Massenmigration_ Der große Exodus steht noch aus

Veröffentlicht:

Massenmigration_ Der große Exodus steht noch aus
Datum: 17.10.2016 - 10:00 Uhr

Man spricht von „Doublers“ und „Decliners“. Die ersten sind Staaten, deren Bevölkerung sich bis 2050 verdoppeln oder gar vervielfachen wird. Die zweiten sind Länder, deren Bevölkerung sich im Laufe der nächsten Jahre deutlich verringern wird – durch Abwanderung, niedrige Geburtenraten, späte Familiengründungen.

Die „Doublers“ liegen zum allergrößten Teil in Afrika. Die „Decliners“ befinden sich bis auf wenige Ausnahmen in Europa. Europa und Afrika: Das ist demographische Asymmetrie im Extremen.
Konkrete Zahlen: Europa hatte um 1900 über 400 Millionen Einwohner, Afrika rund 120 Millionen. Um 1960 hatte Europa 640 Millionen Einwohner, Afrika 246 Millionen (Quelle: UNO, nach Fischer Weltalmanach 1961). Und heute? Afrika hat rund 1,1 Milliarden Einwohner, Europa weniger als 750 Millionen. Allein Nigeria hatte um 1970 rund 50 Millionen Einwohner, heute mehr als 150 Millionen. Die Tendenzen sind eindeutig. Sie werden untermauert durch den Anteil junger Menschen in der Bevölkerung. Rund die Hälfte aller Einwohner Nigerias ist unter 16 Jahre alt.

Afrika und Europa fallen aus dem Rahmen

Überall auf der Welt gibt es Unterschiede in der demographischen Entwicklung. In Lateinamerika wächst die Bevölkerung schneller als in Nordamerika. Die Folge ist vermehrte Migration in die USA und nach Kanada. In Ostasien wird sich die Bevölkerung in den nächsten 50 Jahren stabilisieren (wie in China), in einigen Ländern sogar abnehmen (wie in Japan). In Südasien wird die Bevölkerung weiter zunehmen. Doch auch hier scheint sich das Wachstum leicht abzuschwächen. Die Geburtenrate ist in den meisten asiatischen Ländern rückläufig. Sogar in Indien nimmt die Zahl der Kinder pro Frau ab. Hauptgrund für die Abschwächung des Bevölkerungswachstums in Asien ist die Verstädterung. In den Städten sind Kinder zu teuer. Auf dem Lande dagegen gelten sie als Arbeitskraft.

Doch die Kontinente mit den stärksten Extremen sind Europa und Afrika. In Westeuropa bleibt die Bevölkerung durch Einwanderung und Kinderreichtum der Migranten stabil, in Mittel-, Süd und Osteuropa nimmt sie deutlich ab.

In Afrika dagegen setzt sich die Bevölkerungsexplosion unvermindert fort. Das Ungleichgewicht zwischen beiden Kontinenten wird zur größten demographischen Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

Vom massiven Bevölkerungsanstieg besonders gezeichnet sind Staaten wie Niger, Sambia, Angola, Uganda, Mali, Tansania, Burundi, Kongo, Somalia, Malawi, Gambia, Tschad, Senegal, Burkina Faso, und Nigeria.

Die großen Wanderungen stehen noch bevor

Bürgerkriege, Desertifikation (Wüstenausdehnung), Wassermangel, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Korruption: Es gibt viele Faktoren, die zur Festigung der Armut in Afrika beitragen. Zwar mildern Entwicklungshilfen aus Europa und den USA sowie die Wirtschaftsinvestitionen aus China die Not, doch die Wahrscheinlichkeit, dass große Teile Afrikas in den nächsten Jahrzehnten aus der Misere herauswachsen können, ist sehr gering.

Das Problem: Das Wirtschaftswachstum hält mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt. Selbst wenn es in einigen Regionen aufwärts geht, weil neue Erdölquellen ausgebeutet werden (wie zum Beispiel in Angola), dann führt dies zunächst zu großen Ungleichheiten in der Bevölkerung, die oft Spannungen hervorrufen.

Erst kürzlich warnte der Migrationsexperte Reiner Klingholz in einem Interview mit Welt-Online/N24 vor großen Massenmigrationen von Afrika nach Europa. Man müsse schnellstmöglich aktiv werden und seine Afrikapolitik überdenken. Vor allem müsse für mehr Bildung in Afrika gesorgt werden, damit die Menschen sich dort besser selbst helfen können.

Noch kommen die Menschen zum großen Teil aus den islamischen Ländern

Zurzeit kommt die Mehrheit der Migranten aus Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten. Doch diese Welle könnte bald überholt werden von einer zweiten und größeren. Im Nahen und Mittleren Osten sind es vor allem die Kriege, die die Menschen in Bewegung setzen. Staaten zerfallen – wie Libyen, Irak oder Syrien – oder können mit ihrer Bevölkerungsexplosion wirtschaftlich nicht mehr umgehen – wie in Ägypten. Südlich der Sahara sind selbst die friedlichen Länder in Armut gefangen.

Der äthiopische Unternehmensberater Asfa-Wossen Asserate fasste es in klare Worte: „Afrika sitzt auf gepackten Koffern“ schrieb er im Magazin Cicero. Die Zahl der Flüchtlinge werde weiter steigen, argumentierte er. Angela Merkels Reisen nach Afrika, um Handelspartnerschaften aufzubauen, werden das Problem nicht von heute auf morgen verändern können.

Doch Asserate machte auch darauf aufmerksam, dass viele Afrikaner nur ungern ihre Heimat und Familie verlassen. Wenn sie es tun, dann ist die Not wirklich groß. Die Auswanderungen könne man nur bremsen, wenn man wirklich die Armut bekämpft und den Menschen Perspektiven bietet.
 

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.