und Familie aussehen sollen. Die Ideale des Konfuzianismus werden gerade wiederentdeckt. Familienwerte erleben eine Renaissance.
Das europäische Ziel beschreibt »Dialoge Zukunft. Vision 2015« folgendermaßen: »Das traditionelle Bild der Familie gibt es nicht mehr. Die Menschen werden in großen 'Familiengemeinschaften' zusammen leben, ohne unbedingt verwandt zu sein. Kinder werden von mehreren Elternteilen mit unterschiedlichen sexuellen Hintergründen behütet. Die Gleichheit des Liebens, egal von welchem Geschlecht, ist auf allen Ebenen festgeschrieben. Daher wurde die Ehe abgeschafft.«
China hat für sich den Patriotismus wiederentdeckt. Überall huldigt man der Nation und ihrer Geschichte, ihrer Armee und ihrer Führung. Für Europa gilt für 2050 folgende Vision: »Wir verstehen uns jetzt als Europäer, nur noch in manchen Köpfen ist das Wort Deutscher, Engländer oder Franzose verankert. Die Kinder unserer Nationen lernen nur noch, dass sie in einem Staat von Europa leben, welcher Staat das ist, ist irrelevant geworden.«
Die Perspektiven sind eindeutig: China ist hungrig. China ist auf dem Weg zur Weltmacht. Europa gibt sich selbst auf. Europa hat den Wettstreit bereits aufgegeben, bevor er begonnen hat. Nur eine völlige Kehrtwende in der Politik kann noch retten, was zu retten ist.
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