Nein, Herr Präsident. Wir wollen keinen Krieg!
Nein, Herr Präsident. Wir wollen keinen Krieg!
Datum: 12.04.2018 - 08:53 Uhr
Bei einem Chemiewaffeneinsatz in der syrischen Stadt Duma in der Region Ost-Ghouta sollen am Samstag mehr als 40 Menschen ums Leben gekommen sein. Hunderte mussten ärztlich behandelt werden. Die Angaben stammen von der Hilfsorganisation »Weißhelme«. Das war ein grausamer Akt. Doch wer steckt wirklich dahinter? Und darf man darauf einen »Casus Belli«, einen Grund zum Krieg machen, der sich international ausweiten könnte?
Wortgefechte und Kriegsvorbereitungen laufen auf Hochtouren
Trump nennt Assad ein Tier und droht mit Marschflugkörpern. Putin droht mit Konsequenzen und Vergeltung. Macron und May stimmen ins Kriegskonzert mit ein. Und Deutschland soll mitmischen.
Die syrische Armee ist in Alarmbereitschaft versetzt. In Russland wird die Bevölkerung emotional auf einen Krieg eingestimmt. Großbritannien hat Kampfflugzeuge nach Zypern verlegen lassen. Dort stehen sie für den Luftschlag gegen Syrien einsatzbereit. In Jordanien und im Roten Meer werden militärische Einheiten aus den USA und mehreren nahöstlichen Staaten zusammengezogen. Dort sollen in den nächsten Tagen große CENTCOM-Truppen- und Marineübungen stattfinden.
Der russische Botschafter im Libanon, Alexander Sasypkin, erklärte, dass die Russen im Falle eines Angriffes auf Syrien amerikanische Marschflugkörper abschießen würden. Auch die Startvorrichtungen würden abgeschossen werden – selbst wenn es sich um US-Kriegsschiffe handele. Grundsätzlich lehnen sowohl Russland als auch der Iran einen US-Marschflugkörpereinsatz kategorisch ab. Die »Twitter-Diplomatie« von Trump mit seinen markigen Worten wird als gefährlich eingestuft.
Trump, May und Macron haben miteinander telefoniert und sich auf harte Reaktionen geeinigt. Russland reagierte mit der Erklärung, dass der Chemiewaffeneinsatz ein Fake-Angriff der syrischen Rebellen gewesen sei. Moskau und Damaskus sprechen von falschen Anschuldigungen und Provokationen. Im UN-Sicherheitsrat war es jedenfalls nicht gelungen, eine Resolution zum Chemiewaffeneinsatz in Syrien zu verabschieden.
Russland und Syrien haben unterdessen Israel angeklagt, einen Luftwaffenangriff auf einen syrischen Stützpunkt bei Homs geflogen zu haben, wie die Jerusalem Post berichtete. Dort seien auch russische Soldaten und Kampfhubschrauber stationiert.
Auf der permanenten Suche nach einem Kriegsgrund
Sie suchen nach einem »Casus Belli«, nach einem Vorwand für den großen Militärschlag. Sie versuchen es immer wieder. Mal ist es ein Flugzeugabschuss, mal ist es ein Chemiewaffen-Einsatz, mal ist es ein Attentat auf einen Doppelagenten, mal ist es die Einmischung in die US-Wahlen, mal ist es in der Ukraine, mal ist es in Syrien – Putin, Assad und das Regime im Iran bleiben in der Schusslinie. Irgendwann muss es ja mal klappen. Irgendwann muss Bahn frei für den großen Einsatz sein.
Aber kaum einer glaubt noch diesen Vorwürfen. Keiner traut mehr den säbelrasselnden Mainstream-Medien. Jeder der Vorfälle der letzten Jahre, der als möglicher »Casus Belli« ins Feld geführt wurde, könnte theoretisch auch eine »False Flag«-Aktion der Geheimdienste sein. Immer enden die Untersuchungen im Dunkeln. Immer bleibt ein fader Beigeschmack zurück.
Und nun die Reaktionen auf den Chemiewaffeneinsatz in Syrien. Warum sollte Bashar al-Assad ausgerechnet jetzt Chemiewaffen einsetzen? Warum sollte er ausgerechnet jetzt, da die meisten militanten Islamisten-Gruppen fast besiegt sind, das Risiko eingehen, eine internationale Militärintervention auszulösen? Warum sollte er das tun? Die Frage »cui bono?« lässt viele Optionen offen. Aber Assad könnte aus solch einem Einsatz keinen Nutzen ziehen. Auch Putin nicht. Denn Russland hat einen Großteil seiner Truppen aus Syrien längst abgezogen, weil der IS(IS) und andere islamistischen Gruppen (Al Nusra – Al Qaida) dort fast besiegt sind.
Wer glaubt vor diesem Hintergrund noch, dass die Chemiewaffeneinsätze tatsächlich von Assad angeordnet wurden? Anscheinend der US-Präsident Donald Trump. Auf journalistische Fragen, woher der Präsident seine Informationen zur Lage in Syrien habe, antwortete die Pressesprecherin des Weißen Hauses, dass der Präsident von vertrauenswürdigen nationalen Sicherheitsberatern umgeben sei, die ihn mit Informationen versorgen würden. Näheres wollte sie nicht sagen. Es sei alles vertrauenswürdig, hob sie nochmals hervor.
Das wirft neue Fragen auf: Wie vertrauenswürdig sind diese Sicherheitsberater tatsächlich? Wird Trump mit objektiven Informationen und Fakten versorgt? Ist es auszuschließen, dass seine Entscheidungen manipuliert werden von Interessensgruppen, die ein hartes Vorgehen gegen Syrien und Russland herbeiwünschen? Interessant ist in diesem Kontext, dass ausgerechnet jetzt die Sicherheitsberaterin und Assistentin des Präsidenten, Nadia Schadlow, zurückgetreten ist.
Viele US-Amerikaner, die Trump 2016 zum Präsidenten gewählt haben, werden enttäuscht sein. Denn einer der Gründe für diese Wahl war, dass Trump sich gegen die interventionistische Politik von zunächst Bush, dann Obama und Ex-Außenministerin Hillary Clinton ausgesprochen hatte. Die Demokratin Clinton galt wie der Neocon George W. Bush als »Falke«, wenn es um Auslandseinsätze im Nahen und Mittleren Osten geht. Nun wird auch Trump zum Falken.
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