Multikulti erschwert Binnensolidarität

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Multikulti erschwert Binnensolidarität
Datum: 20.10.2016 - 12:50 Uhr

Früher waren Volksgruppen durch Traditionen, gemeinsame Erinnerungen, Handwerkskünste, Lieder, Literatur, Feste, Zeremonien, Rituale und gemeinsame Werte zusammengehalten. Es gab ein tief verwurzeltes kulturelles Gedächtnis, das die Gesellschaft zusammenschweißte.



Heute soll das Vertrauen in die demokratische Grundordnung und westliche Wertegemeinschaft ausreichen, um Gemeinsamkeit und Binnensolidarität zu stiften. Wer glaubt, dass dies ausreiche, ignoriert die Geschichte.


Gleich und gleich gesellt sich gern. Je näher Menschen sich stehen, desto eher sind sie zur Solidarität bereit. Gewachsene Gesellschaften halten zusammen. Gesellschaften mit großer Fluktuation und unübersichtlichem Wandel driften auseinander. Das Vertrauen sinkt. Die Menschen suchen Halt in spezifischen Milieus. Schließlich driften viele ab und verlieren sich in der Anonymität der Großstadt. Die Gesellschaft wird kalt. Sie hat ihr Herz verloren.


Die Geschichte ist übervoll mit Beispielen. Das 20. Jahrhundert hat uns gelehrt, wie Vielvölkerstaaten auseinanderbrachen. Serben und Kroaten hatten sich niemals als Jugoslawen gefühlt. Die Kurden wollen keine Bergtürken sein, wie sich das Kemal Atatürk vorstellte. Heute findet man in ganz Europa Beispiele für die Renaissance der Regionen. Basken, Katalanen, Schotten, Bayern, Südtiroler, Wallonen und Flamen: Sie alle suchen Identität im Vertrauten ihrer Region. Die EU ist ihnen so fern wie der sprichwörtliche Sack Reis in China.


Zwei Beispiele verdeutlichen die Problematik: USA und Skandinavien


Die Vereinigten Staaten von Amerika sind eine Nation von Einwanderern unterschiedlichster Herkunft. Europäische Einwanderer aus Irland, England und Deutschland haben andere Traditionen mitgebracht als die Afroamerikaner oder eingewanderten Asiaten. Die USA sind geprägt von so großer Unterschiedlichkeit der Einwanderer, dass man einen völlig übertriebenen US-Nationalkult braucht, um die heterogene Bevölkerung zu einer Gemeinschaft zusammenzuschweißen. In den USA wird die Stars-and-Stripes-Flagge wird wie ein heiliges Symbol gefeiert, in den Schulen wird vornehmlich amerikanische Geschichte gelehrt, Patriotismus von den Medien und Politikern als wichtiger Wert gepredigt.


Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Amerikaner jede staatliche Einmischung als Sozialismus verwerfen. Für Europäer mutet es fast exotisch an, wie die Amerikaner sich gegen eine allgemeine Krankenkassenversorgung wehren.


Der Grund ist einfach: Es gibt keine gesamtamerikanische Binnensolidarität, die über die freiwillige Nachbarschafts-Solidarität hinausgeht. Der Banker in Manhatten, der Afroamerikaner in der Bronx, der orthodoxe Jude in Brooklyn, der katholische Italiener in East-Harlem („Little Italy“), der Ire aus New Jersey – sie alle wohnen in der Nähe und sind sich doch so fern. Freiheit heißt hier soziale Ferne.


Die vielen China-Towns in den USA und Kanada sind kein Zeugnis von Multikulturalität, sondern von Abgrenzung. Die asiatischen Einwanderer sind gern unter ihresgleichen. In den USA leben die Kulturen eher nebeneinander als miteinander.


Anders in Skandinavien. Bevor die großen Migrationswellen Skandinavien veränderten, waren die Einwohner dort in kleiner Zahl unter sich. Schweden, Norweger und Dänen haben in ihren Ländern ganz eigentümliche Formen der Binnensolidarität entwickelt. Es ist nicht verwunderlich, dass ausgerechnet diese Länder eine glückliche Zwischenform zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Freiheit und Binnensolidarität gefunden hatten.


In kleinen und überschaubaren Gesellschaften wie den skandinavischen konnte etwas aufgebaut werden, das in Amerika niemals möglich war. Binnensolidarität braucht eine Vertrauensbasis, diese wiederum benötigt Empathie und Verständnis. Die Menschen in Schweden konnten ihre Nachbarschaft gut einschätzen. Man kennt sich, man weiß miteinander umzugehen.


Kulturelle Bereicherung heißt nicht Aufgabe kultureller Identität


Verschiedene Kulturen kennenzulernen ist eine Bereicherung. Verschiedene Kulturen zu leben ist jedoch ein völlig anderes Blatt. Die meisten Deutschen können sich nicht vorstellen, in einem islamischen Familienumfeld zu leben oder sich dem indischen Kastensystem unterzuordnen oder chinesisches Guanxi zu pflegen.


Unsere ganze Kultur basiert auf einem völlig anderen Konzept des Individuums und Zusammenlebens. Wir stehen mit einem Bein in christlicher Tradition, mit dem anderen Bein auf dem Erbe der klassisch-griechisch-römischen Antike und leuchten uns den Weg mit der Fackel der abendländischen Aufklärung.


Kultur und Werte gehen Hand in Hand. Wer kulturell fest verankert ist, hat klare Wertvorstellungen. Vielfalt dagegen ist Beliebigkeit. Auf Beliebigkeit kann man keine Gemeinschaft gründen. Die Zuwanderer, die aus den islamischen Ländern nach Europa kommen, wissen das. Sie suchen den vertrauten Rahmen ihrer Familien, ihrer Clans, ihrer Kultur, ihrer Religion. Fast alle Migranten suchen zunächst Anschlusspunkte unter Menschen gleicher Herkunft. Sie suchen nicht die multikulturelle Gesellschaft. Sie bringen die Kultur ihrer Heimat in das andere Land mit. Sie bauen sich eine Heimat in der Fremde auf.


Multikulti funktioniert nur in Multikulti-Milieus


Hipster und Studenten im Internet-Café finden untereinander schnell das Gespräch. Sie liebe die multimediale Vernetzung, reden über ihren Bachelor-Degree und tauschen Instagram-Bilder aus. Sie mögen aus Asien, Amerika oder Europa stammen. Doch sie haben vieles gemeinsam: Sie sind junge Studenten, polyglott und internetaffin. Sie kommen zwar aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern, doch aus dem gleichen sozialen Milieu. Das schafft Gemeinsamkeit.


Solche Milieu-Brücken zwischen Kulturen finden sich auch im kulturellen Bereich. Musik klingt über alle Grenzen. Hier können Menschen unterschiedlichster Herkunft zueinander finden. Wer „irgendwas mit Medien“ macht, wird in Südkorea genauso schnell unter Gleichgesinnten Anschluss finden wie in Neuseeland.


Weniger Verständnis haben so mache Studenten dagegen für den Klempner um die Ecke, für den Rentner im Altersheim, für den Fabrikarbeiter in der Frühschicht, für den Arbeitslosen im Jobcenter. Diese Welt kennen die meisten Studenten nicht. Sie haben vielleicht einen Schüleraustausch mit High-School-Studenten in den USA gemacht. Aber sie haben nicht mit der Rolle des Bergwerkarbeiters in Ruhrgebiet getauscht.


Die multikulturelle Gesellschaft ist ein Idealbild bestimmter Milieus. Doch dieses Idealbild lässt sich nicht auf die Allgemeinheit übertragen. Die ideologischen Vordenker des neuen Europa haben dies missachtet. Die aktuellen Entwicklungen in Europa zeigen, dass die Vordenker falsch gedacht hatten, genauso wie die Vordenker der Sowjetunion daneben lagen. Warum hatten die Letten, Litauer, Esten, Ukrainer, Weißrussen, Kasachen, Usbeken, Tadschiken, Jakuten, Turkmenen und die anderen Sowjetvölker sich nie mit der supranationalen Idee abfinden können?


Die Menschen wollen kein abstraktes Supra-Staats-Gebilde à la EU mit Universalwerten. Sie suchen Halt in Vertrautheit und Heimat.



Sven von Storch

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