Japans größtes Problem
Japans größtes Problem
Datum: 23.02.2015 - 11:22 Uhr
Tsunamis, Atomunfälle, Erdbeben, Wirtschaftsflauten und die wachsende Konkurrenz durch China: Man könnte denken, dies seien Japans größte Probleme. Doch etwas anderes scheint die dortige Gesellschaft viel mehr zu beunruhigen, nämlich Japans geringe Geburtenrate und das Desinteresse der jungen Japaner an Familiengründung. In keinem Land der Erde altert und schrumpft die Bevölkerung so schnell wie Japan.
Nach japanischen Umfragen sollen rund 45 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer im Alter von 16 bis 24 Jahren haben kein Interesse mehr an sexuellen Kontakten haben. Mehr als ein Drittel der unter 30jährigen war noch nie in einer festen Beziehung, mehr als die Hälfte der erwachsenen Japaner sind Singles. Wer sich die alarmierenden Statistiken zu Gemüte führen möchte, kann sich die detaillierten Umfragen des japanischen „National Institute of Population and Social Security Research“ anschauen.
Im Jahr 2060 wird die Bevölkerung Japans um fast ein Viertel zurückgegangen sein. Das einzige, was kontinuierlich zunimmt, sind ist das Durchschnittsalter und der prozentuale Anteil der Senioren in der Gesellschaft. Japans Gesellschaft altert im Zeitraffer. Qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Die japanische Wirtschaft befürchtet für die Zukunft den Kollaps, falls nicht entgegengesteuert wird.
Mittlerweile wird viel Energie und Forschung in die Entwicklung von Robotern investiert, um die anstehenden Pflegenotstand auszugleichen. Die Roboter sollen den bedürftigen Menschen im Alter behilflich sein, während die jungen Japaner 10 bis 16 Stunden pro Tag in ihrem Unternehmen arbeiten müssen und keine Zeit für die Pflege der Familienangehörigen haben.
Zu hohe Ansprüche an die Familiegründung
Für Japaner ist eine Familiengründung eine aufwendige Sache. Die Lebenshaltungskosten sind hoch, die Mieten teuer und die Anforderungen an die Erziehung und Bildung der Kinder enorm.
Männer sind an traditionelle Erwartungen gefesselt. So wird erwartet, dass sie sich selbstlos dem Erfolg des Wirtschaftsunternehmens widmen, in dem sie angestellt sind. Viele junge Männer können sich nicht mehr vorstellen, mit ihren Einkommen die finanziellen Bedürfnisse von Frau und Kindern zu befriedigen.
Auch junge berufstätige Frauen stehen in der Zwickmühle. Frauen, die wegen der Kinder aus dem Beruf aussteigen, haben später Schwierigkeiten, wieder in die Karriere zurückzufinden. Doch ein einzelnes Einkommen reicht immer seltener aus, um eine Familie zu ernähren. Viele Frauen schieben ihren Kinderwunsch immer weiter hinaus, bis sie die biologische Uhr spüren. Dann ist es oft für eine Familiengründung zu spät.
Viele junge Japaner leben noch bei ihren Eltern. Das Einkommen ist oftmals zu gering und die Lebenshaltungskosten in der Stadt – dort wo die Jobs sind – zu teuer. Sie können sich kein eigenständiges Leben leisten. An eine Familiengründung ist unter solchen Umständen nicht zu denken.
Japanerinnen haben zudem große Furcht vor einer ungewollten Schwangerschaft. Uneheliche Kinder zu haben oder eine allein erziehende Mutter zu sein, ist in Japan immer noch tabu. Doch um sich eine Familiengründung vorzustellen, wollen die jungen Japanerinnen beruflich abgesichert sein und den absoluten Mr. Right gefunden haben. Damit tun sie sich schwer, denn ihre Ansprüche sind hoch.
„Herbivore Men“
Die Forderungen an Karriere und Familiengründung sind so gewachsen, dass unter den männlichen Japanern eine neue Bewegung entstanden ist. Diese Männer werden „Herbivore Men“ bzw. „Soshoku danshi“ – „Graßfresser“ genannt. Es handelt sich um junge männliche Singles, die sich von den klassischen japanischen Männlichkeitsbildern abgewendet haben.
Statt junge Frauen zu treffen und auf Partys zu feiern oder sich intensiv um ihre Karrierepflichten zu kümmern, verbringen diese Männer viel Zeit mit individuellen Hobbys, Computerspielen oder damit, sich beruflich oder privat selbst zu verwirklichen. Ihr Geld behalten sie lieber für sich selbst. Sie sparen es, legen es an oder bezahlen damit ihre Hobbys. An Familienplanung wollen sie nicht denken. Ihnen ist klar, dass eine Familie langfristig ohnehin unbezahlbar ist, und verzichten somit gleich zu Beginn auf eine solche Option.
Kaum Einwanderung
Japan ist kein Einwanderungsland. Die Ausländerquote ist äußerst gering. Nur wenige Ausländer sind bereit, die schwierige japanische Sprache und Schrift zu erlernen. Die alltäglichen Umgangsformen und sozialen Verflechtungen sind in Japan sehr komplex. Für Ausländer sind sie schwer zu durchschauen. Japan hat eine besonders fein gesponnene Gesellschaftshierarchie. Permanent ins Fettnäpfchen zu treten ist für Ausländer typisch und kaum zu verhindern. Dies ist ein großes Hindernis, in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Aus diesem Grunde können die demographischen Entwicklungen in Japan nicht durch Einwanderung aufgefangen werden.
Jugend im Schatten ihrer Elterngeneration
Die Sicherheit und Verdienstmöglichkeiten ihrer Eltern bleiben den meisten jungen Japanern verwehrt. Sie wissen, dass ihnen unterm Strich wenig übrig bleibt. Also tun sie, was nahe liegend ist. Sie steigen aus dem System aus. Sie definieren ihre eigenen Werte, verweigern sich den gesellschaftlichen und familiären Ansprüchen und leben ihren neuen Individualismus.
Dieses Problem ist für die japanische Gesellschaft und Volkswirtschaft mittlerweile so gravierend, dass sich die Regierung Programme ausdenkt, um die jungen Japaner zum Heiraten und Kinderkriegen zu bewegen. Doch bis jetzt waren diese Bemühungen erfolglos.
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