Medien_ Hochkonjunktur der Durchhaltepropaganda
Medien_ Hochkonjunktur der Durchhaltepropaganda
Datum: 23.09.2016 - 11:00 Uhr
„Uns geht es gut“. So betitelte Spiegel-Online aktuell einen Artikel über den jüngsten Vermögensbericht der Allianz, der auch als „Global Wealth Report“ bekannt ist. Zwar liefert der eigentliche Bericht durchaus widersprüchlich Angaben und beleuchtet die asymmetrische Vermögensverteilung kritisch. Doch die zentrale Botschaft, die mit solchen Überschriften bei Zeitungsartikeln suggeriert wird, will den Menschen einreden, dass ihre Sorgen und Probleme nur eingebildet seien.
In ein ähnliches Horn blies kürzlich Welt-Online/N24 mit der Schlagzeile: „Warum es Deutschland so gut geht wie noch nie“. In diesem Artikel wird darauf hingewiesen, wie die Arbeitslosenzahlen gesunken seien und wie gut Deutschland im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarländern stehe. Die Wirtschaft brumme. Aber auch hier konnte man nicht verschweigen, dass das Armutsrisiko für viele Menschen gestiegen ist. Die Welt bezog sich auf Studien der Bertelsmann-Stiftung. Im Grunde ist der Artikel ein Lobgesang auf die Politik der Bundesregierung. Alles ist gut.
Doch jede Medaille hat zwei Seiten. Selbst die Studien sind oftmals nüchterner als uns die Zeitungsüberschriften einreden wollen. Fakt ist, dass Presseerklärungen oftmals gezielt zur Beeinflussung der öffentlichen Wahrnehmung in die Medien lanciert werden. Dabei wird bewusst auf die jeweils passende Seite der Medaille gezeigt. Die Geldmenge und das Vermögen haben weltweit zugenommen? Das mag sein, hat aber eine höhere Inflation zur Folge. Deutschland steht im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn höher im Ranking? Das mag korrekt sein. Doch die Relation hat auch mit den Wirtschaftskrisen und Schuldenbergen in den entsprechenden Ländern zu tun. Und was ist mit den positiven Wirtschaftsentwicklungen der letzten Jahre? Diese hänge unter anderem mit der Erholung von der letzten großen Finanzkrise zusammen.
Das größte Problem solcher Presseerklärungen und Artikel sind die Titelsuggestionen wie „uns geht es gut“ oder „Deutschland geht es gut“. Denn weder der Durchschnitt noch die Gesamtsumme geben klare Auskunft darüber, wie es vielen Menschen wirklich geht. Ein paar Milliardäre können den Durchschnitt erheblich nach oben drücken. Davon kann sich das Gros der Bevölkerung nichts kaufen.
Warum dieses Bemühen, den Deutschen die „uns-geht-es-gut“-Stimmung einzureden?
Egal ob die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die Bertelsmann-Stiftung oder das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), sie alle scheinen Presseerklärungen zu lieben, welche die Lage in Deutschland schönreden. Die Medien der Axel-Springer-Presse oder der Spiegel-Gruppe lieben es ebenso, Schlagzeilen zu verbreiten, die den Eindruck erwecken, es gehe bergauf, alles sei gut.
Die entscheidende Frage ist: Wenn es den Menschen in Deutschland mehrheitlich so gut ginge und wenn die Zukunftsaussichten so rosig wären, wie es uns eingeredet wird: Warum braucht man dann eine regelmäßige Flut von Heile-Welt-Artikeln mit Uns-geht-es-gut Botschaften?
Die Antwort ist einfach. Wenn die Politik und die Medien sowie die dahinter stehenden Think Tanks und Unternehmensberatungen den Deutschen immer wieder eintrichtern, dass es ihnen gut gehe und es keinen Grund zum Jammern gebe, dann kann dies nur dem Ziele dienen, die Zivilgesellschaft von Forderungen an die Politik und Wirtschaft abzuhalten. Es sollen keine Begehrlichkeiten geweckt werden. Wem es gut geht, der hat ja keinen Grund, sich zu beschweren.
Viele wirtschaftsnahe Stiftungen, Think Tanks und Unternehmensberatungen sind international aufgestellt. Hier geht klingen im Hintergrund die Bedürfnisse von Investoren aus aller Welt mit. Diese Investoren vertreten im Lande selbst jedoch Partikularinteressen, nämlich jene ihrer Unternehmen. Unternehmen investieren nicht im Lande, weil sie der dortigen Bevölkerung helfen wollen, sondern weil sie kostengünstig produzieren wollen.
Die Menschen fühlen sich nicht ernst genommen
Die Bürger im Lande registrieren sehr wohl die Wirklichkeit. Die Zahl der Kinder in Armut hat zugenommen. Die Zahl der Menschen, die ihr Einkommen mit Hartz-IV-Leistungen aufstocken müssen, ebenso. Die Ersparnisse der Bürger werden nicht mehr mit Zinsen honoriert. Die Aussicht auf eine sichere Rente wird für die junge Generation immer trüber. Die Sichtbarkeit der Armut in den Straßen der Städte nimmt zu. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr. Die wirtschaftlichen Wachstumsraten in Europa sind im Vergleich zu den angelsächsischen Länder und den Industriestaaten Ostasien jämmerlich gering. Die Inflation sorgt regelmäßig dafür, dass die Menschen sich weniger leisten können. Die Bürger erleben, wie ihre Krankenversicherungen immer teurer werden und wie gelichzeitig die Leistungen immer mehr abgespeckt werden. Sie müssen zunehmend privat vorsorgen: für die Rente, für die Pflege, für die Gesundheit.
Angesichts dieser kristallklaren Zustände und Entwicklungen sind Antworten und Lösungen gefragt. Doch die fehlen. Stattdessen wird die Zivilgesellschaft mit Schönfärberei und Durchhalteparolen abgefertigt. Die Konsequenz daraus: In den meisten Ländern Europas wenden sich die Menschen aus Protest den oppositionellen Parteien zu. Weil diese Parteien die Probleme der Menschen aufgreifen, werden sie populistisch genannt.
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