Krisenstaaten sind zugleich die kinderreichsten Länder
Krisenstaaten sind zugleich die kinderreichsten Länder
Datum: 19.10.2015 - 09:33 Uhr
Die gute Nachricht zuerst: Die Welt hat ein globales „Peak Child“ erreicht. Es gibt ungefähr 7 Milliarden Menschen auf diesem Planeten, davon 2 Milliarden Kinder. Der letzte Wert ist mittlerweile stabil. Während in den 1970er Jahren die Geburtenrate pro Frau global bei 4-5 Kindern lag, liegt sie jetzt bei 2-3 Kindern. Das heißt, ein Ende des globalen Bevölkerungswachstums ist bereits absehbar. Bei rund 10 Milliarden Menschen wird sich die Bevölkerung der Erde einpendeln.
Die schlechte Nachricht: Die Zahl der Geburten pro 1000 Einwohner ist von Land zu Land höchst unterschiedlich. Dabei zeigt sich ein merkwürdiges Bild: Nicht nur das Verhältnis von Stadt- zur Landbevölkerung ist für die Geburtenrate entscheidend. Das wäre vorauszusehen gewesen. Vielmehr zeigt sich, dass je unsicherer eine Region ist, je mehr durch Krieg und Not geprägt, desto höher sind die Geburtenrate und das Bevölkerungswachstum. Die geringere Lebenserwartung wird durch die hohe Zahl der Kinder mehr als wettgemacht.
So sind Bevölkerungswachstum und Geburtenrate in Ländern wie Afghanistan, Irak, Somalia und dem Kongo besonders hoch, obwohl die Krisen und grausamen Kriege Gegenteiliges erwarten ließen. Dies bedeutet, dass es auf absehbare Zeit in den Krisenregionen eine große Anzahl junger Menschen gibt, denen Zukunftschancen fehlen und die deshalb in Massen emigrieren.
Religion und Lebensstandard spielen eine immer geringere Rolle
Überraschend: Religion und Lebensstandard spielen mittlerweile eine geringere Rolle bei der Zahl der Geburten. So haben Länder wie Katar und Bangladesch seit den 1970er Jahren eine ähnlich rückläufige Entwicklung bei der Zahl der Geburten gezeigt, obwohl Katar sehr reich und Bangladesch sehr arm ist. Bei den Ländern der Dritten Welt zeigt sich zudem, dass die Geburtenrate nicht davon abhängt, ob das Land mehrheitlich christlich, muslimisch oder hinduistisch geprägt ist.
Eine interessante Zusammenstellung und Visualisierung der Daten hat der schwedische Statistiker Hans Rosling vorgestellt. Er hat auf einer TED-Konferenz deutlich zeigen können, dass Religion und Reichtum in ihrer Bedeutung für das Bevölkerungswachstum eine immer geringere Rolle spielen und dass weltweit eine klare Tendenz zur geringeren Geburtenrate erkennbar sei.
In Asien hat das Bevölkerungswachstum deutlich abgenommen
Statistisch besonders signifikant sind die Entwicklungen in Asien. Der indische Subkontinent, d.h. Pakistan, Indien und Bangladesch, hat in seiner Bevölkerungsgesamtheit China bereits abgelöst. Doch ist eine Abflachung des Wachstums erkennbar. Die Geburtenrate ist in Indien auf 2,5 Kinder, in Pakistan auf 3,2 und in Bangladesch auf 2,2 Kinder pro Frau gesunken. In den 1960er Jahren lag die Geburtenrate pro Frau in Indien noch bei rund 6 Kindern.
In China selbst hatte anfangs die Ein-Kind-Politik zu einer geringen Geburtenrate geführt. Doch mittlerweile sind durch die Verstädterung und höheren Bildungsanforderungen die meisten Chinesen ökonomisch kaum in der Lage, mehr als zwei Kinder pro Familie aufzuziehen, selbst wenn sie es wollten. Das hat sich zunächst in Hongkong gezeigt und ist nun auf das Festland übertragbar. Damit schließt China an die Entwicklung an, die sich bereits in Japan, Korea, Singapur und Taiwan abgezeichnet hatte.
Die Weltbevölkerung wird afrikanischer
Den größten Bevölkerungszuwachs bei gleichzeitig hoher Geburtenrate gibt es in Afrika südlich der Sahara. Dabei zeigt sich, dass zum einen der große Anteil der ländlichen Bevölkerung bei dieser Entwicklung eine große Rolle spielt. Doch vor allem die geringe Lebenserwartung durch die hohe Kindersterblichkeit, Kriege und Bürgerkriege, Kriminalität, fehlendes staatliches Gewaltmonopol und Armut sowie die mangelnde staatliche Grundversorgung im Alter sind der Grund für die weiterhin hohe Geburtenrate. Nichtsdestotrotz ist auch in Afrika mehrheitlich ein Trend zu weniger Kindern absehbar. Allerdings wird es auf diesem Kontinent noch lange dauern, bis sich der Bevölkerungspegel auf einem stabilen Niveau eingependelt hat.
Die Spitzenwerte haben Länder wie Niger, Mali, Somalia, Uganda, Burkina Faso, Burundi, Sambia, Süd-Sudan, Angola, Kongo, Mosambik, Äthiopien, Nigeria, Malawi, Benin und Tansania. In diesen Ländern liegt die Geburtenrate pro Frau bei 5-7 Kindern. Lediglich Afghanistan lässt sich als außerafrikanisches Land in diese Spitzenliste einfügen.
Worauf müssen wir uns einstellen?
Die Mehrheit der Migranten, die Zuflucht in Europa suchen, wird weiterhin größtenteils aus Afrika und den Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens kommen. Denn je tiefer die Regionen in Kriege verwickelt sind und je geringer die staatliche Fürsorge und Schulbildung ist, desto mehr Kinder werden geboren, denen in ihrer Heimat keine Zukunftsperspektive geboten werden kann.
Eine vorteilhaftere Stabilisierung der Bevölkerung kann in nahezu allen Ländern durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Stabilität erreicht werden. In den Armuts- und Kriegsregionen könnte durch Stabilität das Bevölkerungswachstum verringert werden. In den Industrieländern könnte dagegen eine leichte Erhöhung der Geburtenrate erreicht werden, wenn die jungen Menschen sich weniger Sorgen um die Finanzierbarkeit einer kinderreichen Familie machen müssten.
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